In diesem Teich der Zuversicht und der sorglosen Hoffnung auf den himmlischen Vater entstanden auch folgende Verse: „Jedes Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir. Hast auch meiner nicht vergessen, lieber Gott, ich danke dir!“
Irgendwann, zwischen dem 3. und dem 6. Jahrhundert nach seinem Tod wuchs der in den Herzen der Gläubigen gar nicht gestorbene Jesus zum eingeborenen Sohn Gottes immer stärker heran. Nicht nur der himmlische Vater, inzwischen kann deshalb auch Jesus selbst für unser Wohlergehen sorgen: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne was du bescheret hast.“
Zwei Fragen haben mich bei solchen Gebetstexten immer stärker beschäftigt. Die erste ist ziemlich naiv, die zweite ist ein bohrender Zweifel, der an der Wurzel meiner Gewissheit, dass ein Gott für uns sorgt, stetig rüttelte. Ich will es an der Aussage Jesu schildern, dass der Himmlische Vater die Vögel ernährt.
Das Phänomen, das heißt, die Oberfläche des Realen, zeigt in der Natur einen anderen Vorgang als den von Jesus geschilderten. Das Beobachtbare zeigt uns keinen himmlischen Vater, der die Vögel füttert. Auch Jesus, der Wanderprediger aus Palästina, war, so hoffe ich, kein naiver Blindgläubiger, denn er selber schilderte das auch für ihn sichtbare Phänomen in der Parabel vom Sämann: „Ein Sämann ging aus zu säen. Und als er säte, fiel einiges auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen es auf“ (Mt 13,2f). Jesus wusste also Bescheid, und er meinte wahrscheinlich auch nicht, dass der himmlische Vater selbst bestimmte, wo der Samen zu fallen hätte, so dass einiges auf den Weg fiel, damit die Vögel zu Fressen bekommen. So mythisierend die damalige Welt auch war, wir wollen Jesus doch unterstellen, dass er zwischen dem Beobachtbaren und der Glaubensebene zu unterscheiden wusste. Wenn also der himmlische Gott für die Vögel – und umso mehr für uns – sorgt, dann auf eine andere, für die Augen verborgene Art und Weise. Man darf also nachfragen: Auf welche Weise ernährt der himmlische Vater die Vögel? Und, wenn er das wirklich tut, warum werden dann nicht alle Vögel satt?
Beobachten kann man aber auch, dass die Vögel nicht nur den Samen, der auf den Weg fällt, fressen, sondern auch den, der sich im guten Erdboden befindet und sich darauf vorbereitet, eine Pflanze zu werden. Kolakowsky würde hier mit Bestimmtheit fragen: Was wird der Sämann über die Vögel - und über den himmlischen Vater - denken, die ihm die frische Saat zerstören? Die von den Bauern aufgestellten Vogelscheuchen sprechen eine deutliche Sprache. Sie wollen die Vögel verscheuchen und eventuell auch den lieben Gott, wenn er sie auf ihr Feld schickt, denn der liebe Gott ist ihnen gegenüber nicht sehr lieb.
Wir können gern beim fürsorglichen lieben Gott verweilen. Jesus lässt Gottvater den Vögel ein reines vegetarisches Essen zukommen. Vögel fressen aber nicht nur Samen, sondern auch Fleisch und Fisch. Und da werden die Zweifel noch größer. Denn Fleisch und Fisch werden nicht auf Felder gesät, sie sind abgetrennte Teile von Lebewesen, für die der liebe Gott eigentlich auch sorgen sollte oder hätte sorgen sollen. Vögel fressen sogar andere Vögel. Da fragt man sich, welche Vögel hat der liebe Gott lieb.
Elohim hatte nach Beendigung der Schöpfungsarbeit – er hatte gerade den Menschen nach seinem eigenen Bild erschaffen -, kurz vor seiner verdienten Sabbatruhe, dem Menschen, dem Beau der neuen Schöpfung, die Gewalt über Tiere aller Art gegeben. Die Menschen sollen über die Tiere herrschen, also mit ihnen tun, was sie wollen. Kräuter und Samen sollen auch den Menschen zur Verfügung stehen. Diese, das wird extra erwähnt, sollen die Menschen essen: ‚Das sei eure Nahrung’ (Gen 1,29). Ob die Menschen auch Fleisch essen dürfen, wird nicht explizit erwähnt. Aber wenn sie schon über die Tiere herrschen, dann sollten sie auch mit ihnen tun, wie es ihnen schmeckt. Die Tiere aber, so steht in Gen 1,30, sollen sich vegetarisch ernähren: „Allem Wild des Feldes, allen Vögeln des Himmels... gebe ich alles grüne Kraut zur Nahrung.“ Und natürlich meinte es der Schöpfer nicht nur gut, er hat ja, wie er selbst feststellt, alles gut gemacht.
