Herr Beck war in die Knie gegangen und grub behutsam das Messer aus, das unter dem Skelett lag - indem er einfach einige Rippen zur Seite schob. »Ein Dolch«, stellte er fest. »Sehr sauber gearbeitet. Der Griff war aus Holz, das im Lauf der Jahrhunderte natürlich verrottet ist.«
Der Hausmeister entfernte inzwischen die Reste der Hose an den Beinen des Skeletts. Ein Bündel vermoderten Papiers, zusammenhalten von eine goldenen Klemme rutschte aus der Hosentasche. »Geldscheine!«, sagte Herr Ohlsen und legte das Bündel behutsam zur Seite, um die Beinknochen zu untersuchen.
»Da!«, sagte er schließlich. »Der wichtigste Hinweis, dass wir es hier mit dem sterblichen Überresten von Oswald von Schwarzenstein zu tun haben, sind die beiden verheilten Beinbrüche an dem Skelett. Ich habe mich in meiner Freizeit lange mit der Geschichte von Schloss Schwarzenstein und den Geschichten um Oswald befasst.« Er wandte sich an Direktor Schlösser und die Lehrer. »Sie kennen sicher die Überlieferung, dass Oswald von Schwarzenstein mit seinen Mannen 1245 den Schuldturm von Hexenwinkel stürmte, dessen Reste heute noch dort zu sehen sind, um einen seiner gefangenen Leute zu befreien. Dabei stürzte er vom Pferd und brach sich beide Beine. Trotz der großen Schmerzen, unter denen er litt, brachte er es dann doch noch fertig, mit seinen Leuten vor den Soldaten das Kaisers zu fliehen, die ihn verfolgten. In seinem geheimen Lager im Wald kurierte Oswald dann seine Verletzung aus. Nach der Überlieferung blieb aber sein rechtes Bein danach etwas kürzer als das linke, deshalb nannte man ihn auch später Oswald, den Hinkenden. Genau diese Spuren kann man hier an den Beinknochen des Skeletts sehen: zwei verheilte Knochenbrüche an den Beinen, wobei das rechte Bein um drei Zentimeter kürzer ist als das linke. Es gibt also kaum einen Zweifel, dass es sich hier um Oswald handelt.« Herr Ohlsen strahlte. »Bisher wusste man nur, dass Oswald der Hinkende sich irgendwann hier auf sein Schloss zurückzog und niemanden mehr zu sich ließ außer seinen Räuber-Kumpanen. Und es ging das Gerücht, dass die ihn zuletzt ermordet haben, um an die Schätze zu kommen, die Oswald bei seinen Raubzügen angesammelt hatte!« Er hob das halbvermoderte Geldbündel auf und beäugte es. »Das scheint alles zu sein, was ihm von seinen Schätzen geblieben ist!«
Lea bemerkte den skeptischen Ausdruck auf dem Gesicht des Direktors. Natürlich war das hier nicht Oswald von Schwarzenstein, sondern ein Zauberer, der höchstens seit drei oder vier Jahrhunderten hier lag. Aber wie konnten sie das dem Hausmeister klarmachen?
Da sagte Wolf auf einmal: »Es ist ganz klar, dass dieses Skelett hier nicht Oswald der Hinkende ist!«
Was war ihm aufgefallen?
Lösung:
Oswald lebte um 1245, also im 13. Jahrhundert, aber unter in den Resten der Hose, die das Skelett trug, fanden sich halbvermoderte Geldscheine. Papiergeld gab es allerdings im 13. Jahrhundert noch nicht - zumindest nicht in der Form, wie man sie beim Skelett fand. Solche Geldscheine wurden erst im 16. und 17 Jahrhundert in Europa benutzt. Also konnte das Skelett nicht aus dem 13. Jahrhundert stammen.
03. Ein Fall für Wolf und Lea
Die Fee mit den langen Fingern
»Ui-hii«, schüttelte sich Lea. »Ist das gruselig!« Dass sie sich dabei kaum ein Kichern verkneifen konnte, bemerkte Gertrude Uhland nicht. Lea stand zusammen mit ihr und ihrem Bruder Wolf am Fenster des kleinen Häuschen an der Dorfstraße von Hexenwinkel, in dessen Nähe das Internat Schloss Schwarzenstein lag. Es war der späte Nachmittag des 31. Oktobers, und auf der Straße tauchten gerade ein paar Skelette und ein Hexenmeister mit spitzem Hut auf. Nur wenn man genau hinschaute, konnte man Almuth, Kevin und Sophie aus der Klasse von Lea und Wolf erkennen. Die drei hatten die ganze letzte Woche damit verbracht, ihre Halloween-Kostüme zu entwerfen, mit denen die Schüler von Schloss Schwarzenstein an diesem Abend durchs Dorf zogen. Lea hatte sich natürlich als Hexe verkleidet, mit einer dicken Warze auf der Nase, einer Perücke mit wirren Haaren und einem langen Rock. Und Wolf war in ein Graf Dracula-Kostüm geschlüpft, mit einem weiten schwarzen Umgang. Sein Gesicht war weiß geschminkt, mit zwei dünnen Blutfäden aus roter Schminke an seinen Mundwinkeln.
