Ich hörte geduldig zu, beantwortete die Fragen so gut ich konnte und nach zwei Stunden waren wir fertig. Auf den Weg zur Bürotür, stellte mir Michael noch eine letzte Frage.
„Haben sie schon eine neue Wohnung für sich, Herr Hussmann?“ Es ist schon merkwürdig, wenn man von seinem Anwalt, solch eine Frage zu hören bekommt. Doch dieser war mit allen Wassern gewaschen und dachte auch an solche Dinge.
„Nein leider nicht. Es ist doch etwas schwieriger, als ich dachte. Düsseldorf ist doch etwas teuer, wenn man alleine ist.“ Die Sache war mir unangenehm, hatte ich doch angenommen, es wäre leichter eine neue Bleibe zu finden. Ich hatte es unterschätzt, wie die Preislage von Wohnungen war.
„Ist das wirklich so?“ Bei dieser Frage hob er leicht die linke Braue. Wieder so eine Situation, an die ich mich genau erinnere.
„Ich wohne etwas Auswärts“, erklärte Michael. „Von hier sind es um die vierzig Kilometer, aber von ihren Arbeitsplatz wird es nicht so weit sein.“ Er ging zurück zu seinem Platz und tippte etwas auf seiner Tastatur. „Ah gut. Es sind 32 Kilometer. Zufällig ist gerade in dem Haus, wo ich wohne, ein Zweizimmerapartment frei geworden. Eine sehr schöne und ruhige Gegend. Viel Grün und ein Supermarkt befindet sich auch in der Nähe. Ich kenne den Vermieter persönlich und könnte ein gutes Wort für sie einlegen.“
Obwohl es für mich wie ein Verkaufsgespräch gewirkt hatte, überlegte ich trotzdem nicht lange und schaute mir die Wohnung noch am selben Tag an.
Wie sich herausstellte, war der Vermieter gleichzeitig der Vater von Michael. Die Miete war, so vermute ich es zu mindestens, durch ein Gespräch von Michael mit seinem Vater, tatsächlich günstig. Einen Tag später hatte ich den Mietvertrag unterschrieben.
Die Wohnung befindet sich in einem Dreifamilienhaus im Dachgeschoss. Obwohl man es auch nicht Familienhaus nennen kann, denn eigentlich wohnt nur mein Anwalt und jetziger Freund mit seiner Frau und den drei Kindern, sowie seine Eltern dort. Okay es waren zwei Familien, wenn man es genau nimmt. Nur ich war alleine.
Von der Eingangstür meiner Wohnung erstreckt sich ein Flur, welcher in einem geräumigen, licht durchfluteten Wohnzimmer endete. Links befindet sich eine große Küche, in der der Vormieter seine Einbauküche zurück gelassen hatte. Es war eine moderne Küche mit quarzgenauen, glänzenden Fronten. Auch wenn es eine Menge Arbeit ist, die Fingerabdrücke wegzuwischen, gefiel sie mir sehr. Die zweite Tür auf der linken Seite des Flurs gehört zu dem Badezimmer, welches sogar eine große Badewanne beherbergte. Rechts befindet sich ein schmales Schlafzimmer. Egal, dachte ich mir, man sollte ja nur darin schlafen und ein Bett und ein Kleiderschrank passten dort alle mal rein. Vom Wohnzimmer aus kommt man auf eine Dachterrasse, die zum Innenhof lag. Ich liebte diese Wohnung auf den ersten Blick. Michael hatte nicht zu viel versprochen. Die Gegend war wirklich ruhig.
Drei Wochen später bezog ich meine neue Bleibe. Die ich erst spärlich einrichten konnte, weil ich nicht allzu viel mitnehmen wollte. Mit der Zeit jedoch wurde es nach und nach immer wohnlicher.
Auch wenn ich nicht am sprichwörtlichen Hungertuch nagte, versetzte mir die Rechnung der Kanzlei den nächsten Schock.
„Keine Sorge“, beruhigte mich Michael, „du darfst sie natürlich in Raten abbezahlen.“ Rechtsschutzversicherungen zahlten zu meinem Leidwesen keine Scheidungen. Was für Feiglinge! Ich arrangierte mich allerdings mit dieser Situation, so gut es ging.
Da ich während dieser Zeit jeden Abend mit meiner Tochter telefonierte, konnte ich Elisabeth recht schnell Bescheid geben. Sie klang erleichtert. Wahrscheinlich war es doch nicht so toll bei ihren Eltern.
