>Gestern war es soweit. Es ist eskaliert, Sarah. Diesmal hat er mich geschubst. Das geht mir zu weit. Ich kann so nicht weiter machen < ich lasse meine Schultern nach unten fallen und senke den Blick. Die kampfbereite Amazone, welche vorhin noch ein professionelles c ool-mal-eben-die-drei-Jahres-Beziehung-beendet-Gespräch zu führen gewusst hat ergreift vor dem dämonenhaften Geist zwischen Sarah und mir schnellstens die Flucht und geht irgendwo tief in mir drin in Deckung vor den ganzen Dingen, die jetzt auf mich zukommen werden. Ich fühle erneut das Brennen hinter meinen Augen und fühle mich schrecklich. Doch ich schaffe es stark zu sein, hebe den Blick und sehe Sarah nicht mehr vor mir. Stattdessen erschreckt sie mich zu Tode, als plötzlich ihre Arme von hinten um meinen Hals greifen und mich nach hinten ziehen. Ich rolle mit meinem Stuhl in ihre Richtung und beginne hemmungslos zu schluchzen. Sie stützt ihr Kinn auf meinen Scheitel und raunt mir beruhigende Worte in die Haare. Ich drücke fest meine Augen zusammen, dennoch spüre ich wenig später die ersten heißen Tränen auf meiner Wange nach unten kullern. Ich bemerke, dass ich immer noch mit der rechten Hand die Maus halte und ergreife stattdessen die Arme meiner Freundin. Gott sei Dank arbeitet sie in der gleichen Praxis wie ich. Was wäre der Alltag nur ohne eine gute Freundin. In dieser unvorteilhaften Situation biegt natürlich einer der jüngeren Zahnärzte, Dr. Sommer, um die Ecke und erwischt uns quasi in flagranti beim Freundinnen-Trösten. Sarah springt schnell einen Schritt zurück. Ich bemühe mich um Fassung und strecke meine Wirbelsäule in die Höhe. Belustigt grinst er zunächst Sarah ins Gesicht und beginnt mit einem Necken, doch als sein Blick mich trifft verstummt er jäh und runzelt die Stirn.
>Was ist denn mit Ihnen los, Pia?< dabei tritt er näher an den Schreibtisch heran, nestelt aus seinem weißen Kittel eine Packung Papiertaschentücher, öffnet den Verschluss und streckt mir die Packung entgegen. Peinlich gerührt ziehe ich mit zwei spitzen Fingern das oberste Tuch heraus und tupfe unter meiner Brille vorsichtig die verräterischen Tränen weg. Ich ziehe leise die Nase hoch und räuspere mich.
>Ich....mir geht es gerade nicht gut, Herr Sommer.< jetzt nur keine Blöße geben. Mein Selbstwertgefühl hat sich für den Moment etwas erholt und bis auf den vermutlich rötlichen Teint auf meinen Wangen sollte ich relativ normal auf meinen Vorgesetzten wirken also warte ich ab.
>Das ist zu sehen, ja< wieder sehe ich große Zweifel in seinem Gesichtsausdruck. >Hat es etwas mit der Arbeit hier zu tun? Ich kann verstehen, wenn Sie sich von dem ganzen Berg an Arbeit überrumpelt fühlen. Immerhin sind Sie noch nicht so lange in unserem Team< als er schweigt, ergreife ich das Wort, verdrehe dabei aber meine Gedanken und fühle mich irgendwie bloßgestellt.
>Nein, Dr. Sommer, wir waren nur gerade...< Mist, wie soll denn dieser Blödsinn klingen für meinen Vorgesetzten.
>Ähm...nein. Es ist Privat. Sarah hat mir gerade nur beigestanden, weil es mir gerade nicht...so gut geht. Das ist alles< dabei atme ich tief ein und schnäuze in das klamme Taschentuch. Dr. Sommer blinzelt einen Moment – vielleicht bilde ich mir das auch nur ein - doch schon nach einigen Sekunden erscheint sein normaler Gesichtsausdruck wieder und er verfällt in ein anderes Thema.
>Wie dem auch sei…< und nachdem ich den ersten peinlichen Moment überwunden habe höre ich mir seine Fragen zu den aktuellen Kostenvoranschlägen an und krame geschäftig eine Patientenakte nach der nächsten auf den Schreibtisch um Dr. Sommer einige Details zu den ermittelten Kosten zu erläutern. Dabei fällt mir auf, dass er sich zwar wie immer professionell auf meine Erklärungen konzentriert, dabei aber stets eine freundschaftliche Atmosphäre spüren lässt. Überhaupt ist das Arbeitsklima in diesem Bienenstock von Zahnarztpraxis mit angeschlossenem Fortbildungszentrum vorbildlich. Ich habe einen echten Glücksgriff getätigt als ich in das Team aufgenommen wurde. Na wenigstens etwas Gutes hatte mein Umzug in die Provinz doch für mich zu bieten. Bemerkt der zickige Teil meiner Selbst.