Das düstere Zwielicht des Abends lag über Hexenwinkel. Nur der Kirchplatz war hell erleuchtet - wo nämlich nachher der Halloween-Basar stattfand, den Frau Uhland und ihre Freundinnen von der Gemeindehilfe jedes Jahr veranstalteten. Schon jetzt tummelten sich Gespenster, Henkersknechte und andere düstere Gestalten zwischen den Ständen, an denen es »Hexentrunk«, »Kakerlakenkekse«, »gegrillte Kröten« und andere Leckereien gab. Die Leute aus Hexenwinkel gaben sich wirklich viel Mühe bei dem Basar.
»Da ist Miranda Perlemann«, flüsterte Frau Uhland. »Seit drei Monaten arbeitet sie in unserer Gemeindehilfe mit. Vor den meisten Aufgaben drückt sie sich, nur bei den Straßensammlungen für unsere Feste meldet sie sich immer freiwillig.«
Miranda war Mitte dreißig und hatte sich als Fee verkleidet - mit einem wallenden weißen Gewand, einer langen blonden Perücke und efeugrünen Feenschuhen. Sie stellte ihre große grüne Feenhandtasche neben der Tür des Cafés ab, in dem es zu Halloween »Blutknochen« und »Schwarzes Gift« gab, holte eine Sammelbüchse heraus und sprach die ersten Passanten an.
»Wir haben den Verdacht, das Miranda Geld aus den Sammelbüchsen für sich abzweigt«, sagte Gertrude Uhland zu Lea und Wolf. »Ich habe deshalb mit Pfarrer Schwerin darüber gesprochen und wir haben beschlossen, ihr eine Falle zu stellen.. upps... das hätte ich euch gar nicht verraten dürfen!« Sie wurde rot.
Lea und Wolf sahen sich an. Eigentlich waren sie nur zu Gertrude Uhland gekommen, um eine Kiste mit Steinmännchen abzugeben, die die Schüler der Unterstufe für den Basar gebastelt hatten.
»Das ist doch gar kein Problem«, Frau Uhland!«, sagte Wolf und bleckte seine künstlichen Vampirzähne. »Wir bleiben einfach hier - Sie brauchen keine Sorge zu haben, dass wir Ihre Falle verraten!«
Unterdessen hatten schon die ersten Leute ihre Spende in Mirandas Sammelbüchse gesteckt.
Gertrude Uhland atmete erleichtert auf - und schon plapperte sie weiter: »Die Sammelbüchsen werden von Pfarrer Schwerin in der Sakristei verwahrt, seit vor ein paar Wochen ins Gemeindehaus eingebrochen wurde, wo wir sie bis dahin immer aufbewahrt hatten. Die Einbrecher haben damals unsere Getränkekasse mitgenommen, die wir in einer alten Sammelbüchse aufbewahrt haben. Seitdem sind wir vorsichtiger mit dem Geld.«
»Sehr klug!«, sagte Lea. Neue Geister und Zombies kamen die Straße entlang gewandert. Sie pochten an die Türen und riefen »Süßes oder Saures!« Wolf interessierte sich dagegen mehr für die Passanten, die ihre Münzen in Miranda Perlemanns Büchse warfen. Eine Frau in einem roten Kleid steckte sogar einen Geldschein in die Dose. »Das ist Annie Hartung«, flüsterte Gertrude Uhland aufgeregt. »Wir haben ausgemacht, dass sie einen markierten Zwanzig-Euro-Schein in die Büchse steckt.«
»Werden die Büchsen eigentlich versiegelt?«, fragte Wolf.
Frau Uhland nickte. »Wenn Pfarrer Schwerin die leeren Büchsen verteilt, verplombt er den Deckel, so dass man sie nicht ohne Spuren öffnen kann.«
Eine Stunde verging und die Nacht brach herein. Drüben steckte Miranda gähnend ihre Sammelbüchse in die Tasche und ging in das Café. Durchs Fenster sahen Wolf und Lea, wie sich einen »Blutknochen« und eine Tasse »Schwarzes Gift« bestellte. »Dass sie beim Sammeln ein Päuschen macht, ist eigentlich nicht abgesprochen!«, murmelte Frau Uhland. Nach einer Viertelstunde kam Miranda Perlemann gestärkt wieder aus dem Café, holte die Sammelbüchse aus ihrer großen Feentasche und sammelte weiter. Eine ältere Dame steckte wieder einen Geldschein in die Dose. »Luise Aston«, erklärte Frau Uhland. »Sie steckt ebenfalls einen markierten Zwanzig-Euro-Schein hinein. Wenn Miranda wirklich Geld aus den Büchsen stiehlt, wird sie sich diese Chance nicht entgehen lassen.«
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