„Was wollen Sie?“, knurrte sie feindlich und zog ihren Datenhandschuh, mit dem sie die Onlineverbindung zum Musikvideo hergestellt hatte, von der Hand.
Anstatt die Frage zu beantworten, kam mit burschikoser Stimme: „Was ist das bloß für ein altertümlicher Kram? Sie enttäuschen mich, Miss Tucker, ich hätte Ihnen wesentlich mehr Geschmack zugetraut“, sagte die Besucherin, dabei legte sie die Stirn in tiefe Falten. „Na ja, zum Glück kann man heutzutage an vielen Stellen einer Wohnung die Verbindung ins Netz unterbrechen.“
Für die Polizeichefin des New York City Police Departments war es scheinbar das normalste der Welt, in eine fremde Wohnung zu spazieren und das dort laufende Unterhaltungsprogramm zu beenden.
Tini wäre am liebsten vor Wut explodiert, dann sah sie die kleinen Schweinsaugen, die nur auf einen Fehler von ihr lauerten. Ein falsches Wort und Mary Clark Johnson konnte sie wegen Beamtenbeleidigung festnehmen.
„Charles Camille Saint-Saëns, danse macabre aus dem Jahr 1875. Er führte das Xylophon in die Sinfonik ein", presste sie mühsam hervor.
"Kein Wunder, dass in dem Titel das Wort makaber vorkommt. Ich hoffe, der Komponist war kein Amerikaner!“
Die Polizeichefin streckte sich. Ihre Masse füllte dabei nahezu den Türrahmen aus.
"Franzose."
"Ah, das erklärt die schreckliche Musik."
Tini war kurz davor, aus dem Anzug zu springen. Nur mit größter Anstrengung hielt sie sich zurück, schließlich bekam sie ihre Lizenz von der Polizeichefin.
„Was wollen Sie?“, knurrte sie erneut. Die Feindlichkeit in ihrer Stimme war weiter bedrohlich angestiegen.
Mary Clark Johnson ließ sich auf das rote Plüschsofa fallen, das ihr die Großmutter geschenkt hatte. Ein quietschender Laut ertönte.
Muss sich dieses zu schwer geratene Ei eigentlich auf mein Erbe setzen?, fragte sich die Detektivin genervt.
Sie verglich die Polizeichefin des New York City Police Departments seit Jahren heimlich mit einem Ei. Das lag an ihrem Aussehen. Für eine Frau um die fünfzig war sie stramm beieinander. Ihr Fleisch war fest, nichts schwabbelte. Sie war über 1,90 Meter, hatte einen zu klein geratenen Kopf mit kurz geschorenen blonden Haaren und extrem lange dünne Beine. Das auffälligste war jedoch die Form ihres Körpers. Er war tatsächlich ein Ei. Anders konnte man es beim besten Willen nicht bezeichnen. Oben spitz zulaufend und unten schön rund. Trotz ihrer Unförmigkeit war sie erstaunlich flink.
"Was wollen Sie, Mary Clark?“, fragte die Detektivin. Die Gereiztheit in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
"Wie Sie sicher, als gut informierter Mensch, gehört haben, ist vor zwei Tagen unser hochgeachteter Bürgermeister Samuel T. B. Zeleny ermordet worden."
"Ich nehme an, Sie haben keine Ahnung wer der Mörder ist, und das, obwohl unser hochgeachtete Bürgermeister rund um die Uhr bewacht wird?“, konterte Tini.
Das musste gesessen haben, denn die Antwort der Beamtin kam einen Tick zu schnell. "Wir wissen sehr wohl, wer die Mörderin ist. Sie wurde bereits verhört."
"Was wollen Sie dann von mir?“
Die Polizeichefin zögerte. "Wir können kein Geständnis bekommen. Dazu gestaltet sich die Indizienlage schwierig."
"Sie meinen, Ihre modernen Brainwash-Methoden haben versagt?“
Die Detektivin provozierte bewusst. Sie dachte dabei an die neueste Generation der Lügendetektoren, welche elektrische Gehirnströme in lesbare Sätze übersetzen konnten. Die Beamten bekamen dadurch jeden noch so flüchtigen Gedanken eines Tatverdächtigen nachlesbar auf den Bildschirm.
Mary Clark Johnson räusperte sich nervös. "Augenscheinlich ist sie sauber, was ich allerdings stark bezweifle. Wir mussten sie heute Morgen gehen lassen."
Auf dem Gesicht der Polizeichefin zeichnete sich eine gewisse Ratlosigkeit ab, die Tini entspannte.
