„Ich denke das wird schwer“ merkte ich sarkastisch an. „Die Größe kann doch gar nicht mehr unterboten werden.“ Sollte Brigitte allerdings gekündigt werden, würde der kleine Herr Eisig einen ganz großen Fehler machen, denn Brigitte war ein Organisationstalent. Durch sie versanken wir nie im Terminchaos. Außerdem, wer sollte dann am Empfangstresen sitzen? Bestimmt nicht Herr Eisig selber.
„Ich hab ja gedacht, ich wäre klein, aber der übertreibt es ja wirklich“, sagte Charly und grinste dabei. „Egal ich werde mal nach Hause fahren. Bin gespannt, was mich heute noch dort erwartet. Du weißt ja, ein Unglück kommt selten allein.“ Ich nickte mitfühlend.
Charly hatte es nicht leicht zu Hause. Seine Frau ging ihm fremd und hielt es nicht mal für nötig es zu verheimlichen. Und sie war ein Drachen. Einer von der ganz üblen Sorte. Ich hatte schon das zweifelhafte Vergnügen, Klara kennen zu lernen. Charly ging allerdings sehr gelassen mit der Situation um. Jeder andere hätte sich von der getrennt. Manchmal fragte ich mich, wieso er es nicht tat.
Ich schaute Charlys Auto eine Weile nach, bevor ich in mein eigenes einstieg. Auf dem Heimweg dachte ich über die derzeitige Situation in der Firma nach. Zum einen war es nicht schlecht, dass wir nun einen großen Konzern im Rücken hatten. Allerdings war ich nicht sicher, ob man uns nicht doch einfach abservieren würde, wenn man alles hatte, was wir uns erarbeitet hatten. Relativ gut fand ich, dass unsere derzeitigen Verträge übernommen wurden, aber musste man uns dann so einen wie Herr Eisig vor die Nase setzten? Ich grübelte die ganze Autofahrt darüber nach und eh ich mich versah, hatte ich mein Auto geparkt. Das ging aber schnell, stellte ich erstaunt fest.
Ich wollte gerade die Haustür aufschließen, da fing mich Michael ab. Scheinbar kam er auch gerade nach Hause. Michael war mein Anwalt und mein Freund und er lebte in dem gleichen Haus, wie ich. Eigentlich habe ich es ihm zu verdanken, dass ich meine jetzige Wohnung habe. Kennen gelernt haben wir uns kurz nach dem mich Elisabeth verlassen hatte.
In der ersten Woche, nach diesen Abend, durchlebte ich alles wie in einem Nebel. Ich funktionierte nur. Mehr nicht. Wenigstens machte ich mich auf die Suche nach einen Anwalt und hatte auch eine Woche später einen Termin. Scheidungen waren wohl ein profitables Geschäft.
In dieser Woche bemerkte ich etwas, womit ich damals nicht gerechnet hatte. Elisabeth fehlte mir nicht. Ehrlich gesagt, dachte ich nur an meine Tochter. Die Erkenntnis, dass Elisabeth Recht hatte überrollte mich wie eine Dampfwalze.
Die Kanzlei, bei der ich meinen Termin hatte, befand sich in einen von diesen schicken Bürogebäuden aus Glas. Meinen kleinen italienischen Zweitwagen, stellte ich in die dazugehörige Parkgarage ab. Elisabeth hatte sich den Kombi geschnappt und war damit zu ihren Eltern gefahren. Richtig wir hatten zwei Autos. Wir verdienten eben nicht schlecht.
Bei den Fahrstühlen musste ich auf die Firmenlogos schauen, um zu erfahren wo sich die Anwaltskanzlei Rapps und Kollegen befand, denn dort hatte ich meinen Termin.
Im Fahrstuhl lernte ich Michael dann auch das erste Mal kennen. Er kam genau in dem Moment an gehetzt, als sich die Aufzugtüren schlossen. Ich hielt ihm die Türen auf, damit er sich zu mir gesellen konnte.
Glücklicherweise kam ich an diesem Tag mal pünktlich von der Arbeit weg. Okay ich habe mich einfach verabschiedet. Ich wusste, dass Axel mich nicht kündigen würde. Außerdem zeigte er vollstes Verständnis für meine Situation.
Michael hatte damals einen schwarzen Pullover und eine Jeans an. Ich schätzte ihn auf Mitte Dreißig. Er ist mindestens einen Kopf größer und wirkte, obwohl er schlank ist, nicht schlaksig. Vielleicht lag es an seiner Kleidung, die hervorragend zu seinen dunklen Haaren passte, warum ich mich so in seinem Alter verschätzte, aber er sah so frisch und unverbraucht aus.
„Guten Tag. Welche Etage möchten Sie?“, fragte er mich. Es waren unsere ersten Worte die wir miteinander wechselten.
