Sie hatte keine Vorstellung davon, wie seine Frau aussehen könnte. War sie groß, klein, hübsch? Henry Berthod war kein Männermodel, doch seine freundliche, ruhige Art wirkte anziehend. Seine schwarzen Haare, der weit nach außen geschwungene Zwirbelbart und das tiefe Dunkel seiner Augen führten bei ihr automatisch zur Entspannung.
Mary Clark Johnson musste ihn unverzüglich auf den Fall angesetzt haben. Hatte sie tatsächlich Angst um ihr Leben? War es berechtigt? Tini bekam keine Zeit darüber nachzudenken, denn Berthod breitete in seiner behäbigen Art die Einzelheiten aus.
Er beschrieb den Bürgermeister Samuel Theodor Benjamin Zeleny als einen alten geilen Sack, der junge Frauen über alles liebte. Sein Chauffeur fand ihn tot im Zimmer des Sunset-Motels auf. Er baumelte leblos an der Querstange des begehbaren Kleiderschranks.
Zunächst ging der ermittelnde Kommissar von einem autoerotischen Unfall aus, da der Tote mit einem Seil um Hals und Genitalien aufgefunden wurde. Erst als der Chauffeur eindringlich darauf hinwies, dass es sich um den Bürgermeister von New York City handelte, kam die Leiche zur Obduktion in die Pathologie. Dort fand man eine Markierung unterhalb der rechten Achselhöhle in Form eines Zinkens. Ein altes Zeichen aus der Sprache der Vagabunden. Die Bedeutung hinter dem Zinken lautete: sich fromm stellen. Welchen Bezug dieses sich fromm stellen zum Mörder und dessen Tat hatte, war unklar. Klar dagegen war, dass Maya Sommers die Geliebte von Samuel T.B. Zeleny sein musste. Tauchte er im Sunset-Motel auf, war auch sie wenig später zur Stelle. Während der Vernehmungen äußerte sie sich kein einziges Mal zu den Vorwürfen. Seltsamerweise reagierten die elektrischen Ströme in ihrem Gehirn auf keine einzige Anschuldigung.
Deshalb spekulierte Berthod darüber, ob sie in der Lage war, real Erlebtes komplett auszuschalten. Eigentlich hatte die Polizei erwartet, dass sie sich zumindest wegen falscher Vorwürfe aufregen würde. Doch nichts.
Leider gab es keine Zeugen. Das Haus wurde wenig benutzt, da es weit unter dem üblichen Standard lag. Dazu stand es abgelegen in einer Schlucht. Die hauseigenen Roboter hatten das Zimmer gründlich gereinigt, bevor die Polizei am Tatort eingetroffen war. Die Maschinen glaubten, der Bürgermeister wäre an der Querstange hängend eingeschlafen. Deshalb schlossen sie auch die Tür des Kleiderschranks einfach wieder.
„So etwas nennt sich nun intelligente Technik“, unterbrach ihn Tini.
Kommissar Berthod verteidigte die Roboter. Schließlich waren sie programmiert worden, schlafende Gäste in Ruhe zu lassen und leise ihre Arbeit zu verrichten. So waren selbst die winzigsten Hoffnungen auf Fingerabdrücke, Hautschuppen oder Haare zerstört worden. Die Maschinen meldeten den Vorfall nicht einmal, denn für sie war alles in bester Ordnung. Erst als dem Chauffeur die Warterei zu viel wurde, ging dieser zum Zimmer. Er dauerte eine Weile, bis er überhaupt auf die Idee kam, im Kleiderschrank nachzusehen. Dort entdeckte er den Toten.
Tini beendete die Bildleitung und wandte sich an ihren Rechner. Da es noch dreizehn andere erlegte Avatare mit dieser Markierung gab, konnte sie durchaus von weiteren menschlichen Opfern ausgehen. Cassandra musste sie finden. Zusätzlich musste der Rechner überprüfen, ob Mary Clark Johnson tatsächlich alle gelöschten Avatare, die zu dem Fall gehörten, gefunden hatte.
Die Detektivin vertraute der Maschine. Schließlich hatte sie ihren Computer nicht grundlos Cassandra getauft. Der Rechner besaß die besondere Fähigkeit, aus zusammenhanglosen Fakten eine logische Folge von Ereignissen abzuleiten. Der einzige Computer weltweit, der noch logischer denken konnte, war der Polizeirechner Sherlock Holmes.