Sarah ist währenddessen wieder an ihren Schreibtisch zurückgekehrt und beugt sich scheinbar geschäftig über ihren Schreibtisch. Aber ein Gespräch unter Frauen können wir auch in der Mittagspause führen. Wenig später sind alle wichtigen Fragen geklärt und Dr. Sommer verabschiedet sich mit einem freundlichen Nicken von mir. Er ist schon fast bei der Türe, als er plötzlich stehen bleibt, sich auf dem Absatz umdreht und eilig zu mir zurückkehrt.
>Fast hätte ich es vergessen. Ich muss Ihnen doch auch noch zum Geburtstag gratulieren! < flink ergreift er meine Hand und ich blicke verdutzt zu ihm herauf. Ich kann nicht anders, als sein freundliches Lächeln zu erwidern. Dann fällt mir auf, dass ich sitze und so stehe ich – wir halten uns noch immer an den Händen – schnellstens auf.
>Sie sind jetzt dreißig, nicht wahr? < er übergeht geschickt meine gedrückte Stimmung und wählt einen munteren Tonfall.
>Ähm. Ja. Dreißig. Irgendwann musste es bei mir ja auch mal soweit sein< ich räuspere mich verlegen. Zeige ihm aber dennoch ein weitestgehend offenes Lächeln, bei dem ich ausnahmsweise meine Zähne – und somit eine kleine Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen – entblöße. Egal wie viele Leute mir noch versichern mögen, dass sie süß in meinem mädchenhaften Gesicht aussieht.
>Sie feiern also heute Abend bestimmt ins Wochenende, nicht wahr?< noch immer hält er meine Hand fest. Zwar wie zu einem Händedruck, aber mit einem gewissen Schalk verbunden, denn er lässt nicht los während er mich anschließend mit guten Ratschlägen zum Älterwerden überschüttet.
>Dann müssen Sie nämlich besonders aufpassen. Im Alter verträgt der Mensch weniger Alkohol. Das lässt die Haut noch schneller altern. Sehe ich da nicht schon einige Fältchen um Ihre Augen...?< theatralisch beugt er sich näher an mein Gesicht, hebt erschrocken die Brauen und tippt mir mit dem Zeigefinger seiner freien Hand in der Nähe meiner Augen auf die Wange.
>Da! Lachfältchen haben Sie schon Mal.<
Ich lächle verlegen, den Mund wieder geschlossen, und traue mich nicht ihm meine Hand zu entziehen. Ich glaube, in einem anderen Moment und nicht mit meinem aktuellen Berg an Problemen belastet, würde ich sogar mit ihm scherzen, doch jetzt senke ich peinlich gerührt den Blick und breche diesen Moment in winzige Teile. Dr. Sommer – wie heißt er eigentlich mit Vornamen? - beendet seinen Spaß und lässt meine Hand so abrupt los, dass ich mich erschrecke. Sarah wirft mir einen fragenden Blick zu, den ich aber nicht erwidere, und stiert daher erneut auf ihren Bildschirm. Ich mache einen kleinen Schritt zurück und warte auf die nächste Reaktion von meinem Vorgesetzten. Der Schalk ist aus seinem Blick verschwunden. Schnell nickt er mir freundlich zu und wendet sich zum Gehen.
>Na dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Geburtstags-Tag. Bis dann< dabei wischt er sich eilig seine Handflächen an seinem Kittel ab. Ehe ich mich versehe, hat er schon den Raum verlassen. Ich konnte ihm nicht einmal mehr Tschüss sagen. Ich werfe ihm einen verdutzten Blick hinterher. Das ist zu viel Input für mich. Schnell sinke ich auf meinen Drehstuhl zurück und werfe Sarah flehende Blicke entgegen. Rette mich vor diesem Tag!
Sie erwidert meinen Blick, hebt dann ihre linke Hand mit der Uhr in meine Richtung und tippt mit vielsagendem Blick auf das Uhrengehäuse. Schnell checke ich die Uhrzeit und erschrecke zu Tode. Es ist bereits nach 12 Uhr, ich habe noch nicht annähernd alle Kostenvoranschläge abgearbeitet – von den fälligen Rechnungen an die Patienten ganz zu schweigen – und mein Magen knurrt. Wenn ich das alles noch unter einen Hut mit dem fälligen Freundinnen-Talk bringen will, muss ich mich sputen. Wir halten einen kurzen Kriegsrat und beschließen gemeinsam, dass das intime Gespräch nicht weiter aufgeschoben werden kann, versetzten unsere Computer in den Ruhemodus und machen uns gemeinsam auf den Weg zur Stempeluhr. Zwar begegnen wir unterwegs zu unseren Spinden noch einigen weiteren Kolleginnen und auch dem Hauptchef – nun haben mir wirklich alle Mitarbeiter gratuliert und ich fühle mich endlich nicht mehr unter Dauerbeschuss – doch Dr. Sommer läuft mir nicht mehr über den Weg. Ich schiebe jeden weiteren Gedanken an die seltsame Begegnung zur Seite, öffne den Spind und nestle fahrig nach meiner Tasche. Schnell checke ich mein Smartphone – natürlich hat Sebastian mir bereits einige Nachrichten per WhatsApp geschickt – doch ich ignoriere jeden weiteren Gedanken an ihn und stecke das Telefon zurück in die Handtasche.
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