Gott bin ich froh, die Praxis für einige Zeit verlassen zu können. So gerne ich auch hier arbeite – mittlerweile schon fast ein halbes Jahr – so sehr hat mir der heutige Vormittag zugesetzt. Es war einfach zu viel. So gesehen, hatte Dr. Sommer – ich muss unbedingt anfangen alle Vornahmen zu lernen schelte ich mich selber – sogar Recht mit seiner ersten Vermutung. Zwar ist in Wahrheit wohl eher mein Ex und weniger mein Arbeitspensum der Grund für meinen desolaten Allgemeinzustand – seit Wochen schlafe ich kaum eine Nacht gut durch – doch in Summe wird es mir allmählich zu viel. Und so verdammt weh, wie die Trennung mit Basti mir jetzt tut – dieser Befreiungsschlag musste jetzt endlich geschehen.
Dankbar für ihre tröstliche Gesellschaft hake ich mich bei Sarah unter und wir entscheiden uns in Anbetracht meines seelischen Zustands für mein absolutes Lieblingslokal, das Noahs.
Hier läuft immer gute, und vor allem der Tageszeit angepasste Musik, sämtliche Servicekräfte tragen stets ein ehrliches Lächeln im Gesicht, und das Küchenteam zaubert jedes Mal ein leckeres Essen auf meinen Teller.
Zum Glück sind es nur wenige hundert Meter Fußmarsch über die Fußgängerzone bis zum Lokal – die zentrale Lage der Praxis hat eindeutige Vorteile – und wenig später sitzen wir bereits in einer kuscheligen Sitzecke im hinteren Teil des langgestreckten Raumes. Hungrig studiere ich die Tageskarte.
Heute gibt es Tagliatelle mit Lachswürfeln und eine helle Weinsauce – Mhhm. Das nehme ich. Sarah entscheidet sich für einen gemischten Salat und bestellt vorab eine Tagessuppe. Wenige Sekunden, nachdem die Kellnerin die Bestellung aufgenommen hat, startet Sarah bereits mit ihrer Inquisition. Ich atme einmal tief durch und lasse die letzten Tage erneut vor meinem inneren Auge aufleben.
>Also< ich überlege, wie ich am besten anfangen soll. Auch wenn mir im Moment mein Herz fast überspringt, mir wollen einfach keine Worte einfallen um meine Gefühle zu beschreiben.
>Wir haben uns wieder mal gezofft< w ieder mal ist eine freundlich gewählte Umschreibung für ständig in den letzten Wochen.
>Ich kann dir noch nicht mal mehr sagen warum wir dieses blöde Thema wieder auf dem Tisch hatten...< zunächst runzelt Sarah die Stirn, dann tritt jedoch ein wissender Ausdruck auf ihr Gesicht und sie verdreht die Augen.
>Schon wieder das Thema mit der gemeinsamen Zukunft im trauten Heim?<
Ich starre auf die Schutzhülle meines Smartphones auf dem Tisch vor mir und nicke langsam.
>Pia, ich dachte das wäre längst durch? < Sarah sieht mir freundlich in die Augen und schüttelt den Kopf vor Verwunderung. Ich zucke mit der Nasenspitze und schnaube.
>Ja, für ihn vielleicht. Aber nicht für mich. Sarah...Ich bin jetzt dreißig, ich will nicht ständig das Wochenendmädchen sein für Sebastian! <
Der Begriff Wochenendmädchen ist eine wohlwollende Umschreibung für die letzten drei Jahre mit Sebastian. Auch wenn ich die tiefe Anteilnahme meiner Freundin spüre – von der ersten Sekunde in meiner neuen Arbeit konnten wir stets über alles miteinander reden – so bemerke ich doch ein gewisses Unverständnis für meine Situation. In ihren Augen habe ich mit Basti das große Los gezogen und solle mich glücklich schätzen, einen gut situierten Maschinenbauingenieur mein Eigen zu nennen. Doch die stets perfekte Fassade weist leider einige Schwachstellen auf.
