1 ...7 8 9 11 12 13 ...16 Völlig außer Atem schnaufte er: „Du glaubst nicht, was passiert ist?“
Tini konnte tatsächlich nicht glauben, wie aufgelöst er war. Sie hatte ihn noch nie so erlebt. Immerhin kannte sie ihn bereits seit frühester Kindheit. Damals arbeitete er als Neurochirurg und fand das Aneurysma in ihrem Schädel.
Dr. Asbury Park, damals kein Professor, operierte selbst. Er hatte große Probleme an die Stelle heranzukommen. Mit viel Mühe gelang es ihm, das Gewebe bis auf 0,2 Millimeter genau zu bearbeiten. Eine falsche Bewegung während der Operation hätte genügt, um die Ader nebenan platzten zu lassen. Damals gehörte er eindeutig zu den wenigen Neurochirurgen der Extraklasse, die fast an jede Stelle im Schädel kamen. Seine Perfektion erreichte er durch Visualisierung. Jahre später ging er in die Forschung. In der Zeit veröffentlichte er beeindruckende Ergebnisse im Bereich des vierten Hirnnervs. Sie hatte seine Arbeiten gelesen und war sehr beeindruckt gewesen.
Vor einigen Tagen stöberte sie in einem Fachmagazin. Dort wurde die Frage aufgeworfen, was der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Neurochirurgen ist? Die Antwort: Die schlechten glauben, sie machen alles richtig. Die guten glauben, sie machen alles falsch. Asbury Park gehörte in die Kategorie: megafalsch.
Sie erinnerte sich gut daran, dass sie während der Operation wach war und es ulkig fand, wie jemand in ihrem Kopf herumstocherte. Das Ganze war ohne irgendwelche Schmerzen über die Bühne gegangen. Aber warum sollte sie Schmerzen haben? Im Kopf gibt es schließlich keine Rezeptoren.
„Die Natur hat das Rumpopeln im Gehirn nicht eingeplant“, lautete einer seiner Lieblingssätze.
Seit der Operation besaßen ihre Eltern, Bernard und Eleonore Tucker, ein gutes Verhältnis zum Professor. Was kein Wunder war, denn immerhin hatte der Professor ihr Leben gerettet. Dazu kam, dass ihre Eltern selbst hoch angesehene Hirnforscher waren.
Als ihr Vater vor zehn Jahren starb, machte Asbury den Vorschlag, einen Teil seiner Hirnsubstanz auf Cassandras Leiterplatten zu transferieren. Tini stimmte sofort zu. Sie mochte die Idee. Die Beziehung zu ihm war seit jeher wesentlich enger gewesen, als die zu ihrer Mutter. Bernie war sanft, zielorientiert, ausdauernd und er besaß eine gute Portion Humor. Ihr Vater war zu seinen Lebzeiten das Pflaster auf ihrer Seele gewesen und blieb es über seinen Tod hinaus. Er gehörte zu den intelligentesten und kreativsten Menschen seiner Zeit. Da sie ihn auf gar keinen Fall verlieren wollte, ließ sie den Mind-Upload auf ihren Rechner Cassandra durchführen
„Du glaubst nicht, was passiert ist?“, wiederholte Asbury, dabei rang er immer noch nach Luft.
„Auf jeden Fall, scheint das Passierte ziemlich außergewöhnlich zu sein. Ich würde vorschlagen, wir gehen in meinen abhörsicheren Raum.“
Die Detektivin hatte sich den Raum noch vor ihrem Einzug einrichten lassen. Der Grund dafür waren ihre sehr öffentlichkeitsscheuen Kunden.
Tini sah den Professor verschwörerisch an, doch dem gefiel diese Ankündigung keineswegs.
„Muss ich mich wieder komplett entkleiden?“, maulte er genervt.
„Du weißt doch wie gut Wanzen heutzutage funktionieren. Nicht nur, dass man sie überall verschwinden lassen kann. Selbst in einer Zwischenschicht von einem Stück Papier hatte ich schon eine. Letzte Woche hat einer versucht, mich mittels Laser auszuspionieren.“
Der Professor schüttelte ungläubig den Kopf.
