»Soraya fliegt mit dir weg, und du versuchst, mit mir in Gedanken zu reden.«
»Gute Idee!« Melvin verbeugte sich vor Soraya. »Lady, sehr erfreut! Ich bin mir der Ehre bewusst, da ich ja weiß, dass du nicht gern jemanden auf dir trägst!« Mit Schwung sprang er auf den Rücken der Drachin, die sogleich abhob, während Nijano bei Maira, Teck und den Ratten blieb.
»Du bist ganz schön verliebt, oder?« Versonnen musterte Maira den Jungdrachen.
»Frauen bringen ’ne Menge Ärger ein, manchmal bleibt man besser allein«, murmelte Teck und fing sich einen missbilligenden Blick von Maira ein.
Der Drache brummte: »Ja, klar bin ich verliebt, aber ich verstehe Soraya nicht immer. Frauen sind schrecklich kompliziert!«
»Du kannst dich ja jetzt mit Melvin über Frauen unterhalten und dabei die Gedankensprache üben.«
»Na, viel Ahnung hat der auch nicht!«
»Ich aber! Weißt du, was Mädchen mögen?«
»Nein!«
»War auch nur eine rhetorische Frage. Also: Wir wollen Aufmerksamkeit, wir wünschen uns, dass die Jungen uns zuhören und sich merken, was wir ihnen sagen. Wir wollen lachen mit euch, ihr sollt unsere Beschützer sein, stark, aber trotzdem romantisch. Ihr sollt auf unsere Wünsche eingehen, aber trotzdem keine schlappen Waschlappen sein …«
»Puh, also wir sollen alles sein und gleichzeitig nichts. Ich sag ja, ihr seid kompliziert! Ich will nur Bauch voll, schlafen, wann ich will, und eine Höhle voller Diamanten.«
»Wozu brauchst du dann ein Mädchen?«
»Äh …, na ja, schon irgendwie … so für’s Herz oder so.«
Maira kicherte und schüttelte den Kopf. »Lass gut sein, fang an zu üben! Ich bin jetzt still.«
Teck sprang auf Mairas Schoss. »Küsse verwirren den Geist, Männer machen dann Dummheiten meist.«
Völlig durcheinander durch das Gespräch konzentrierte Nijano sich nun auf seinen Reiter. »Melvin, alles gut bei euch? Benimmt Soraya sich?«
»Alles bestens. Sie fliegt nicht so wild wie du.«
»Ich kann das besser, sag ich ja immer!«
»Das habe ich damit nicht gemeint. Sie macht nicht so wilde Kapriolen. Wir sind schon ganz schön weit weg, fliegen Richtung Meer und ich kann dich…«
»Melvin, hier stimmt was nicht!«, brüllte Soraya in diesem Moment gegen den Wind.
»Wie meinst du das?«, schrie Melvin zurück.
»Was ist los, warum redest du nicht weiter?«, wollte Nijano wissen.
»Sei still!«
»Energie, hier ist eine starke Energie!« Sorayas Stimme hörte sich besorgt an.
»Sollen wir umkehren?« Melvin vertraute auf Sorayas Instinkte.
»Ja!«
»Was ist los? Antworte, Melvin!«, mischte sich Nijano ein.
»Ich weiß nicht, irgendetwas …«
Mit einem Mal traf die Drachin eine gewaltige Energiewelle, die sie durch die Luft wirbelte. Unvorbereitet und nicht angeschnallt wurde Melvin vom Rücken geschleudert. Im freien Fall stürzte er der Erde entgegen, während Soraya über ihm trudelte.
»Melvin! Melde dich!«, schrie Nijano in Gedanken.
Nichts.
»Melvin!«
»Ich falle, ich sterbe! Nijano, komm und hilf mir, ich hab Angst!«
»Neeeiiin!«
Erregt sprang Nijano auf. »Maira! Soraya und Melvin sind in Gefahr! Wir fliegen hinterher!«
Sie zögerte keine Sekunde, sondern bestieg eilig Nijanos Rücken. Sogleich hob der Drache ab.
Indessen versuchte Soraya, sich wieder zu stabilisieren. Als es ihr endlich gelang, schoss sie Melvin hinterher. In letzter Sekunde, bevor er auf dem Boden zerschmetterte, ergriff sie ihn mit ihren Krallen.
Ächzend und sehr blass hing er in den Klauen, sein Herz raste. »Das war knapp!«, flüsterte der Krieger und dachte an seinen Absturz mit Ilian – damals. Das hatte ihm als schlimmes Erlebnis für den Rest des Lebens gereicht.