„Könnte der Bürgermeister Opfer eines Zufalls geworden sein? Ich meine, vielleicht war er zur falschen Zeit am falschen Ort.“
„Es gibt keine Zufälle.“
„Gibt es denn Ihrer Meinung nach wenigstens noch Unfälle?“
„Es war kein Unfall“, sagte die Polizeichefin nachdrücklich, ohne auf die Frage der Detektivin einzugehen. Stattdessen wandte sie sich den charakterlichen Untiefen des hochgeachteten Bürgermeisters zu.
Samuel Theodor Benjamin Zeleny, ein Mann in den besten Jahren und natürlich verheiratet, ließ bis vor wenigen Wochen nichts in der Damenwelt anbrennen. Von einem Tag auf den anderen änderte sich das. Er verliebte sich. Die Identität der Frau hielt er geheim, selbst vor seinem Chauffeur. Das war ziemlich ungewöhnlich, denn er unterhielt ein ausgesprochen enges Verhältnis zu seinem Mitarbeiter. Um diese Liebe zu treffen, ließ er sich regelmäßig etwa fünf Kilometer außerhalb der Stadt zum Sunset-Motel fahren. Die Kamera des Empfangs zeigte, an den entsprechenden Tagen, stets dieselbe junge Frau. Sie checkte jedes Mal innerhalb der nächsten zwanzig Minuten ein.
Mary Clark Johnson stoppte unvermittelt und starrte Tini an.
Die zuckte ratlos die Schultern. „Und?“
„Unser polizeilicher Supercomputer Sherlock Holmes identifizierte sie als Maya Sommers“, sagte sie bedächtig, jede einzelne Silbe betonend.
Die Detektivin stieß einen leisen Pfiff aus. "Sprechen Sie etwa von der Tochter von Ronan Sommers, dem Tycoon der Solarzellenindustrie?“
Die Polizeichefin nickte. "Leider ist die Kamera, die das Zimmer des Bürgermeisters überwacht seit Monaten defekt."
„Sie haben keine Zeugen, nehme ich an.“
Mary Clark Johnson nickte.
Das hieß, die Polizei konnte die Treffen zwischen der jungen Frau und dem Bürgermeister nicht beweisen. Und da Sommers scheinbar kein Geständnis ablegte, war sie nur an Hand der hinterlassenen Spuren im Zimmer zu überführen.
Bevor die Detektivin etwas sagen konnte, brummte Johnson: "Keine Verwertbaren.“
"Gibt es ein Motiv?“
"Keins was offensichtlich wäre."
Tini sah gespannt auf die Hängebacken der Polizeichefin. Sie musste noch etwas in der Tasche haben, sonst würde sie nicht so merkwürdig dreinschauen.
Johnson betonte erneut jede Silbe. "Die Leiche wurde markiert.“ Die Detektivin machte ein ziemlich verdattertes Gesicht. "Wie in diesem mörderischen Onlinespiel“, erklärte die Beamtin ruhig, „dem ultimativen Spiel. Dort markieren die Jäger ihre erlegte Beute, damit sie ihnen eindeutig zugeordnet werden kann.“
Mary Clark Johnson verzog missbilligend das Gesicht. Sie schien sich zu fragen, wie eine Detektivin so etwas Fundamentales nicht wissen konnte.
Tinis Gedanken schweiften ab. Die Entwicklung der weltweit vernetzten Onlinespiele war in den letzten Jahren rasant vorangeschritten. Den größten Schub bekamen sie, als sie mit Hilfe von 3D-Effekten begehbar wurden. Das hieß, jeder Spieler konnte sich auf einmal in der Hülle seines Avatars frei im Spiel bewegen. Genauso wie ein echter Mensch im realen Raum.
Die Detektivin erinnerte sich dunkel, dass sie vor einigen Monaten vom ultimativen Spiel gehört hatte. Irgendeiner verglich das Ganze mit der Jagd aus früherer Zeit. Nur wurden hier keine Füchse oder Wildschweine von Reitern und Hunden gehetzt, sondern Avatare von Avataren. Jagende Avatare hießen Jäger und gejagte Avatare Beute. Die erbeuteten Avatare wurden gelöscht und kamen anschließend auf einen virtuellen Friedhof. Glaubte sie wenigstens.
"Verstehe ich richtig? Sie haben eine Markierung beim menschlichen Bürgermeister gefunden, die sonst erbeutete Avatare haben?“
Mary Clark Johnson nickte heftig.
Die Polizei hatte die Markierung des Bürgermeisters in die virtuelle Welt verfolgt und dabei festgestellt, dass sein gelöschter Avatar mit dem gleichen Zeichen gestempelt worden war.
Tini dachte einen Moment lang nach, dann sagte sie erstaunt: "Aber man kann jedem Jäger einen realen Menschen zuordnen. Es gibt eindeutige IP-Adressen, die bei der Anmeldung verteilt werden.“
Читать дальше