Annie stapelte die Teller aufeinander. »Ich trockne ab.«
Als John ihr die Teller abnahm, berührten sich ihre Hände und fast hätte er alles fallen lassen, so sehr prickelte die Berührung.
Zittrig nahm das Mädchen das Handtuch. »Mein Vater findet genauso wie ich, dass du toll mit Pferden umgehen kannst. Er freut sich, wenn du uns besuchst!«
»Ich mag deinen Vater. Seine Pferdezucht ist großartig! Deine Familie besitzt wunderschöne Tiere, und ich bin gespannt auf das neue Fohlen.« John beobachtete Annies Bewegungen. Als sie sich vorbeugte, um nach einem Glas zu greifen, streifte ihn ihr Duft. Sie roch nach Tannennadeln und Yasmin. John schloss die Augen und atmete tief ein. Als er sie wieder öffnete, stand die Indianerin dicht vor ihm und schaute ihn herausfordernd an. Ihr Blick war anders als sonst. Sie legte den Kopf leicht schräg und schien auf etwas zu warten. Gegen seinen Willen fühlte John sich von ihr angezogen, ihre Lippen lockten ihn. Verzweifelt kämpfte er gegen seine Gefühle an, schob schnell die nassen Hände in die Taschen der Jeans.
Annie schien seinen Widerstand zu spüren und kaute unsicher auf der Lippe. Ihre Augen schauten ernst, gleichzeitig runzelte sie die Stirn.
Seufzend drehte John sich weg. »Hast du noch Hunger? Möchtest du etwas Schokolade?«
Annie flüsterte: »Ja, ich möchte noch etwas. Aber kein Essen!«
Diese Botschaft klang unmissverständlich. John schluckte. Widersprüchliche Gefühle überrollten ihn. Er schätzte Annie, sie war ihm vertraut. Aber er liebte eigentlich Emma! Konnte er zwei Mädchen gleichzeitig lieben?
»John, du bist etwas Besonderes für mich! Immer schon hat dir mein Herz gehört! All die Jahre hab ich gehofft, dass du zurückkommst.« Auf einmal legte die Indianerin die Arme um seinen Hals.
John schaute in ihre Augen und versank darin. Lippen fanden sich wie von selbst. Endlich! Ihre Küsse schmeckten nach mehr. John drohte, die Beherrschung zu verlieren. Abrupt löste er sich von Annie und schob sie ein Stück weg. Sie mussten unbedingt miteinander reden, offen über Emma sprechen! »Ich muss dir etwas sagen. Ich …«
»Sei still!« Sie versiegelte seinen Mund mit Küssen.
John spürte Begehren, Sehnsucht nach grenzenloser Nähe, eins sein. Warum ließ er sich nicht einfach auf Annie ein? Er wollte sie doch auch! Aber so war er nicht! Er konnte nicht einfach den Verstand ausschalten und sämtlichen Gefühlen freien Lauf lassen!
Das dunkelhaarige schob eine Hand unter sein T-Shirt, kroch damit langsam am Rücken hoch und streichelte die warme Haut.
Ihm stockte erneut der Atem, der Herzschlag beschleunigte sich. Mit den Armen umschlang John seine Jugendfreundin und zog sie noch näher heran. Ihr durchtrainierter Körper fühlte sich gut an. Weiblich, zart und stark zugleich. Genauso wie Annie war. »Meine Annie …«, flüsterte er ihr ins Ohr.
Zarte Hände fassten sein T-Shirt, zogen es ihm über den Kopf. Die Jugendfreundin streichelte zaghaft über die ausgeprägten Bauchmuskeln.
Johns Gedanken rasten. Er merkte, dass die Beherrschung schwand. Aber Betrug ließ sich nicht mit seinem ehrlichen und anständigen Charakter vereinen. Am Ende würde er beide betrügen – Emma und Annie!
Die Indianerin löste sich von ihm und öffnete mit bebenden Fingern den obersten Knopf der Bluse.
Mit einer sanften Bewegung hielt John die Hände fest. »Nein! Tu das nicht! Ich werde nicht hierbleiben, ich werde das Res * bald verlassen.«
»Warum denn? Niemand zwingt dich, zu gehen! Wann?«
»Im Frühling.«
»Bis dahin ist es noch lang! Oder du könntest einfach hierbleiben!« Mit fragenden Augen schaute sie ihn an, dann füllten sie sich mit Tränen. »Geh nicht wieder weg, John! Bleib bei mir!«
Erneut nahm er sie in die Arme, sie sollte nicht wegen ihm weinen. Als er zärtlich die Tränen wegküsste, lächelte sie ihn zaghaft an. »Du siehst sogar hübsch aus, wenn du weinst«, raunte er. Annie lockte ihn. Sein Widerstand brach zusammen.
