»Aber…« Herr Schröder schluckte. »Also …« Er rieb sich mit der Hand über die Augen und riss sich zusammen. »Also klar… machen wir weiter mit dem Satz des Pythagoras.«
Draußen auf dem Gang huschte Wolf schneller als jeder Mensch sich jemals bewegen konnte zur Treppe und hinunter und in die Eingangshalle des Internats. Direktor Schlösser und die beiden Rettungssanitäter, die gerade auf ihrer Trage Rudi Hammerschmitt, den Kapitän der Fußballmannschaft von Schloss Schwarzenstein aus seinem Internatszimmer trugen, spürten nur einen kühlen Luftzug, als Wolf an ihnen vorbeikam. Erst hinter einer der großen Säulen wurde Wolf wieder sichtbar und spähte um die Ecke. Auch ohne dass er seine Ohren spitzen mussten hörte er, was der Notarzt zu Herrn Schlösser sagte: »Der Junge hat eine schlimme Magenverstimmung. Wir werden ihm im Krankenhaus den Magen auspumpen. Und es ist ganz klar, dass der Reispudding mit Blaubeeren, dessen Reste in seinem Zimmer auf dem Tisch stehen, die Ursache für seine Beschwerden ist. Auf den Blaubeeren habe ich kleine Stücke eines getrockneten Pilzes gefunden, die wie Schokoflocken aussehen!«
»Wie gemein«, sagte auf einmal Lea neben Wolf. Sie grinste ihren Bruder an. »Herr Schröder hat die Stunde beendet, weil er meint, dass er Halluzinationen hat.« Sie nickte hinüber zu Andreas Beck, der das Zimmer neben Rudi Hammerschmitt bewohnte. Andreas lehnte cool in der Tür, als ginge ihn das alles gar nichts an. »Ich wette, Andreas hat Rudis Reispudding vergiftet.«
Das war nicht unlogisch, das musste Wolf zugeben. Andreas war der stellvertretende Kapitän der Fußballmannschaft und jeder wusste, dass er gern Rudis Posten als Kapitän eingenommen hätte.
Inzwischen war der Koch aus der Internatsküche gekommen und redete auf Direktor Schlösser ein. Wolf spitzte seine Ohren. »Der Reispudding war heute Mittag der Nachttisch, und Rudi hat sich eine Extra-Portion mitgenommen«, erklärte er. »Er wollte ihn später essen.« Mit einem vielsagenden Blick schaute er zu Andreas.
»Ja - was?«, brummte der nur und starrte trotzig auf seine nagelneuen, blitzsauberen Sneaker. »Ich war von eins bis zwei im Schulgarten, um die Tomatenpflanzen zu kontrollieren, die wir im Bio-Unterricht durchnehmen. Danach bin ich gleich in die Bibliothek!«
Mit einem Mal spürte Wolf einen kalten Hauch und er bekam eine Gänsehaut. Und auch der seltsame, kaum wahrnehmbare Geruch, der in der Luft lag, war unverkennbar. Herr Schiller, der Sportlehrer, wandte sich an den Direktor. Seine Augen schienen zu glühen, und Wolf spürte die Wut, die der Werwolf selbst in seiner Menschengestalt ausstrahlte. »Ich habe nach dem Mittagessen hier auf dem Gang Aufsicht gehabt!«, erklärte Schiller knurrend. »Ich habe gesehen, wie Rudi mit dem Reispudding in sein Zimmer ging. Von ein bis zwei Uhr waren dann alle Schüler, die hier wohnen in ihren Arbeitsgruppen. Um zwei kamen sie zurück, darunter auch Rudi. Und zehn Minuten später taumelte er blass und schwankend aus seinem Zimmer, sodass ich den Notarzt gerufen habe. Während der ganzen Zeit ist kein anderer hier auf dem Gang gewesen oder in Rudis Zimmer gegangen, das kann ich beschwören!«
»Ui-hii, wenn das mal stimmt!«, murmelte Lea neben ihrem Bruder. »Wer glaubt schon einem Werwolf?« Sie schüttelte sich. »Komm, lass uns verschwinden, ich mag Schiller nicht!«
Wolf folgte seiner Schwester durch eine Seitentür nach draußen. Der Regen durchnässte seine Haare, aber das machte ihm nichts aus. Von ihnen führte der schmale, von hohen Hecken gesäumte Weg zum Schulgarten. »Soso, die Tomaten will Andreas kontrolliert haben!«, meinte Lea und zog Wolf über den Weg in den Garten. Innerhalb von Sekunden hatten sie sich ihre Schuhe im Matsch des vom Regen aufgeweichten Wegs ruiniert, aber das kümmerte sie nicht. Vor den Tomatenpflanzen kniff Lea die Augen zusammen. »Ich kann nicht erkennen, ob da jemand etwas gemacht hat!«.
