Auch die von den sogenannten Heiden, von den vorchristlichen Religionen übernommenen und christlich getauften magischen Kulte gehören zum Sammelbecken der Religion. Die falschen Überzeugungen, die als Wille Gottes gedeutet wurden und zu Hexenverbrennungen und Tötung von Andersdenkenden führten, sind bekannte religiöse Phänomene. Und nicht zuletzt die Rückführung von Krankheiten auf die Wirkung von Dämonen, von psychischen Erkrankungen auf die Wirkung des Teufels, der durch teilweise grausame Exorzismen aus dem kranken Menschen getrieben werden soll: Das alles und noch viel mehr gehört zur Religion.
Sogar die sogenannte positive Seite der Religion - das Gebet, der Gottesdienst, die Freude über die Liebe Gottes, die ekstatischen Momente - haben eine negative Seite und eine negative Auswirkung. Der Mensch macht sich gegenüber Gott klein, und dieser Zustand versetzt ihn in eine Art mystische Benebelung, die ihn letztlich unfrei macht. Es ist eine raffinierte, nicht leicht zu durchschauende Art, den Menschen festzubinden und ihn abhängig zu machen: nicht direkt von Gott, sondern von Ritualen, Mythen und magischen Kräften und von Glück versprechenden Gurus, die der kultischen Handlung vorstehen. Der Gläubige fühlt sich gut aufgehoben und glücklich, und dabei merkt er nicht, dass diese Art von Bildung ihn zum einem unsichtbaren und vielleicht sogar nicht existierenden Gott versklavt und unnötigerweise klein macht.
Beim Kult spielen die Priester, welcher Glaubensrichtung auch immer, eine wesentliche Rolle. Sie stehen in der Mitte des kultischen Geschehens und vermitteln den Eindruck, sie seien eine Brücke zwischen dem leidenden oder jauchzenden Volk und dem lieben Gott.
Nietzsche schreibt dazu: Die Brahmanen waren überzeugt, dass die Priester mächtiger waren als ihre Götter. Ihre Größe fußte auf der Macht des Brauchtums (das sind die Gebete, die Riten, das Opfer, die Lieder). Sie schafften die Götter beiseite, dann waren die Priester weg, weil sie als Vermittler nicht mehr nötig waren. Anschießend kam der Lehrer der Religion der Selbsterlösung, Buddha, um den Menschen zu sagen, dass sie keine Götter haben und keine brauchen. Europa, meinte Nietzsche, sei weit weg von dieser ‚Stufe der Kultur’ (sinngemäß aus: Die Morgenröthe, 96).
Der heutige Versuch seitens der christlichen Kirchen und der meisten Muslime, nur die positive, menschenfreundliche Seite der Religion als die echte Religion zu stilisieren, schlägt fehl, denn zu jeder Zeit haben sich Menschen, die anderen Menschen Böses antun, auf Gott berufen. Sie glauben dabei vielleicht, Gottes Willen zu befolgen und deshalb Gutes zu bewirken: Ihr Gott sei zwar ein guter und ein lieber, aber besonders ein gerechter und strenger Gott.
Heute früh bin ich aufgewacht...
„Stellen wir uns doch mal eine Welt vor, in der es keine Religion gibt“, schreibt Richard Dawkins im Vorwort zum seinem Buch ‚Der Gotteswahn’. Dawkins selbst stellt sich unter anderem vor, es gäbe dann im Namen Gottes keine Selbstmordattentäter, keinen Krieg zwischen Israelis und Palästinensern, keine Kreuzzüge, keine Hexenverfolgung, keine Verfolgung von Juden als ‚Christusmörder’, keine ‚Ehrenmorde’, keine Zerstörung antiker Statuen durch die Taliban, keine öffentlichen Enthauptungen von Ketzern, keine Prügel für das Verbrechen, zwei Zentimeter nackte Haut zu zeigen, und vieles andere mehr.
Vielleicht hat es – long, long time ago - zu einer Zeit, an die wir uns alle nicht mehr, nicht einmal in unserem kollektiven Bewusstsein, erinnern, eine Welt ohne Religion gegeben. Ob die Wunschvorstellung Dawkins unsere die heutige Welt betreffenden Überlegungen weiterbringt?
Selbst hätte ich nichts dagegen, wenn es in der Welt keine Religionen gäbe. In dem Fall gäbe es mit Sicherheit keine Zerstörungen antiker Statuen, keine Attentate, keine Kreuzzüge, keine Glaubenskriege, keine Morde in Namen irgendeines Gottes. - Gäbe es dann überhaupt kein Blutbad mehr zwischen den Völkern, keine harten Strafen für Untreue, keine Verfolgung, keine Misshandlung, keine Tötung von Andersdenkenden?