Sie schien zu spüren, dass er den Kampf aufgab, zog mit einem Finger die Form seiner Lippen nach. »John, ich sehne mich nach dir!«
Mit einer energischen Bewegung zog John Annie zu sich heran und hob sie hoch. Wie eine Feder lag sie in den Armen, und er trug sie in sein kleines Zimmer. Zärtlich legte er sie aufs Bett, startete einen letzten, verzweifelten Versuch: »Ich kann dir nichts versprechen. Ich werde dir wehtun, wenn ich nicht im Res bleibe. Du wirst traurig sein wegen mir, weil … Das will ich nicht! Außerdem gibt es da noch etwas, dass ich …«
»Psst! Jetzt ist jetzt! Ich will nicht über später nachdenken! Du hast mich schon einmal verlassen, das habe ich auch überlebt. Komm her!« Sie streckte eine Hand nach ihm aus.
Er griff danach. Als sie ihn zu sich zog, wusste er, dass nun etwas passierte, was er später bereuen würde. Aber er konnte nicht anders. Mit einer unendlich zärtlichen Geste strich er eine seidige Haarsträhne aus dem hübschen Gesicht. Ihr Blick versank in seinem. Er vergaß alle Vorsätze, gab jeglichen Widerstand auf. Die Sinnlichkeit des Mädchens raubte ihm den Atem. Annies Hände streichelten seinen Rücken, fuhren über das Drachenmal, das leicht kribbelte.
Draußen näherte sich ein Wagen und kam knirschend im Schnee zum Stehen. Verärgerte Stimmen drangen bis zu ihnen.
John erschrak und fluchte: »Verdammt! Mein Onkel ist schon da! Er wollte erst heute Nacht zurückkehren!«
Hastig sprang Annie auf. »Dein T-Shirt liegt noch in der Küche!« Hektisch verschwand sie im Bad. Sie musste sich erst ein wenig sammeln, bevor sie Telling Bear unter die Augen treten konnte. Obwohl klar war, dass er in ihrem Herzen alles lesen konnte.
John raste in die Küche und zog gerade das T-Shirt über den Kopf, als sein Onkel eintrat.
Kurz musterte der ihn und zog eine Augenbraue hoch. »Wo ist Annie?«
»Äh, im Bad. Wieso bist du schon zurück?«
»Es gab Streit, die Diskussionen wurden unsachlich. White Horse und ich hatten keine Lust mehr und sind einfach gefahren.«
Verlegen lehnte John am Esstisch und fuhr unglücklich mit einer Hand durchs Haar.
Telling Bear runzelte die Stirn und verkniff sich eine Frage. Später, wenn Annie weg wäre, konnten sie reden.
Die Tür vom Bad wurde geöffnet und Annie trat unsicher in die Küche.
»Hi, Annie!« Telling Bear schenkte ihr einen aufmunternden Blick.
Scheu lächelte sie den Schamanen an. »Hallo! Ich fahr dann mal nach Hause. Gab es Ärger auf der Versammlung?«
Kurz schilderte er den Abend und goss dabei ein Glas Wasser ein.
John und Annie warfen einander verstohlene Blicke zu, bis John schließlich zu ihr ging und den Arm um sie legte. Erleichtert schmiegte Annie sich an ihn.
Telling Bear tat, als ob er nichts wahrnähme.
»Bringst du mich zum Auto, John? Gute Nacht, Telling Bear!«
Arm in Arm verließ John mit Annie die Hütte. Die kalte Nachtluft tat gut und die Dunkelheit machte den Moment leichter. Der Zauber von eben schien zerstört. Verlegen standen die beiden vor Annies Auto und wussten nicht, wie sie sich voneinander verabschieden sollten. John druckste herum und brachte schließlich ein »Tut mir leid!«, zustande. Ein gequälter Ausdruck glitt über sein Gesicht.
Zweifelnd musterte Annie ihn und versuchte, in seiner Seele zu lesen. »Was genau tut dir leid?«
»Dass wir, hm, dass … Ach, vergiss es!« Entschlossen zog John Annie in die Arme und küsste sie, voller Sehnsucht und Traurigkeit.
Für Annie schmeckte der Kuss nach Abschied, eine dunkle Ahnung beschlich sie. »John, ich werde bald siebzehn. Ich würde mit dir überall hingehen, das weißt du, oder?«
»Ja, ich weiß!«
»Sehen wir uns morgen? Die Stute wird bestimmt fohlen, ich denke, es ist soweit. Kommst du rüber?«
»Ich versuche es!« Was war nur mit ihm los? Eben noch extreme Nähe und Vertrautheit – jetzt dagegen fühlte er im Inneren noch mehr Chaos als zuvor. Die Distanz, die er aufbaute, sollte ihm helfen, sich zu sortieren.
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