Der wissenschaftliche Teil des Artikels wies daraufhin, dass das Hängen an Kleiderstangen automatisch zu Angst und damit zur sexuellen Stimulation führt. Schuld am Lustgewinn war der Ausfall des Cortex im Gehirn. Um die Aussagen zu untermauern, gab es einen knappen Rückblick in die Geschichte der Menschheit. So beobachteten erstmals Scharfrichter im 13. Jahrhundert sichtbare Erektionen bei Erhängten.
Inzwischen war die Blonde so weit, das Hotelzimmer zu verlassen. Erst kurz vor der Tür machte sie kehrt, löschte die unzähligen Bilder auf den Wänden und ging ins Bad. Dort holte sie einen leeren Wäschesack – eigentlich ist er für Handtücher gedacht –, lief zügig zum Kleiderschrank, stülpte ihn über den Kopf des hängenden Mannes und zog kräftig zu. Minutenlang stand sie unbeweglich da und betrachtete ihr Werk. An ihrem Gesichtsausdruck war nicht zu erkennen, ob sie es mochte oder nicht. Die junge Frau ging zu ihrer Handtasche und zog etwas Metallenes heraus. Auf dem Rückweg entzündete sie mit Hilfe ihres Minibunsenbrenners eine Flamme.
Der kleine Reinigungsroboter war überrascht. Bisher hatte er geglaubt, dass nur Hausmeisterroboter so etwas besitzen würden. Da konnte man mal sehen, selbst ein Reinigungskäfer lernte nie aus.
Die Blonde hielt den Bunsenbrenner an das Metall, bis es glühte. Dann hob sie den rechten Arm des Mannes und drückte den Stempel kräftig unterhalb der Achselhöhle ins Fleisch. Der süßlich penetrante Geruch verbrannter, menschlicher Haut stieg auf. Zufrieden betrachtete sie den schwarzen Zinken, der sich abgebildet hatte. Kurz darauf ließ sie den Arm los und verfolgte, wie er schlaff herunter fiel.
Kaum war die Blonde aus der Tür, legte der Reinigungskäfer los. Endlich. Das wurde aber auch Zeit. Beide Menschen hatten unzählige Hautschuppen, Wollfäden und Haare auf dem Fußboden hinterlassen. Zum Glück gab es sie und sie war gründlich. Nicht das kleinste Teilchen blieb liegen.
Der kleine Bodensauger war kaum fertig, schon stürmten die beiden großen Reinigungsroboter in das Zimmer. Wie immer kannten sie nur ein Thema. Jeden Morgen nach dem Aufladen zwischen 02:00 Uhr und 05:00 Uhr guckten sie ein Spiel der New York Yankees. Da die Roboter die Spiele der Menschen nicht mochten – das galt genauso umgekehrt – bestanden die Spieler ausschließlich aus Maschinen. Natürlich ging es hier schlagkräftiger zu. Wenn einem etwas nicht passte, zerlegte er seinen Gegner kurzerhand in seine Einzelteile. Am Rand des Spielfeldes standen deshalb verschiedene Sauger, die für das Einsammeln von Metallresten zuständig waren. Am heutigen Morgen waren die Streitigkeiten außer Kontrolle geraten. Die Maschinen hatten sich erfolgreich gegenseitig zerlegt. Also nicht nur die Spieler untereinander, sondern auch die Schiedsrichter und ein Teil des Publikums mussten dran glauben. Die beiden Reinigungsroboter stritten nun seit Stunden darüber, wer angefangen hatte. Einigermaßen unaufmerksam ging der größere der beiden Roboter auf den begehbaren Kleiderschrank zu. Er zoomte kurz auf den an der Querstange hängenden Menschen, zog den Wäschesack vom Kopf des Mannes und faltete ihn ordentlich zusammen. Ohne lange nachzudenken, schloss er die Tür und brachte den Beutel ins Bad. Schließlich gehörten die Handtücher sämtlicher Gäste in den Wäschesack und den musste der nächste Hotelgast im Bad vorfinden.
zwei Tage später
Der Klang des Orchesters erfüllte den Raum. Tini folgte der Melodie, sog sie auf. Ihr Oberkörper wippte rhythmisch. Die erste Geige drängte sich in den Vordergrund. Das Orchester war dagegen. Es überrollte das vorlaute Instrument, ließ es verstummen. Die Musik umhüllte die Detektivin wie ein Schwarm Bienen. Bevor sie es merkte, sauste der Schwarm an ihrem Kopf vorbei. Links, rechts, wieder links. Das Zimmer und ihr Gehirn bebten. Ihre Neuronen tanzten gleichmäßig im Takt. Da setzte das Xylophon mit der Hauptmelodie ein, übernahm die Führung und drängte das Orchester weit zurück.