Zwar wohnen wir seit meinem Umzug nach Balingen nur wenige Kilometer auseinander – wir lernten uns über eine einschlägige Datingplattform kennen als ich noch in Köln lebte – und seit einem halben Jahr führen wir auch keine Fernbeziehung mehr, doch bislang haben sich nur wenige meiner Zukunftspläne in die Tat umsetzen lassen. Erfreulicherweise gehört mir meistens sein gesamtes Wochenende – mit Ausnahme von einigen geschäftlichen Reisen ins Ausland zu wichtigen Firmenkunden – und wir unternehmen dann stets etwas miteinander. Und doch will einfach kein nächster Schritt folgen. Als Kind einer zerrütteten Familie sehne ich mich seit meinem frühen Auszug von zu Hause nach einer heilen Basis für mein Leben. Und Basti erschien mir dafür als der perfekte Partner. Gutaussehend, selbstständig und mit diesem gewissen Reiz, den ein älterer Mann auf manche Frauen ausstrahlt. Doch auch, wenn wir nahezu jedes Wochenende gemeinsam verbringen und auch sonst in unserer Freizeit gemeinsame Dinge unternehmen. Die räumliche Trennung bleibt bestehen. Nicht selten endete ein gemeinsamer DVD-Abend unter der Woche unromantisch vor meiner Haustüre. Mein Zuzug nach Balingen in eine bestehende WG – in meinen Augen eine Übergangslösung – kristallisierte sich allmählich als Dauerzustand heraus. Und anstatt endlich Nägel mit Köpfen zu machen – und hier erwartete ich jetzt endlich ein klares Statement von Bastian – lässt dieser Mann nicht durchblicken, ob ihm an einer klassischen und vor allem gemeinsamen Zukunft mit mir gelegen ist. Die Situation ist in höchstem Maße für uns beide festgefahren, denn weder scheint er 'mehr' zu wollen, noch will ich 'weniger' von ihm.
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als unser Mittagessen eintrifft. Durstig trinke ich einige große Schlucke von meinem Apfelschorle und übergehe damit mein Schweigen Sarah gegenüber. Doch sie runzelt nur die Stirn und greift ebenfalls nach ihrem Getränk. Wir beginnen schweigend mit unserer Mahlzeit. Schließlich findet sie ihre Worte zurück.
>Er ist also immer noch nicht dazu bereit, dass du bei ihm einziehen kannst? Hm< sie löffelt weiter ihre Suppe und ich stochere lustlos in meinen Nudeln herum. Dabei ärgere ich mich über die widerspenstige Konsistenz der Pasta. Jetzt spritze ich mir auch noch Sauce auf die Hose. Mist! Eilig ergreife ich meine Serviette und bemühe mich um Schadensbegrenzung.
>Nein. Und ausnahmslos jedes Mal, wenn ich ihn darauf anspreche bekomme ich anderen Mist zu hören. Ich bin doch nicht wie seine blöde Ex. Aber erzähle das mal Bastian. Wahrscheinlich hatte er von Anfang an nur Mut für unsere Beziehung, weil ich hunderte Kilometer von ihm entfernt gewohnt hatte und technisch nicht in der Lage sein würde ihn in seinen eigenen vier Wänden zu bedrohen. Oder was auch immer er sich unter einer feindlichen Übernahme durch eine Freundin vorstellen mag < resigniert schüttle ich meinen Kopf und gebe den Kampf mit den renitenten Nudeln endgültig auf. Nun spieße ich einen Lachswürfel auf meine Gabel und schiebe ihn lustlos zwischen meine Zähne.
>Und dann hat er dir noch nicht mal wirklich verraten können warum er keine richtige Beziehung führen kann?< Sarah beginnt damit, ihren Salat kleiner zu schneiden und blickt gelegentlich in meine Richtung.
>Ich weiß es nicht< nuschle ich mit halbleerem Mund und greife nach meinem Glas
>das ist ja das komische an diesem Mann. Solange ich bestimmte Dinge nicht anspreche und mit ihm nur in unserer Freizeit zusammen sein will ist für ihn die Welt in Ordnung< ich nehme einen Schluck und stoße danach einen theatralischen Seufzer aus >aber so sieht doch nicht mein Leben aus, Sarah! Schau dich doch um. Allein im letzten Vierteljahr sind zwei unserer Kolleginnen mit ihren Freunden zusammengezogen oder haben gleich geheiratet! Und was mache ich? Ich lebe wie ein Single mit Affäre und hänge zwischen den Seilen. Manchmal frage ich mich, warum ich mir den Umzug in diese Provinzstadt eigentlich zugemutet habe! Hier ist doch nichts los, es sei denn wir fahren mal nach Stuttgart hoch.<
Sarah verzieht säuerlich ihr Gesicht und schiebt sich das nächste Salatblatt in den Mund. Ich verstumme. Verglichen mit ihr – so meint vermutlich sie – muss es mir mit so einem Freund doch prächtig gehen. Aber dieses Thema wird zwischen uns wohl nie zu einer gleichen Meinung führen. Oder mit anderen Worten, sie wäre glücklich darüber, überhaupt mal jemanden kennen zu lernen. Sie mustert mich mit dem die-hübsche-Pia-und-ihre-Probleme-wo-keine -sind-Blick und erneut breitet sich Stille zwischen uns aus. Nachdem ich satt bin stütze ich mein Kinn traurig auf meine Handfläche und sehe ihr beim Essen zu.
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