1 ...6 7 8 10 11 12 ...16 Inzwischen waren Bläser, Pfarrer, Roboter und Sarg an der offenen Grabstelle eingetroffen. Während die Roboter den Sarg hinunter ließen, begann der Pfarrer aus dem Buch Jakob zu zitieren: „Ein Bruder aber, der niedrig ist, rühme sich seiner Höhe; und der da reich ist, rühme sich seiner Niedrigkeit, denn wie eine Blume des Grases wird er vergehen. Die Sonne geht auf mit der Hitze, und das Gras verwelkt, und seine Blume fällt ab, und seine schöne Gestalt verdirbt: also wird der Reiche in seinen Wegen verwelken….Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen und er selbst versucht niemand. Sondern ein jeglicher wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust gereizt und gelockt wird. Danach, wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert sie den Tod…. Darum, liebe Brüder, ein jeglicher Mensch sei schnell zu hören, langsam aber zu reden, und langsam zum Zorn. Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. Darum so leget ab alle Unsauberkeit und alle Bosheit und nehmet das Wort an mit Sanftmut, das in euch gepflanzt ist, welches kann eure Seelen selig machen. Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein, wodurch ihr euch selbst betrügt… Wer aber durchschaut… das vollkommene Gesetz der Freiheit und darin beharrt und ist nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter, der wird selig sein in seiner Tat.“
Der Ton des Pfarrers blieb gleichmäßig monoton. Es gab keinerlei Schwankung. Die Detektivin fragte sich, ob es Redner irgendwann in der Geschichte der Menschheit lernen würden, sich der Situation entsprechend emotional zu äußern. Vielleicht sollte man selbst dafür Roboter einsetzen. Eins war sicher, emotional programmierte Maschinen würden jeden zum Weinen bringen, selbst wenn man dem Toten in keiner Weise nahe stand. Jeder könnte sich während der Zeremonie in den eigenen Gefühlen verlieren, was eine starke Erinnerung an das Ereignis für das restliche Lebens garantierte.
Auffallend oft wanderte der Blick des Pfarrers während der Rede zu Sommers und seiner Tochter. Während die meisten Anwesenden einige Tränen herausdrückten, zeigte Maya nach wie vor keine Regung. Sie wirkte wie von der restlichen Welt abgetrennt. War ihre Trauer einfach intensiver, als die der anderen? Stand sie noch unter dem Schock des Verlustes?
Es fiel der Detektivin schwer, sich den Bürgermeister und die Blonde als Liebespaar vorzustellen. Das passte nicht. Was für Tini dagegen durchaus passte, war der Pfarrer mit der auffallend krummen Nase. Er passte sogar ausgezeichnet zu den beiden Sommers.
Nachdem die langweilige Rede endlich beendet war, durften sich die Umstehenden von Samuel Theodor Benjamin Zeleny verabschieden. Auch Maya. Ohne darauf zu achten was sie tat, warf sie Erde ins Grab. Dann verließ sie den Friedhof, ohne sich umzudrehen.
Nachdem auch die Polizeichefin ihre Pflicht getan hatte, kam sie zu Tini. „Na, was sagen Sie?“
„Mary Clark, was soll ich nach dem kurzen Eindruck schon sagen? Emotionen scheinen nicht gerade Maya Sommers Stärke zu sein. Wenn man sich die Sache so ansieht, könnte man meinen, sie hätte eine Affäre mit dem Pfarrer und nicht mit dem Bürgermeister.“
„Sie und Ihre komischen Ideen. Na ja, wenigstens ist Ihnen aufgefallen, wie eiskalt sich die schöne Blonde verhalten hat. Ich sage Ihnen, die hat Samuel T.B. Zeleny auf dem Gewissen.“
„Wenn Sie sich so sicher sind, bringen Sie die junge Frau vor Gericht.“
„Werde ich!“
Juni 2095
Rio Negro kam mehrmals in der Woche. Immer spät abends. Seinen richtigen Namen kannte sie nicht und wollte ihn auch nicht wissen. Da er aber einen Namen brauchte, hatte sie ihm diesen verpasst.
Rio Negro trug schwarz, nur schwarz. Wenn sich die dunkle bärtige Gestalt mit dem tief ins Gesicht gezogenen Hut näherte, schloss sie stets ihre Augenlider bis zur Hälfte. Automatisch lief ihr ein eisiger Schauer durch den Körper; eine Mischung aus Furcht, Erregung und Neugier. Erst wenn seine warmen Hände sie langsam und sanft massierten, löste sich diese Anspannung. Selbst beim ersten Zusammentreffen konnte sie sich nicht überwinden, ihn genauer anzusehen. Sie wollte ihre Illusion um jeden Preis behalten. Es war die Illusion von Daniels Berührung. Von ihm wollte sie massiert werden. Nur von ihm. Doch leider tat er es nicht.