Wolf kratzte sich am Kopf. »Andreas ist ein Ass in Biologie!«, sagte er. »Also hätte er auch die Wirkung der getrockneten Pilze kennen können. Aber wenn er vorhin heimlich in Rudis Zimmer war, um sie auf seinen Reispudding zu streuen, wieso hat Schiller ihn dann nicht gesehen?«
»Weil Schiller lügt!«, sagte Lea. »Er ist ein Werwolf! Die lügen doch alle!«
»Du hast Recht - wenn Schiller die Wahrheit sagen würde, wäre klar, dass Andreas hinter dem Anschlag auf Rudi steckt und Andreas fliegt von der Schule. Damit hätte Schiller seinen zweitbesten Fußballspieler verloren und unsere Mannschaft käme im Turnier der Schulen nicht weiter.«
Mittlerweile waren Wolf und Lea vollkommen durchnässt. »Aber wir müssten beweisen, dass Schiller lügt!«
»Das können wir nicht«, sagte Wolf. »Aber wir können beweisen, dass Andreas gelogen hat, als er behauptete, hier im Garten gewesen zu sein.«
Was war Wolf aufgefallen?
Lösung:
Es regnete schon seit dem Vormittag und der Weg zum Schulgarten war vollkommen nass und matschig, sodass sich Lea und Wolf ihre Schuhe ruinierten. Doch Andreas - der angeblich von eins bis zwei im Schulgarten gewesen war, hatte blitzsaubere Sneaker an. Wäre er tatsächlich im Garten gewesen, hätten seine Schuhe ebenfalls schmutzig sein müssen. Und außerdem hätte sein Haar vom Regen nass sein müssen.
07. Ein Fall für Wolf und Lea
Geisterstunde im Zeltlager
Das Lagerfeuer knisterte und drüben im Wald schrie ein Käuzchen. Es war jetzt fast Mitternacht. Die volle Scheibe des Mondes stand über den Baumwipfeln und aus dem Wald drang das geheimnisvolle Flüstern und Rascheln der Tiere. Nur Lea und Wolf konnten die Fledermäuse rufen hören. Ihre Mitschüler aus dem Internat Schloss Schwarzenstein schliefen schon längst in ihren Zelten des Ferienlagers rund um das Lagerfeuer. Von den Wölfen, die sich am Waldrand herumschlichen, hatten sie nichts zu befürchten. Warum auch - Wölfe waren mit Vampiren befreundet.
»Noch zwei Stunden Nachtwache!«, seufzte Lea und strich sich eine lange blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, auf das die Flammen des Lagerfeuers seltsame Muster malten. »So eine Nachtwache gehört zu einem Zeltlager dazu!«, sagte Herr Schneider, ihr Sozialkundelehrer, der mit ihnen am Feuer saß.
»Wirklich?«, meinte Wolf und zwinkerte seiner Schwester geheim zu. Herr Schneider glaubte doch wirklich, dass sie beide Angst haben würden.
»Schließlich muss jemand da sein, der die anderen warnt, wenn sich etwas anschleicht!«, sagte Herr Schneider.
»Ui-hii!«, machte Lea und überlegte, ob sie schnell eine Fledermausgruppe durch einen ihr bekannten Ton herbeirufen sollte, um die Nachtwache für den Lehrer ein bisschen gruseliger zu machen. Wolf schien zu ahnen, was ihr durch den Kopf ging und knuffte sie in die Seite.
Im Gehölz knackte etwas. Herr Schneider fuhr erschrocken zusammen. Eine düstere Gestalt erschien am Waldrand. Herr Schneider wurde blass. »W-was…«
»Hallo?«, rief Wolf. »Wer da?«
Als die Gestalt näherkam, atmete Herr Schneider erleichtert auf. »Das ist Ludwig Pfeffer, der Bauer, dem der Wald und die Lichtung hier gehören!«, sagte er zu Wolf und Lea. »Er hat den Wald übereignet bekommen, wenn er der Schule alljährlich erlaubt, ein Zeltlager abzuhalten: So sagt es das Testament von Graf Krolok. Nur wenn es einen bedeutenden mystischen Grund gäbe, kann er der Schule das jährliche Zeltlager verweigern!«
»Genau deshalb wollte ich mit Ihnen sprechen!«, erklärte Ludwig Pfeffer und setzte sich zu ihnen ans Feuer. Er war ein großer, kräftiger Mann mit einem dichten Bart und dunklen, unfreundlichen Augen. Wolf blähte die Nasenflügel - verströmte dieser Mann etwa den Geruch von Schwefel oder Fäulnis? War er ein Untoter, der nur in der Nacht aus seiner Gruft stieg, um Schrecken zu verbreiten?
»Ich kann Ihnen die Lichtung hier im Wald nicht mehr länger als Zeltplatz zur Verfügung stellen«, sagte Ludwig Pfeffer. Ein paar Wolken schoben sich über den Vollmond und es schien, als falle auch ein düsterer Schatten auf Pfeffers Gesicht.
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