Cassandra hatte diese besondere Fähigkeit, da sie nur zum Teil eine Maschine war. Der Rest bestand aus Biomaterial, genauer gesagt aus menschlicher Gehirnmasse. Die Detektivin hatte es auf die Leiterplatten kleben lassen, um Emotionalität zu erzeugen. Viele Leute verstanden nicht, warum ein Computer Gefühle braucht. Doch sich in jemanden hineinzuversetzen, heißt ihn und sein Handeln zu verstehen. Cassandra konnte dadurch selbst unlösbare Fälle lösen. Die positiven Auswirkungen auf Tinis Auftragslage blieben nicht aus. Sie bekam in den letzten Jahren vermehrt Jobs, die außerhalb der Sperma- oder Geldmotive lagen. Ihre Erfolgsquote konnte sich, selbst bei schwierigsten Fällen, sehen lassen.
Cassandra schnarrte auffällig blechern. „Auf dem virtuellen Friedhof des ultimativen Spiels gibt es vierzehn erbeutete Avatare, die mit einem Zinken gestempelt wurden. In der realen Welt habe ich nur zwei markierte Tote mit diesem Zeichen gefunden. Beide Männer sind zweifellos ermordet worden. Ein Opfer ist unser hochgeachteter Bürgermeister Zeleny, wie wir bereits wissen. Der andere ist ein gewisser Vince Tailor. Er war Kunstlehrer an einer teuren Privatschule.“
Wie hatte die Maschine den zweiten markierten Toten so schnell finden können? Es schien, dass die Identität der Onlinespieler weniger geheim war, als Mary Clark Johnson glaubte.
„Die Namen der Menschen hinter den restlichen zwölf erlegten Avataren kommen in wenigen Minuten, auch die der Jäger“, schnarrte es erneut.
Tini war mal wieder stolz auf Cassandra. Sie hatte in kurzer Zeit geschafft, was bei der Polizei eine halbe Ewigkeit dauern konnte. Ihre Laune stieg merklich.
„Die Zuordnung der Jäger gestaltet sich tatsächlich äußerst schwierig“, tönte es kurz danach unzufrieden aus den Boxen. Die Maschine war ehrgeizig und konnte es nicht ausstehen, wenn sie sich anstrengen musste. „Zum Glück ist es bei den Menschen hinter den restlichen zwölf erbeuteten Avataren problemloser… sofern man sich auskennt“, fügte Cassandra süffisant hinzu. Ihr Ton verriet, dass sie die Zuordnung bereits kannte.
Der Bildschirm des Rechners zeigte eine schöne goldene Farbe, die er stets annahm, wenn sich die Maschine selbst gut fand. Die Antwort, die dann kam, war allerdings ernüchternd, denn die zwölf menschlichen Spieler hinter den gelöschten Avataren waren ebenfalls tot.
„In welchem Zeitraum starben sie?“, fragte Tini.
„Innerhalb der letzten zwei Jahre.“
„Wer sind die Toten?“
„Alles Männer. Sie kommen aus sehr unterschiedlichen Schichten. Die meisten sind Arbeiter und kleine Angestellte.“
Tini machte ihrem Rechner nachdrücklich klar, dass sie nicht nur die genauen Todeszeitpunkte brauchte, sondern wirklich alle Informationen, die zu kriegen waren. Besonders interessierte sie der Lehrer. Vielleicht stand er ja am Anfang? Schließlich trifft man Lehrer eher in jungen Jahren.
Außerdem benötigte sie sämtliche Videomitschnitte - so weit vorhanden und nicht gelöscht - auf denen Maya Sommers, mit einem der vierzehn Männer, zu sehen war.
"Nach Ansicht der Polizei sind nur der Bürgermeister und der Lehrer Mordopfer“, sagte der Rechner.
Tini stutzte. Nur zwei Mordopfer?
„Leider lässt sich nicht feststellen, ob auch die zwölf anderen Männer mit einem Zinken markiert wurden. Für die Polizei gilt jedenfalls keiner als ermordet“, präzisierte die Maschine ihre Aussage.
„Ermordet oder nicht", sagte die Detektivin, "wenn Maya Sommers etwas damit zu tun hat, wird die Beweisführung wahrscheinlich nur über Videos möglich sein. Außer, man kann sie doch noch zum Reden bringen.“
„Viele Menschen bewegen sich selbst heutzutage noch im videofreien Raum“, gab Cassandra zu bedenken.
„Gut, dann hast du weniger zu tun“, sagte Tini barsch. „Scanne die Gesichter und lass Suchroutinen laufen!“ Die Detektivin machte eine kurze Pause, dann fiel ihr eine weitere Frage ein: „Kommen die zwölf wenigstens aus New York und Umgebung?“
„Nein. Sie sind weltweit verteilt.“
„Warum sollte es auch einfach sein?“, seufzte die Detektivin. „Also, lass dir lieber von Sherlock Holmes helfen!“
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