Ich musste dann nicht lange auf den Brief von ihrem Anwalt warten. Weil mir nicht danach war, mich damit auseinander zusetzten (der nächste Schock wäre nicht ausgeblieben), erhielt Michael den Brief ohne Umwege. Der er im gleichen Haus wohnte, vereinfachte es die ganze Sache sehr. Es entstand ein reger Briefwechsel zwischen den Anwälten und am Ende durfte ich Zoé wirklich jedes Wochenende abholen. Das war die beste Nachricht. Der Rest bestand dann leider nur aus bezahlen. Auch für die Zeit wo Elisabeth bei ihren Eltern war. Das nennt man dann wohl elterliche Fürsorge. Schlussendlich war es nicht so viel, wie ich befürchtete hatte. Mit Michael war ich dann schnell beim Du.
„Hallo Dennis“, begrüßte er mich an der Haustür, als er mich erreichte und gab mir ein Schreiben.
„Was ist das?“ wollte ich wissen.
„Das ist der Scheidungstermin. Es ist zwar noch etwas hin, ich konnte aber durchsetzen, dass wir schon den Termin bekommen. Nicht das alle Richter im Urlaub sind.“ Er zwinkerte mir zu.
Ich schaute mir das Schreiben an. Der Termin war am 22.07. um 10.00 Uhr. Ein Jahr und zwei Wochen nach dem Elisabeth mir den Brief geschrieben hatte.
„Dennis? Alles gut bei dir?“ Mit seiner Frage riss mich Michael aus meinen Gedanken.
„Ja schon. War heute nur nicht so der tollste Tag in der Firma“, antwortete ich wahrheitsgemäß. Er schaute mich verständnisvoll an.
„Was hältst du davon, wenn du heute Abend mit uns grillen würdest?“ Mit uns meinte Michael seine ganze Familie. „Dann könntest du alles erzählen und du weißt doch: Für alles gibt es eine Lösung.“ Michael klopfte mir auf die Schulter und öffnete die Haustür.
Was für ein Tag, dachte ich, als die Tür meiner Wohnung in das Schloss schnappte. Erschöpft überlegte ich mir, was ich tun sollte, bis der Grillabend begann. Ich entschied mich für eine Dusche. Das entspannte und erfrischt gleichzeitig.
Als ich mit Duschen fertig war, fühlte ich mich tatsächlich entspannter. Ich zog mir bequeme Sachen an und machte es mir auf meinem Sofa gemütlich. Vom Hof hörte ich die Kinder von Michael und seiner Frau Gabi fröhlich spielen. Kurze Zeit später klingelte es bei mir und vor der Tür stand Hans.
„Guten Abend, Dennis. Ich hoffe Michael hat auf meinen Rat gehört und dich eingeladen, heute mit uns den Abend zu verbringen.“
„Guten Abend. Ja das hat er. Es klang aber so, als wäre die Idee von ihm gewesen.“
„Dann werde ich wohl mit meinem Sohn ein ernstes Wörtchen Reden müssen“, sagte Hans keck und grinste dabei frech. „Guck nicht so entsetzt Dennis. War nur ein Scherz. Ich wurde nur beauftragt dich abzuholen.“ Mir fiel ein Stein von Herzen, wollte ich doch nicht schuld haben, wenn sich Michael mit seinem Vater stritte
„Ich wollte auch gerade herunter kommen. Gebe mir nur noch eine wenig Zeit, damit ich auch etwas für das leibliche Wohl beitragen kann.“
„Ach Unsinn“ wischte Hans meine Hilfsbereitschaft weg. „Es ist genug da und du wurdest eingeladen. Also los! Lassen wir den herrlichen Frühlingstag einfach ausklingen.“
Dabei lächelte Hans unentwegt und auch seine Stimme klang so unbeschwert heiter. Was nahm der Mann nur und konnte man das legal kaufen? Seine Heiterkeit war einfach ansteckend. Meine Wohnung verließ ich gut gelaunt und freute mich auf einen entspannten Abend.
Wenn man auf den Innenhof möchte, muss man durch einen langen Flur gehen. In diesem hatte Hans einen Kalender an die Wand genagelt. Bis heute weiß ich nicht wozu er gut sein soll. Man wusste zwar immer welcher Tag war, doch normal hängen Kalender in den eigenen vier Wänden. Immer wenn ich Hans darauf ansprach, winkte er nur ab. „Der hängt nur so da, damit alle immer wissen welcher Tag ist“, meinte er dann lapidar. Irgendwie vermutete ich mehr dahinter.
Heute aber war mir das egal und normalerweise schaue ich auch nicht auf den Kalender, nur heute viel er mir mehr durch das Datum auf. Es war der erste April. Welch eine Ironie. Vielleicht war der heutige Tag ein schlechter Aprilscherz, hoffte ich insgeheim. Leider starb die Hoffnung schon am zweiten April einen kurzen, schmerzvollen Tod.
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