„Asbury, es gibt die verrücktesten Sachen. Kaum spürbare Schwingungen von Fensterscheiben können in Sprachsignale zurückgewandelt werden. Selbst bei verglasten Bildern funktioniert das.“
„Woher weißt du das?“
„Ich bin Detektivin. Es wäre tragisch, das nicht zu wissen!“ Tinis Grinsen zeigte einen leichten Anflug von Boshaftigkeit. Mit ernstem Ton setzte sie hinzu: „Wanzen senden heutzutage nicht mehr permanent und wenn sie senden, dann nur auf den gängigen Frequenzen. Man braucht sie nicht zu suchen, man hat sowieso keine Chance sie zu entdecken. Runter mit den Klamotten!“
Der letzte Satz kam auffällig genüsslich. Eigentlich hatte sie einen Witz gemacht. Bevor jemand den abhörsicheren Raum betrat, musste er einen Scanner passieren, der sehr wohl die Wanzen finden und automatisch zerstören konnte. Dieser war halt beim letzten Besuch des Professors defekt gewesen, und deswegen hatte sie zu der radikalen Maßnahme des Entkleidens greifen müssen. Inzwischen war er wieder in Ordnung.
Ständig vor sich hin brabbelnd ließ der Professor die Hüllen fallen. Dann schlich er im Adamskostüm in den spärlich eingerichteten Raum, wo ihm Tini, süffisant lächelnd, eine Decke reichte. Asbury Park stand da und wusste nicht, was er tun sollte. Er war völlig verunsichert. Dabei gab es zwei schöne Sessel, die man in eine bequeme Liegeposition bringen konnte.
„Und du bist absolut sicher, dass uns hier niemand hören kann?“, hakte er nach.
Vorsichtig setzte sich der Professor auf den vorderen Teil der Sitzfläche. Tini dagegen genoss es offensichtlich, einen fast nackten Mann gegenüber zu haben. Warum auch nicht, das kam schließlich selten genug vor.
In aller Ruhe erklärte sie ihm, dass er sich im Gebäudekern des Bo-Buildings befand. Der Raum besaß eine Schirmdämpfung von 30dB, schützte vor elektromagnetischen Feldern, war staubdicht und sein Feuerwiderstand lag bei einhundertzwanzig Minuten.
„Aber genug dazu. Was kann in einem öffentlichen Krankenhaus so ungewöhnliches passieren, dass du um diese Zeit auftauchst?“
„Hmch, hmch“, schnaufte der Professor nach Luft ringend. Die Aufregung führte bei ihm eindeutig zur Atemnot.
„Du wirst es nicht glauben. Aus unseren Behältern wurden eine rechte und zwei linke Hände gestohlen. Komischerweise waren sie in den gestrigen frühen Morgenstunden wieder da.“
Unwillkürlich grinste Tini. „Vielleicht konnte der Dieb sie nicht gebrauchen, vielleicht war er in Wirklichkeit auf der Suche nach einem Fuß.“
Der Professor, der eigentlich immer für einen Scherz zu haben war, ächzte wie eine alte Holzdiele. Sein Gesicht nahm schmerzverzerrte Züge an.
„Heute Morgen habe ich die Behälter erneut überprüft und musste feststellen, dass zwei rechte Hände fehlen.“
Tini stutzte. „Sind alle Hände gleich groß?“
Er hastete ins Wohnzimmer und holte sein Smartphone hervor. Dabei hatte er einige Mühe, seine Decke zu behalten.
„Sie sind nahezu gleich groß“, rief er erstaunt.
„Sind die Daten der Hände für jeden Mitarbeiter frei zugänglich?“
Tinis Frage entrüstete Asbury. Er erklärte umständlich, dass die wichtigen Daten selbstverständlich in einer gesperrten Datei abgelegt seien und ausschließlich von ihm einzusehen waren. Selbst die Zuordnung in dem umfangreichen Lagerbereich kannte nur er.
„Was um alles in der Welt, will einer mit linken und mit rechten Händen?“, jammerte er verzweifelt.
Das war eine berechtigte Frage, die sich leider nicht so ohne weiteres beantworten ließ.
„Hast du die Diebstähle zufällig entdeckt?“, fragte Tini.
„Vor zwei Tagen wollte ich eine rechte Hand transplantieren. Ich stehe da, starre auf den leeren Behälter und mir bleibt fast das Herz stehen. Da hat man mal einen Privatpatienten und dann so was.“ Ein Seufzer kam aus seinem tiefsten Inneren. „Ich habe keinen Ersatz. Schließlich will jeder seine eigene Hand haben, nicht irgendeine. Na ja, zum Glück tauchte sie gestern wieder auf und ich konnte operieren.“
Der Professor schüttelte den Kopf.
In den letzten Jahren war es modern geworden, seine Gliedmaßen nachzüchten und auf Vorrat lagern zu lassen. Ein Grund war der Einzug ultrascharfer, japanischer Messer in die Küche. Die Leute schnitten sich schnell mal einen Finger ab. Etliche spülten ihn dann auch noch den Abfluss hinunter, so dass er nicht wieder angenäht werden konnte. Viele Menschen wollten auf Nummer sicher gehen und ließen sich deshalb Gliedmaßen und Organe aus eigenen Stammzellen nachzüchten.
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