Hinter den Geigern begannen die virtuellen Skelette hervorzukriechen. Sie verteilten sich gleichmäßig über alle Wohnzimmerwände. Ganz langsam bewegten sie sich in den Raum hinein. Dabei schauten sie grimmig. Scheinbar wollten sie Tini Angst einjagen. Sie spielte mit. Ihre Zähne klapperten im Takt der Musik. Zwischendurch jauchzte sie vor Freude wie ein kleines Kind.
Tini hatte sich bewusst für dieses Onlinevideo entschieden, weil es mit den neuesten holografischen Effekten ausgestattet worden war. Dabei hatte sie die Position des Orchesterdirigenten gewählt; genau in der Mitte des Wohnzimmers. So konnte sie von allen Seiten gleichzeitig angegriffen werden.
Die klappernden Knochenteile wurden mutiger. Sie griffen nach ihr. Einer packte sie am Arm. Der heftige Schmerz, der durch ihren Körper lief, überraschte sie.
Die Schmerzimpulse waren kreiert worden, um das interaktive Erlebnis zu erhöhen. Sie konnten im Takt oder zu speziellen Anlässen losgeschickt werden. Fast jedes Musikvideo war inzwischen damit ausgestattet, egal ob Rap, Soul, Blues oder Rock. So konnte man als Zuschauer bei einem Rockkonzert, durchaus spürbar, eine Gitarre über den Kopf gezogen bekommen. Glücklicherweise ohne bleibende Schäden. Keiner brauchte sich sorgen, dass er künftig mit einem eingeschlagenen Schädel herumlaufen müsste. Natürlich hatten die Programmierer – wegen der unterschiedlichen Sensibilität der Kunden - die Stärke des Schmerzes frei wählbar gemacht.
In diesem Moment wurde das Orchester wieder lauter. Die Skelette wichen zurück. Etliche verschwanden. Tini entspannte sich. Allerdings nicht lange, denn kaum gab es eine leise Stelle in der Musik, krochen sie wieder aus den Tiefen der virtuellen Welt hervor.
Die Detektivin ignorierte sie. Stattdessen konzentrierte sie sich auf den Triangel, der die melodische Führung übernommen hatte. Das Orchester war beleidigt. Es wollte das schmächtige Instrument unbedingt zum Schweigen bringen, deshalb drängte es sich erneut nach vorn. Eine gewaltige akustische Welle rollte auf sie zu. Es war wie eine Woge aus Wasser, die über ihrem Kopf zusammenschlug, sie einfing, umhüllte, ganz in sich aufnahm. Das Orchester donnerte mit aller Macht. Die Musik steuerte auf ein furioses Ende zu.
Es kam, aber es war alles andere als furios. Von einer Sekunde auf die andere herrschte eine verwirrende Stille. Die Skelette rührten sich nicht mehr, standen da und grinsten blöd.
„Diese verdammte Technik. Ist der Mist schon wieder stehen geblieben?“, schimpfte Tini.
Die weltweiten Datennetze waren in letzter Zeit extrem anfällig. Immer wieder fielen große Teile aus. Mal war es eine Sonneneruption, mal das instabile Magnetfeld der Erde, und wenn nicht der viele Regen die Leitungen ertränkte, ging kurzerhand die Technik kaputt. Was es auch war, es war ärgerlich.
„Störe ich?“, fragte jemand in die Stille hinein.
Erschrocken fuhr Tini herum. In der Tür stand Mary Clark Johnson, oberste Chefin des New York City Police Departments.
Was macht die denn hier?, schoss es Tini durch den Kopf.
Die Detektivin konnte ihre unerwartete Besucherin nicht ausstehen, denn sie gehörte zu dem Teil der Bevölkerung, der für gewöhnlich die Leiter im Eilverfahren hochfiel. Grundsätzlich hatte Tini nichts dagegen. Es gab nur ein Problem. Diese Leute fingen an, kaum oben angekommen, kräftig nach unten hin auszuteilen. In diesem Punkt war Mary Clark Johnson besonders gut. Die Polizeichefin diskreditierte Mitarbeiter, die ihr im Weg standen so lange, bis die freiwillig das Handtuch warfen.
Zwei unendlich lange Ausbildungsjahre hatte sie mit dieser Frau als Chefin verbracht. Eine Ewigkeit. Ohne ihren alten Freund Kommissar Henry Berthod hätte sie es nie geschafft, wäre sie nie Detektivin geworden. Trotzdem versuchte sie, meistens jedenfalls, nett zu Mary Clark Johnson zu sein. Nur nicht in diesem Moment.
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