Nijano setzte sein freundlichstes Gesicht auf. »Wunderbar, dass wir dich getroffen haben! Der Wassertropfen von Melvin ist noch in der Satteltasche, oder?«
»Natürlich ist er dort und an keinem anderen Ort.«
»Das ist gut! Wir fliegen jetzt kurz in meine Höhle. Dort versuchst du, Soraya oder mir den Sattel anzuschnallen. Danach fliegen wir drei gemeinsam über die Gonorawüste.«
Teck erschrak. »Auf keinen Fall, du hast ’nen Knall! Die Wüste ist die Hölle, die geht mir ans Gewölle! Nicht noch mal so eine Qual!«
»Stell dich nicht so an!«, schnaubte Nijano. »Das hast du doch schon einmal geschafft!«
»Pah! Die Wüste ist wirklich fürchterlich, ich bin echt nicht zimperlich!« Teck warf sich in die Brust und setzte ein würdevolles Gesicht auf.
»Wenn du dich weigerst, fress ich dich!« Nijano spie ein wenig Feuer, peitschte zeitgleich mit dem Schwanz.
Entsetzt sprang Teck weg und wollte in die Bäume flüchten.
Da schaltete sich Soraya ein. »Unsinn! Nijano, du Macho!«
»Macho?«, fragte Nijano verwirrt. »Was ist ei…«
»Sei still! Teck, komm zurück! Er tut dir nichts, das verspreche ich dir!«
Zögernd machte Teck kehrt und schaute fragend zu Soraya.
Die Drachin stupste dem Eichhörnchen vorsichtig vor den Bauch. »Wir brauchen dich, um den Wassertropfen zu bedienen. Wir wollen etwas für deinen Freund Melvin in Erfahrung bringen, was für ihn sehr wichtig ist. Bitte, hilf uns! Auf dich können wir uns verlassen, das hast du uns schon einmal heldenhaft bewiesen.« Mit einem treuherzigen Augenaufschlag sah sie Teck an. »Ohne dich kriegen wir es nicht hin!«
Nijano verdrehte die Augen über so viel Gesülze – typisch weiblich!
Teck schien zu überlegen. Nach einer Weile lenkte er ein: »Was soll das so Wichtiges für Melvin sein, dass wir uns aussetzen dem schlimmsten Sonnenschein?«
»Es geht um seine leiblichen Eltern, wir verfolgen eine Spur.«
Theatralisch seufzte Teck. »Für dich, Soraya, will ich es tun, gegen Nijanos Drohung dagegen bin ich immun.«
»Danke! Du darfst auf mir fliegen, dann musst du nicht auf dem Bollerkopp da sitzen!« Soraya warf Nijano einen tadelnden Blick zu, der belustigt grinste.
»Wenn alles geklärt wäre, saufen wir uns jetzt voll und ab geht’s«, polterte er und stampfte zum Wasser, um die Schnauze ins kühle Nass zu tauchen.
*
Nachdenklich stand Emma in der Küche, um sich einen dampfenden Tee aufzubrühen. Wintertee von Tante Esther, mit Süßholz, Ingwer und Pfefferminze. Endlich war Freitag, somit stand das Wochenende bevor mit Ausschlafen und Rumhängen. Vielleicht würde sie später zu Ben gehen. Es klingelte an der Haustür, da niemand sonst reagierte, schlenderte sie hin und öffnete. Sie erstarrte. Vor ihr stand John!
Lässig lehnte er am Türrahmen, die Hände in den Hosentaschen vergraben, neben sich einen großen Rucksack und grinste.
Ihr Herz kam aus dem Tritt. »John!« Sie flog in seine Arme, presste sich an ihn und konnte nicht verhindern, dass ein paar Freudentränen flossen.
Mit starkem Griff hielt er sie umfangen, vergrub sein Gesicht in ihren Haaren, sog den Duft ein und drehte sich glücklich mit ihr im Kreis. »Meine Emma!«
Zittrig umfassten ihre Hände sein Gesicht. Sie zog ihn heran, küsste ihn atemlos und konnte nicht fassen, dass er tatsächlich vor ihr stand. »Wieso bist du hier? Wieso hast du nicht geschrieben, dass du kommst?«
»Möchtest du mich nicht hereinbitten?«, schmunzelte er.
Kurz überlegte Emma. Nein, wollte sie nicht! Alle Geschwister waren zu Hause und würden John belagern, doch sie wollte ihn erst mal für sich allein haben. Mit ihm sprechen, alles klären, ihm von sich und ihren Gefühlen erzählen. »Nein, Moment! Ich ziehe mir eine Jacke an und wir gehen spazieren. Ich möchte … mit dir in Ruhe quatschen … okay?«
»Gern! Lass mich nur meinen Rucksack bei dir abstellen!« Er schwang ihn über eine Schulter, ging damit die Eingangsstufen hoch und ließ ihn im Flur stehen. Dann folgte er Emma, die seine Hand nahm und ihn mit sich Richtung Wald zog. Immer wieder schaute sie ihn an und strahlte. John war da, ihr John!