Tini schob ihre Sehnsucht zur Seite und genoss Rio Negros Hände. Nur ein wahrer Künstler konnte so den Rücken entlang gleiten. Auch wenn es richtig wehtat, war es äußerst wichtig, schließlich litt sie unter der Glasknochenkrankheit. Die ständige Veränderung der Wirbelsäule verspannte die Muskeln immer wieder aufs Neue. Ihr Geist konnte aber nur frei arbeiten, wenn ihr Körper im Gleichgewicht war. Wie kein anderer stellte Rio Negro dieses Gleichgewicht her.
Sie war völlig in Gedanken versunken, als es klingelte. Unwillkürlich zuckte sie zusammen. Wer kam so spät? Schließlich war es fast Mitternacht. Während Cleabo - der gute Geist des Hauses und das, obwohl ein Roboter - sie vom Massagetisch hob, in eine Decke hüllte und in den Rollstuhl setzte, ging Rio Negro zügig zur Tür und öffnete. Kaum hatte er das getan, wurde er beinahe von Professor Asbury Park umgerissen. Während der, wie von der Tarantel gestochen, in die Wohnung stürmte, schloss der Physiotherapeut die Tür leise hinter sich.
Das Tempo des Professors war durchaus sportlich für sein Alter. Erst als er direkt vor ihr stand, stoppte er.
Immer wenn Tini ihn traf, musste sie automatisch daran denken, dass er nur so hieß, weil er am gleichnamigen Ort gezeugt wurde. Natürlich war sie nicht die einzige, die diese Assoziation herstellte. Deshalb nannte der Professor seinen vollen Namen nur, wenn es keine andere Möglichkeit gab.
Sie kannte ihn seit vielen Jahren und mochte seine fachliche Kompetenz. Im Laufe seines langen Arbeitslebens hatte er es bis zum Leiter des Transplantationszentrums des örtlichen staatlichen Krankenhauses geschafft. Das war nicht selbstverständlich, denn neben seiner fachlichen Kompetenz besaß er eine äußerst chaotische Art.
Professor Asbury Park war verheiratet, lebte aber, den Gerüchten nach, seit Jahren getrennt. Die Ehe war kinderlos geblieben. Da aber jeder so viel Nachwuchs haben konnte, wie er wollte, vermutete sie, dass Professor A. Park, wie er sich selbst gern nannte, Kinder schlichtweg nicht leiden konnte.
Wenn sie ihn traf, war sie jedes Mal von seiner Größe beeindruckt. Er überragte durchschnittlich gewachsene Menschen um mindestens zwei Kopflängen. Sein grauer Bart, meistens von ihm sträflich vernachlässigt, verkleinerte sein Gesicht auf eine komische Art. Dazu war er Brillenträger. Einer von wenigen altmodischen Menschen, die nicht zum Kreis der Fundamentalisten gehörten. Tini vermutete, dass er durch die Brille intellektueller wirken wollte, denn er war durchaus eitel.
Den Beweis, dass er altmodisch war, konnte jeder an seinem graumelierten Haar erkennen. Es sah immer gleich aus. Egal wie das Wetter war, klebte es an seinem Kopf wie ein schlecht sitzendes Toupée. Allerdings konnte es keins dieser Teile sein, die gab es schließlich seit Jahrzehnten nicht mehr. Heutzutage pflanzte man an den kahlen Stellen neue Haare ein, die dann in einer schönen Farbe leuchteten.
Der Professor musste das ablehnen, denn sein Oberhaupt besaß dieses mysteriöse Aussehen, das früher alternde Schlagerstars kennzeichnete.
Die Detektivin wurde das Gefühl nicht los, dass der Professor in die falsche Zeit hinein geboren worden war. Sie bezeichnete ihn gern als komischen Kauz. Durchaus liebenswert, aber eigen. Jeden Morgen ließ er sich seine Chocolate con churros und einen frisch gebrühten Chai Latte mit Karamell durch einen Onlineservice ins Haus liefern. Er aß jeden Tag Fisch mit Salat zum Mittag und liebte die Farben schwarz und weiß. Sie hatte ihn noch nie eine andere Farbe tragen sehen. Seinen Charakter beschrieb sie gern mit den Worten: aufrichtig und jähzornig. Meistens wirkte er gedankenverloren, denn er nahm seine Umwelt selten war.
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