„Guten Tag“, gab ich zurück. „In die Neunte bitte.“
„Ah zu den Anwälten. Ich habe nur Gutes von denen gehört“, gab er zum Besten. Warum mussten Leute einfach ungefragt etwas kommentieren, dachte ich damals bei mir.
„Wo müssen Sie denn hin?“ fragte ich zurück, während der Fahrstuhl nach oben fuhr.
„Auch in die Neunte. Ich habe da heute noch einen Termin. Den hatte ich fast vergessen. Der Kaffee den ich getrunken habe, war aber auch zu lecker.“ Er grinste schief und drehte sich zu den Fahrstuhltüren.
Zumindest war ich nicht der Einzige mit Problemen und wenn noch jemand einen Termin in der Kanzlei hatte, dann sollten die Anwälte doch wirklich gut sein.
Ohne Zwischenstopp erreichten wir die neunte Etage und verließen die verspiegelte Kabine. Michael und ich durchschritten ein geräumiges Foyer. Ich erreichte die Glastüren der Kanzlei einen Schritt zu vor ihm und hielt ihm die Tür auf. Er bedankte sich freundlich und ging ohne Umschweife in eines der Büros.
Der ist wohl schon öfters hier gewesen, kam mir der Gedanke, bevor ich die Rezeption erreichte. Wieso ich nicht auf die Idee kam, er würde in der Kanzlei arbeiten, kann ich rückblickend nicht beantworten.
„Guten Tag. Ich habe heute um 16.15 Uhr einen Termin in ihrer Kanzlei vereinbart. Meine Name ist Dennis Hussmann“, erklärte ich an der Rezeption. Die Empfangsdame, die zu mir auf sah, war im mittleren Alters und hatte lange brünette Haare, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Auf ihrer knochigen Nase saß eine moderne ovale Brille. Nicht nur ihre Nase war knochig, sondern der Rest, den ich sah, auch. Konnte der mal jemand ein Butterbrot geben? Oder auch zwei?
„Ja Herr Hussmann. Dr. Richter wird sie gleich empfangen“, empfing sie mich freundlich. „Darf ich ihnen etwas zu trinken anbieten?“
Ein Doktor und dann hatte er auch noch den Namen Richter, wenn das mal nicht passend war. An manche Dinge erinnerte ich mich wirklich erschreckend genau.
Ich bestellte mir ein Wasser und kurze Zeit später holte mich Michael persönlich ab. Ich war vollkommen überrascht, dass es der Fahrstuhltyp war. Ob der mich gut vertreten konnte, wenn er schon fast den Termin vergaß, schoss es mir zu der Zeit durch den Kopf. Später erzählte ich Michael mal von meiner Naivität. Er lachte nur und beruhigte mich, in dem er mir sagte, dies wäre nur passiert, weil ich noch nicht ganz bei mir war.
„Wir haben uns ja schon begrüßt Herr Hussmann.“ Michael reichte mir seine Hand. „Michael Richter“, stellte er sich dennoch bei mir vor.
„Angenehm“, erwiderte ich.
„Bitte folgen Sie mir.“
Ich folgte Michael in sein Büro. Während er die gläserne Bürotür schloss, setzte ich mich auf einen der Lederstühle.
„Bitte entschuldigen Sie mein Auftreten. Leider passiert es mir schon mal, dass ich Termine vergesse. Aber wie sie sehen, bin ich doch noch pünktlich da.“ Nachdem sich auch Michael gesetzt hatte, bat er mich, meine Sachlage zu schildern.
„Hm“, machte er, als ich fertig war, „das könnte eventuell Schwierigkeiten geben. Haben sie schon ein Schreiben der Gegenseite?“
Ich schüttelte den Kopf
„Okay es wird schwierig. Also gut. Da wir nicht wissen, was die Gegenseite fordert, können wir erst mal nur ihre Seite regeln“ schlug Michael vor und so gingen wir alles durch. Vom Unterhalt für Zoé und Elisabeth, der Gütertrennung, der Umgangsregelung, einfach alles und dass bis zur Scheidung. Gerne hätte ich es gesehen, wenn Zoé bei mir gewohnt hätte, jedoch standen die Chancen dafür eher schlecht.
Michael hatte dafür einen anderen Plan. Zoé könne ja jedes Wochenende zu mir kommen, wenn sie es denn wollte. Um Elisabeth das schmackhaft zu machen, wollte er es mit freien Wochenende nach einer anstrengenden Woche mit Arbeit und Kindererziehung schmackhaft machen. Den Unterhalt für Zoé zahlte ich gerne. Anders sah es bei Elisabeth aus, doch Michael wollte es irgendwie regeln. Hat er zum Glück auch sehr gut hin bekommen. Den Kombi durfte Elisabeth schlussendlich behalten. Mir persönlich reichte auch das kleine Auto aus.
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