»Du freust dich ja richtig, mich zu sehen!«
»Hast du etwas anderes erwartet?«, fragte sie erstaunt.
»Nein, eigentlich nicht! Aber da ich so unangemeldet erschienen bin, wusste ich nicht …«
Eine Weile gingen sie glücklich nebeneinander her. Erst als der Wald sie mit seiner Stille umfing, begann John zu erzählen: von der Reise durch Europa, der Ankunft im Reservat, von Annie, seinen Gedanken und Gefühlen. Emma unterbrach ihn kaum, ließ ihn einfach reden. Als er verstummte, sah er sie an und versuchte, in ihrem Blick zu lesen.
»Hast du …? Hast du mit Annie …?«, fragte Emma mit heiserer Stimme.
»Nein, habe ich nicht! Aber fast!«
Entsetzt starrte Emma ihn an. Sie schluckte mehrmals und schwieg betroffen. Ihr Gefühl hatte sie nicht betrogen, sondern angedeutet, dass John sich von ihr entfernte! Der Traum fiel ihr ein. Genau das, was darin passierte, war geschehen. Träume besaßen eine Bedeutung, sie hätte es besser wissen müssen! Fast hätte sie John verloren!
Die Erkenntnis, dass er mit einer anderen etwas angefangen hatte, tat weh. Sauweh! Wie weit waren die beiden gegangen? Verletzt drehte Emma sich weg. Nach allem, was John und sie zusammen erlebt hatten! Sogar den Tod bezwangen sie gemeinsam! Er sprach doch als Erster von Liebe. Verdammt! Wie Gift breiteten sich Enttäuschung und Bitterkeit in Emma aus. Ohne zu wissen, was sie tat, gab sie John eine schallende Ohrfeige und rannte los. Völlig planlos lief das Mädchen weiter.
John hatte die Ohrfeige nicht abgewehrt, sondern wortlos eingesteckt. Geplagt von schlechtem Gewissen folgte er Emma. Als er sie einholte, zog er sie an sich. »Bitte Emma, verurteile mich nicht! Annie ist nicht irgendwer, ich kenne sie schon so lange. Als meine Eltern starben, ist sie an meiner Seite gewesen, sie hielt zu mir, wenn die anderen mir das Leben schwergemacht haben. Bis ich in Fanrea landete. Aber damals waren wir beide jung, fast noch Kinder.«
Als Emma störrisch schwieg, fuhr er fort: »Bitte, versuch mich zu verstehen! Ich bin so viel älter als du! Siebzehn auf dem Papier und durch meine gelebte Lebenszeit in Fanrea noch viel älter. Meine Bedürfnisse sind manchmal anders als deine. Ich bin eher ein Mann als ein Junge.« Hilflos schaute er sie an und zuckte die Schultern. »Trotzdem, ich will nur dich! Ich weiß nicht, wieso … Annie hat sich in mich verliebt und …«
»Ich will das nicht hören! Ist es dir so wichtig, mit mir mehr als …« Emmas Herz überschlug sich vor Schmerz.
»Nein! Hör auf, das ist es nicht! Meine Liebe gehört dir! Ich werde auf dich warten, werde dich nicht bedrängen, etwas zu tun, was du nicht möchtest. Erst wenn du bereit dazu bist!« Ratlos schaute John zu Emma und schwieg verlegen.
Traurig vergrub sie das Gesicht in seiner Jacke und schluchzte: »John, ich konnte fühlen, dass etwas nicht stimmt. Da waren diese Alpträume! Ich hatte solche Angst, dich zu verlieren! Immer wieder der Name Annie, und in mir diese miese Eifersucht! Jetzt weiß ich aber sicher, was ich will: dich!« Sie verstummte. Er blieb bei ihr! Nicht bei Annie! Seine Entscheidung stand somit fest. Brächten Vorwürfe ihre Beziehung weiter? Nein, im Gegenteil, sie würden alles zerstören. Johns Ehrlichkeit war etwas sehr Kostbares, wofür Emma ihn nicht bestrafen wollte.
Sie sahen einander in die Augen und entdeckten so viel Liebe darin.
»Manchmal muss man sich voneinander entfernen, um zu erkennen, was der andere einem wirklich bedeutet«, sagte John leise.
»Vielleicht ist das so!« Emma atmete tief durch. »Weißt du noch, was du mir zum Abschied geschrieben hast? Das Gedicht von Hans Kruppa?«
Er nickte. »Manchmal muss man ein paar Schritte rückwärts gehen, um einen Anlauf zu nehmen für den Sprung in einen neuen Anfang*. «
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