»Es ist soweit!«, begrüßte der Königsbruder den Verbündeten. »Am besten, du kehrst heute ins Schloss zurück.«
Ein unwilliger Blick begleitete die Antwort: »Ich hoffe, ich komme nicht umsonst.« Dieses Warten zermürbte den Gestaltwandler. Aus lauter Langeweile ließ er die schlechte Laune an Tieren aus, die er quälte. Gestern hatte er aus Frust einen Ameisenhaufen angezündet, letzte Woche sämtliche Vogeleier zerquetscht, deren er habhaft werden konnte. Danach fühlte Bosrak sich jedes Mal besser. Zunächst! Doch nach einer Weile pochte der dumpfe Schmerz erneut in ihm, und er wusste nicht, weshalb. Da kam der geplante Mord gerade recht, der würde ihn auf andere Gedanken bringen.
Das Band, welches die ungleichen Verbündeten zueinander knüpften, war gewebt aus dem geplanten Mord sowie der Gier nach Macht. Gegenseitige Zuneigung gab es keine, dafür aber jede Menge Misstrauen. Mit gemischten Gefühlen musterte Gyar den hässlichen Gnom, der etwas Unberechenbares ausstrahlte.
»Was glotzt du mich so an? Gefällt dir meine Fratze etwa nicht?«, blaffte Bosrak.
Geübt setzte der Elf sein charmantes Lächeln auf. »Äh, ich bin in Gedanken! Also, wir sehen uns später im Schloss.«
»Du hast mir noch nicht gesagt, was für mich dabei abfällt, wenn ich dir helfe.«
»Das sehen wir, wenn ich König bin! Wir werden schon einen Platz für dich finden.«
»Das rate ich dir auch. Du weißt, ich kann jede beliebige Gestalt annehmen …«
»Schon gut, ich habe verstanden!« Mit einem erzwungenen Lächeln verabschiedete sich Gyar. Diesen Typen musste er entweder bändigen oder töten. Niemand drohte ihm, dem zukünftigen Herrscher!
Bei einem Rundflug über die Berge Fanreas erblickte Red Fire in der Ferne seinen Feind, den Drachen, der die Höhle von Bernsteinauge bewohnte. Allein! Endlich ohne Begleitung! Jetzt konnte Red Fire ihn töten. Schnell würde es gehen, diesen Jungdrachen zu erledigen. Danach wäre die kleine Drachin dran, die er aus der Höhle jagen musste, damit alle Schätze von Bernsteinauge endlich zu seinem rechtmäßigen Eigentum wurden. Mit einigen wenigen Flügelschlägen erhöhte der rote Drache das Tempo, sodass die Entfernung zu Nijano schnell abnahm. Als Red Fire ihn fast erreichte, schien dieser etwas zu hören, denn er drehte den Kopf. Kurz erschrak er, tauchte dann jedoch unvorhergesehen ab und ging in einen Sturzflug über.
Verblüfft nahm Red Fire dieses gekonnte Manöver zur Kenntnis. Beim Blick nach unten, war von Nijano nichts zu sehen. Der hatte sich inzwischen im Sturzflug gedreht und kam hinter dem Angreifer wieder hoch, um sich jetzt von oben auf ihn zu stürzen. Mit Wucht knallte Nijano auf den Rücken des Gegners und schlug die Krallen in ihn hinein. Beide kamen ins Trudeln, flatterten unkoordiniert mit den Flügeln, peitschten mit den Schwänzen gegeneinander. Die Giganten brüllten, spien Feuer und hieben ihre Klauen in die weiche Bauchhaut.
Der rote Drache verfügte über viel mehr Stärke, aber – getrieben von Wut und Rache – wollte Nijano unbedingt den Mörder seiner Mutter töten. Obwohl der Bauch ein Stück aufgerissen war, gab der Sohn nicht auf. Voller Genugtuung stellte er fest, dass der Gegener am Schädel blutete.
Kurz bevor die Giganten auf den Boden donnerten, lösten sie sich voneinander und flogen in die Höhe, nur um mit voller Wucht erneut aufeinander loszustürzen. Red Fire grub die Zähne in Nijanos Nacken, schleuderte ihn umher.
In diesem Moment wurde der rote Drachen mit voller Kraft gerammt, sodass er von seinem Opfer abließ.
»Das ist mein Sohn! Du wirst ihm nichts tun!«, brüllte ein fremder Drache.
Erstaunt blinzelte Nijano. Diese Stimme kannte er! Der Jungdrache fixierte den Neuankömmling. Songragan! Sein Vater! Hatte der ihn gerade tatsächlich Sohn genannt und wollte ihn beschützen? Das konnte er kaum glauben!