Man muss sich fragen, wie degeneriert die Schöpfung ist, und zwar auch nach der reinigenden Sintflut und dem neuen Anfang: Bären fressen am liebsten Lachs, wenn sie müde und erschöpft von der langen Reise in den Nordatlantik, sich zum Laichen niederlassen. Nach den Bären kommen die Vögel an den Fresstisch mit frischem Lachs. Die Vögel fressen ansonsten gern auch kleine Fische, wenn sich die Flut zurückzieht und langsam zur Ebbe wird.
Aber auch das umgekehrte Beispiel ist zu beobachten: Fische fressen gern junge Vögel, die noch nicht im Fliegen geübt sind und sich auf dem Wassersiegel des Meeres ausruhen wollen. Sie sind ein leckeres Appetithäppchen für hungrige Fische.
Es kommt noch schlimmer: Fische fressen natürlich nicht nur Vögel, sondern auch und am liebsten
Fische. Sollte aber ein Mensch oder auch dessen Leiche ins Meereswasser fallen, dann schütze ihn oder sie der liebe Gott. Bisher hat aber keiner beobachtet, dass der liebe Gott einen lebenden Menschen oder dessen Leiche vor dem aufgesperrten Maul eines Hais gerettet hätte.
Hat sich die Schöpfung von der ursprünglichen Absicht des Schöpfers derart entfernt, oder wurde sie vom Schreiber der Schöpfungsgeschichte nicht richtig wiedergegeben? Irgendwie hat man den Eindruck, in der Schöpfung des lieben Gottes frisst jeder jeden, wir alle, Kräuter, Tiere und Menschen, sind eine Horde sich gegenseitig fressender Wesen.
Schlimmer wird es noch, wenn wir aufhören, an die niedlichen Vögel und an die anderen Tiere zu denken, und beginnen, uns mit dem Hunger der Menschen in der Welt zu befassen. Denn nicht alle Menschen sind in der Lage, sich am gedeckten Tisch zu setzen und den lieben Gott für die Speise zu danken, die er ihnen zubereitet hat.
Einer von neun Menschen muss heutzutage hungrig ins Bett gehen. Heute leben 7,5 Milliarden Menschen auf Erden, fast 800 Millionen haben nicht genug zu essen, mehr als 200 Millionen müssen hungern, mehr als 8 Millionen, meistens Kinder, sterben jedes Jahr an Hunger.
Lenkt Gott wirklich die Welt? Warum strengt er sich dann nicht mehr an, so dass alle Menschen sich an einen gedeckten Tisch setzten und ihm dann zu Recht für Speise und Trank danken können?
Warum sind wir, die am Tisch sitzen und beten, satt, bevor wir anfangen zu essen, und Millionen von Menschen hungern, auch wenn sie den himmlischen Vater inständig bitten, ihnen zu essen zu geben? Ist diese Frage noch zu naiv? Oder ist der liebe Gott nur für die Satten zuständig? Und wer ist für den Hunger der Welt verantwortlich? Das andere Gesicht des göttlichen Januskopfes?
Die Antwort auf diesen Einwand lautet oft: Wenn andere Menschen hungern, dann ist der Mensch selbst daran schuld. Man meint also, für das Gute auf der Welt ist der liebe Gott zuständig, für die andere Seite der Realität – etwa für Hunger und Krieg - ist eher der Mensch verantwortlich, der sich von der Profitgier statt von der Liebe zum Mitmenschen leiten lässt, ansonsten steckt hinter dem Phänomen des Bösen in der Welt der Teufel selbst.
Das behaupten die Gottesanwälte. Plötzlich schwenkt man von einer verborgenen, uns nicht bekannten Ebene, aus der der Vater im Himmel die Welt lenkt und vielen Menschen Essen und Geborgenheit zukommen lässt, auf die beobachtbare Ebene des Realen, auf der wenigstens vordergründig die Menschen, unser Planet, das Universum ohne Zugriff irgend eines Gottes tätig sind. Dort, wo das Unkrau wächst, sind nur die Menschen tätig. Das wird sogar stimmen, aber wir könnten auch behaupten, dass der Mensch auch für die gute Seite des Lebens verantwortlich ist. Warum sollte Gott nur fürs Gute und der Mensch fürs Schlechte verantwortlich sein?
Читать дальше