Der Meinung bin ich nicht. Ich bin davon überzeugt, dass der Mensch dazu keine Religion und keine Götter nötig hat. Er braucht sie eher als Alibi, damit er sich selbst nicht als die Ursache seiner Missetaten sehen muss und die Schuld auf ein Alter Ego, das er Gott nennt, schieben kann.
Papst Franziskus, der heute eine Religion vertritt, die früher den eigenen Glauben im Namen ihres Gottes gegen Andersgläubige oder gegen Ungläubige, wie man sie damals bezeichnete, mit Waffengewalt und Marterwerkzeugen verteidigte oder anderen Menschen aufzwang, sagt heute, Menschenmisshandlungen im Namen Gottes seien ein Frevel, sie seien ein Werk des Teufels. Ich bin der Meinung, dass der Mensch weder den früheren christlichen Gott noch den Teufel dazu braucht.
Gott und Teufel könnten moderne Überbleibsel einer mythischen Welt sein, in der Götter und Dämonen stets mitmischten. Und wenn sie existieren sollten, für das Gute und das Böse in der Welt ist ihre Rolle völlig irrelevant. Es bedarf keines Gottes, damit auf unserer Erde Gutes entsteht. Wir stellen auch heute ganz nüchtern fest, dass viele Menschen, die Gutes tun, an keinen Gott glauben. In den früheren Jahrhunderten war es nicht anders.
Der Mensch kann Gutes und Böses tun, den Mitmenschen erfreuen oder ihn zur Verzweiflung bringen. Er kann einen neuen Eden und eine irdische Hölle schaffen. Dazu braucht er keine Götter und keine Teufel.
Ich vermute, viele Menschen sind gar nicht meiner Meinung. Wenn es in der Welt keine Religion gäbe, würden sie den Gottesdienst vermissen, in den sie gerne hingehen und sich dort in irgendeinem Gott aufgehoben fühlen. Auch wenn sie nicht sicher sind, dass es einen Gott gibt, würden sie es vermissen, wenn sie keine Gelegenheit hätten, sich in einem Kultraum zu versammeln, mit anderen zu singen und zu beten – zu wem auch immer -, mit einem unsichtbaren Gegenüber zu reden, auf ihn einzuflüstern. Eine ursprüngliche Sehnsucht nach Gott entwickelt im Laufe der Zeit eine gewisse Sucht nach dem Kult, und der religiös süchtige Mensch würde unter einem gewaltigen Entzug leiden, wenn keine Religion ihm diese Möglichkeit anböte. Auch die Menschen, die meinen, ohne Gott und Religion sei die Moral gar nicht begründbar, können meine süffisante Gleichgültigkeit gegenüber jeglicher Religion nicht ohne Widerspruch hinnehmen.
Ich bleibe aber dabei. Auch die Religion ist ein Werk des Menschen. Menschen haben die Religion gestiftet und dafür einen Gott gebraucht.
Die Religionen unterscheiden sich untereinander, nicht weil Gott, den sie anbeten, jeweils anders ist, soweit es überhaupt einen gibt, sondern weil die Menschen nicht nur die Religionen, sondern auch die dazu nötigen Götter nach ihrem eigenen Bild erfunden haben. Die Religion ist zum Leben nicht nötig, die von ihr erfundenen Götter noch weniger.
Alle meine Götter sind tot.
„The eyes of the Lord are everywere.“ Der Spruch ist in einer Zelle des ‚Castle’ zu Norwich in England zu lesen. Noch vor fünfzig Jahren hätte man ihn in jedem ‚Gotteshaus’, in vielen Sprachen, zu unterschiedlichen Anlässen gehört. Er war das beste religiöse Erziehungsmittel, um Gott im Leben der Menschen, besonders der Kinder und der Jugendlichen obsessiv präsent zu halten. Dass dieser Spruch nun in einem früheren Gefängnis eines englischen Schlosses zu lesen ist, ist ein echtes Sinnbild für die damalige religiöse Erziehung, die viele Menschen krank und unfrei gemacht hat und sie religiös zwanghaft fesselte.
Heute früh bin auch ich aufgewacht. Um mich herum waren sämtliche Götter verschwunden. Kein Gott war mit mir aufgestanden. Komisch, dachte ich, gerade habe ich aufgehört, an Götter zu glauben, und sie sind alle spurlos verschwunden. Ein Gefühl des Glücks übermannte mich.
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