»Aus dem Weg, Nijano!«, schrie Songragan. »Ich mache ihn fertig!«
Das kam gar nicht infrage! Er selbst wollte den Mörder von Bernsteinauge in Stücke reißen! Es war dem Jungdrachen egal, dass er am Bauch blutete oder wahrscheinlich sein Leben ließe. Es lag Nijano unendlich viel daran, seine Mutter zu rächen. Aber wenn der Vater für den Sohn kämpfen wollte? Sollte er da jetzt diskutieren oder freudig das Feld räumen?
»Ich nehme es auch locker mit euch beiden auf!«, rief Red Fire und spie Feuer in ihre Richtung.
Nijano sah zwischen diesen beiden mächtigen Drachen hin und her, die gewaltig und furchterregend aussahen. Zorn und Kampfwille vibrierten zwischen ihnen.
»Tauch ab, Sohn!«
»Verschwinde nur, du kleines Bürschchen! Dich Happen töte ich später!«, dröhnte der rote Drache.
Zunächst brodelte heiße, unbändige Wut in Nijano, doch als ihn der eisige Blick Songragans durchbohrte, kühlte diese binnen Sekunden ab. In des Sohnes Bewusstsein stieg ein unbekanntes Gefühl hoch, das es ihm unmöglich machte, aufzubegehren. Er spürte die angeborene Rangordnung, die ihn zwang, sich dem Vater unterzuordnen. Der Jungdrache musste gehorchen, konnte den Befehl nicht ignorieren, sondern unterwarf sich dem Vater ohne weiteren Widerstand.
Die Giganten prallten brüllten aufeinander. Rot gegen Schwarz. Mächtige Muskelpakete und großartige Kämpfer – keiner würde nachgeben. Es entbrannte ein Kampf auf Leben und Tod. Krallen durchbohrten lederne Haut. Schuppen zerfetzten. Blut floss. Zähne schlugen Wunden. Gegenseitig rissen sie sich in Stücke. Gewalt gegen Gewalt. Ungezähmte, wilde Kraft. Die Kolosse wurden nicht müde, schienen einander ebenbürtig. Die Minuten verstrichen. Plötzlich gelang es Songragan, sich in Red Fires Bauch zu verbeißen und ihm gleichzeitig mit dem Schwanz eine Riesenwunde am Schädel zu verpassen. Mit einer kraftvollen Drehung riss sich der rote Drache von Songragan los und ergriff die Flucht.
»Landen!«, befahl jener vorausfliegend dem Sohn. Wieder gehorchte dieser dem Befehl des Vaters. Auf dem Erdboden angekommen, inspizierte Songragan flüchtig seine Wunden und musterte danach eingehend seinen Nachkommen. »Du bist gewachsen!«
»Kann sein.«
»War nicht so schlecht, dein Flugmanöver.«
Verständnislos starrte Nijano seinen Vater an. Ein Lob? Ob nun Dank angebracht wäre? Trotz kroch in die Gedanken des jungen Drachen. »Du hast gesagt, du interessierst dich nicht für mich! Warum hast du mir dann geholfen und mischst dich in meinen Kampf ein?«
»Weiß ich auch nicht so genau – hatte wohl eine unerklärliche Anwandlung von Vaterliebe. Außerdem kann ich einem guten Kampf einfach nicht aus dem Weg gehen.« Plötzlich lachte der Schwarze dröhnend. »Dein Kampf! Dein Gegner hätte dich zerstückelt, zerfleischt und blutige Fetzen aus dir gemacht!«
Nijano schnaufte zornig, versuchte jedoch, die Beleidigung an sich abperlen zu lassen und wechselte das Thema. »Warum bist du überhaupt so weit über die Wüste gekommen? Was willst du hier?«
»Reine Neugierde!« Songragan machte Anstalten, sich in die Luft zu schwingen.
»Warte!« Nijano schöpfte wider Willen zaghaft Hoffnung. »Du wolltest mich hier besuchen und sehen, wie es mir geht? Darauf warst du neugierig?«
»Eher nicht!« Die Stimme des schwarzen Giganten klang spöttisch. Ich wollte mir diese Ecke von Fanrea mal ansehen und die schöne Soraya besuchen. Es hat mich interessiert, wo die Drachinnen jetzt leben.«
»Aha!« Enttäuschung und Eifersucht stachen in Nijanos Herz, mühsam blendete er diese Gefühle aus. Noch gab er nicht auf, kämpfte verzweifelt um die Aufmerksamkeit seines Vaters, obwohl es aussichtslos schien. »Der Drache, gegen den du eben gekämpft hast, tötete Bernsteinauge!«
»Und? Soll mich das jetzt interessieren?« Gelangweilt schnaufte Songragan.
Nijano verzweifelte. Sein Vater war und blieb ein mieser Typ, auch wenn er eben für ihn gegen Red Fire gekämpft hatte! Arrogant und gefühllos! Trotzdem! Ein letztes Mal überwand der Jungdrache den Stolz und wagte zu fragen: »Vielleicht können wir nochmal neu beginnen?«
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