Soraya flog eine Schleife und hielt ihn fest. Dabei beschleunigte sie, um aus der Gefahrenzone zu gelangen. Unvermittelt spürte die Drachin klirrende Kälte, die sich im Nu auf die Schuppen legte und das Atmen schwer machte. Solch ein eisiges Gefühl kannte sie schon. Die Feuchtigkeit in der Luft legte sich als Raureif auf ihrem Körper nieder und ließ die Augen schmerzen. »Menschenjunge, fühlst du das auch?«
Nur ein Röcheln gelang ihm. Das Blut floss langsamer durch die Adern, schien zu Kristallen zu gefrieren. Augen und Nase taten weh. Die Gliedmaßen ließen sich kaum mehr bewegen. Dem Jungen schwindelte. Müdigkeit legte sich auf seinen Geist.
Mit großer Willensanstrengung rief Soraya das Feuer in sich. Die innere Hitze kämpfte gegen die äußere Kälte, bäumte sich auf, brodelte. Mit einem Schrei befreite die Drachin die Glut, spie rotgelbe Flammen auf den Drachenreiter.
»Melvin! Melde dich!«
Der badete im Flammenmeer. Ein gequältes Stöhnen entrang sich seiner Brust, als er langsam auftaute. »Was ist geschehen?«
»Ich weiß es nicht! Es macht mir Angst!«
»Du fürchtest dich? Du mächtiges Wesen?«
Soraya schnaubte. »Auch Drachen kennen Furcht! Wir müssen wissen, was hier vorgeht!«
Melvins Herz beruhigte sich langsam wieder. »Alles okay, Nijano! Soraya hat mich gerettet.«
»Was war denn los?«
»Ich weiß es nicht, ein Energiestoß. Dann der Kältetod.«
»Hä? Ich bin unterwegs zu euch!«
Der Drachenreiter kletterte an Sorayas Bein nach oben. »Aber wie willst du herausfinden, was uns bedroht?«
»Keine Ahnung, mal sehen! Gemeinsam mit Nijano. Schau, da ist er!«
Als die Drachen einander gegenseitig in der Ferne wahrnahmen, durchströmte sie Erleichterung. Nach der Landung fielen Maira und Melvin sich in die Arme.
»Was ist passiert?«, fragte Maira atemlos.
Keiner konnten sich einen Reim darauf machen, was eben geschehen war.
»Der Baum hat auch von Energien gesprochen. Hier ist etwas im Gang, etwas Bedrohliches!« Melvin runzelte die Stirn. »Wir sollten der Sache nachgehen!«
»Ganz sicher nicht! Wir reisen gleich nach Hause, Ende des Trainings! Unser kleiner Ausflug sollte kein Abenteuer werden.« Mit blitzenden Augen baute sich Maira vor dem Freund auf.
»Ist ja gut, wir kehren zur Erde zurück.«
»Jetzt schon? Nein!« Nijano schaute enttäuscht.
Melvin zuckte mit den Schultern. »Weißt du, Maira hat es nicht so mit Abenteuern. Ich will keinen Streit mit ihr!«
»Das verstehe ich. Geht mir mit Soraya genauso.«
»Würdest du mir einen Gefallen tun?«
»Immer!«
»Kannst du was über meine leiblichen Eltern herausfinden? Ich habe dir doch mal erzählt und auch geschrieben, was es mit ihnen auf sich hat.«
»Ja, Glenn hat den Postboten gespielt und mir alles vorgelesen. Was soll ich tun?«
»Versuch in die Erinnerungen von Songragan einzudringen, finde dort etwas über die beiden heraus! Er weiß bestimmt etwas.«
»Mach ich, wenn ich ihn sehen sollte! Versprochen! Ich hoffe, das klappt!«
»Ihr redet in Gedanken miteinander«, murrte Maira.
»Ja, sollen wir ja auch üben«, grinste Melvin. Dann wandte er sich an Nijano: »Fliegt uns bitte zurück zum Tor!«
»Eh, der Ausflug war viel zu kurz!«, meckerte Quidell.
»Wollt ihr hierbleiben?«, bot Maira an.
»Nö, hier gibt es kein weiches Bett, keinen Kuchen mit Sahne und Kakao von Esther«, wehrte Jidell ab.
Quidell schüttelte aufgeregt den Kopf. »Mir fehlen hier die Streicheleinheiten und das Kuscheln mit Leni. Nix da, wir sind zu verweichlicht für Fanrea. Echte Weicheier und Warmduscher sind wir geworden! Ein Kurzurlaub genügt.«
»Na, da seid ihr euch ja ausnahmsweise mal einig«, schmunzelte Melvin.
Teck putzte sein Fell. »Hoffentlich seid ihr bald wieder da, die Erde ist ja nah. Ohne euch ist es langweilig hier, wir könnten trinken mal ein schnelles Bier.«
Maira konnte ihr Lachen nicht unterdrücken. »Teck, du bist total durchgeknallt, aber ich hab dich trotzdem lieb!«
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