Jetzt würde sie ihren unverwechselbaren Weg gehen, zu ihrem Selbst, dem lange gesuchten. Sie war voller Zuversicht, fröhlich sogar. Mit unterschiedlichen Mitteln ging sie jetzt diese Innenpfade. Endlich, nicht mehr durch Außen geleitet und angepasst an irgendetwas, dass sie nicht betraf. Sie las dicke Bücher von Leuten, die diesen Weg schon gefunden hatten, aus Krisen herausgekommen waren, so. Ja, er wollte ihr helfen, Ruhe zu finden: ihre ureigenste Mitte. Von Qigong schwärmte sie dann: der Weg, um zu heilvoller Ganzheit zu finden, den körpereigenen Energieströmen Bewegungsfreiheit zu geben. Man lernte den Körper spüren, jeden Gliedabschnitt einzeln und dann wieder alles im Fluss und in der Bewegung. Ja, auch Rettich und Tee und Diät und Fasten waren nicht schlecht. Man nahm sich selbst wahr, bekam ein Gefühl für das eigene Gewicht, konnte so dieses Gefühl des Nichts und der Leere bekämpfen, dass sie manchmal heimsuchte. Jens verstand auch das, riet ihr zu solchen Ritualen, auch wenn er sie nicht immer ernst nehmen konnte. Ja, von dem chinesischen Lehrer sprach sie begeistert. Er hätte einen wunderbar geschmeidigen Körper und er könne durch Berühren dafür sorgen, dass sie den eigenen Körper dem Rhythmus der Musik anschmiegte, der ihr oft noch entglitt. Ein bisschen fernöstlich beseelt, vielleicht erleuchtet war nicht schlecht, dachte sich der Mann.
Dennoch wurde er die Unruhe nicht los. Nun, viel größer als er, war der wohl auch nicht, Jens hatte es gleich herausgehört. Große Männer waren immer eine Gefahr. Aber jetzt kam sie schleichend, auf Wegen, auf denen er seine Birgit lange begleitet hatte. Dort in Neufahrn, wo sie den Beginn des tibetanischen Kalenderjahres begingen, war der wahrscheinlich nicht der einzige Lehrer für asiatische Weisheiten. Wege zu Gleichmut, Gelassenheit, Harmonie würden ihr dort beigebracht werden. Es musste nicht der sein, den er längst in Augenschein genommen hatte. Es gab dort noch andere Meister, auch Asiaten konnten eine stattliche Länge erreichen. Auch, dass solche Wochenenden so teuer waren, ärgerte ihn. Aber das behielt er für sich. Er wollte von ihr nicht hören, dass er knauserig sei. Großzügig wollte sie leben. Er verstand es, aber langsam beunruhigte ihn, dass sie die Ausbildung seit einem Jahr unterbrochen hatte und offensichtlich gar nicht daran dachte, sie wieder aufzunehmen. Und das Geld schmolz, wie der Schnee in der Sonne, aber er hätte um keinen Preis mit ihr darüber reden können, ohne sich den Vorwurf einzuhandeln, dass er ein Spießer sei, immer auf Sicherheit aus. Sie schaute jetzt oft so verklärt, mit innerem Lächeln gleichsam und widmete ihrem inzwischen doch recht mageren Körper eine große Aufmerksamkeit. Das war neu, früher hatte sie ihn lieber versteckt. Jetzt brachte sie Stunden im Bad vor dem großen Spiegel zu. Sie schloss sich ein, aber er wusste es, er hatte ein Gefühl in den Jahren ihrer Ehe dafür entwickelt. Mit ihren fünfundvierzig Jahren ist sie nun endlich bei sich selbst angekommen, sagte sie ihm neulich, bevor sie die neue Diät begann.
Er kam mit seiner Unruhe an diesem Wochenende nicht zurecht. Musik hören, lesen, telefonieren, nichts half. Er erkundete den Fahrplan, versuchte aus ihren Andeutungen zu rekonstruieren, wann sie am Bahnhof sein würde. Er sah sie über den Bahnsteig kommen, aus sicherem Versteck. Sie kam mit einer Gruppe Frauen, in deren Mitte der Qigong Lehrer ging. Seine Sogkraft gab der Gruppe einen Mittelpunkt, der noch deutlich blieb, wenn das Gedränge auf dem Bahnsteig die Gestalt der Gruppe veränderte. Als Birgit ihn sah, schaute sie ganz fremd, wie aus weiter Ferne, dann schien sie ihren Mann zu erkennen.
2001
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