»Du hast dich nicht besonders geschickt angestellt. Giftmord! Das ist was für Waschweiber in dreckigen Kitteln.«
Empörung und blankes Entsetzen spiegelten sich in Gyars Zügen.
Der ehemalige Diener setzte jetzt alles auf eine Karte. »Ich könnte dir behilflich sein, wenn du es erneut versuchen willst. Das heißt – wenn du dich überhaupt noch einmal traust.«
Gyar wurde blass, starrte den Rappen an und griff nach seinem Dolch. »Schluss jetzt mit dem Versteckspiel! Wer bist du? Zeig deine wahre Gestalt!«
»Ich gebe mich erst zu erkennen, wenn wir uns einig sind!«, schnaubte Bosrak.
»Woraus bestünde dein Vorteil?«
»Das werden wir noch sehen! Zunächst befinden wir uns auf derselben Seite: Wir sind gegen die Elfen!«
»Ich bin nicht gegen die Elfen, ich bin doch selbst einer!«
Das Pferd schnaubte. »Du willst aber die Macht, die Königskrone! Wirkliche Liebe ist das nicht, das ist Gier! Du willst ihnen den König nehmen! Wie kannst du da dein Volk lieben?«
Verlegen senkte Gyar den Blick, er fühlte sich ertappt. Aber vielleicht konnte er einen Vorteil aus dem Angebot des Unbekannten ziehen. »Na gut, hilf mir! Nun zeige dich! Wer bist du wirklich?«
Die Luft um das edle Tier begann zu flimmern, die Konturen verschwammen und eine Gestalt schälte sich heraus.
Verächtlich musterte Gyar den hässlichen Kerl, der seine Hilfe andiente. Gerade noch so konnte der Elf eine abfällige Bemerkung verkneifen.
Dieses Mienenspiel kannte und hasste der Gestaltwandler. Unbändige Wut loderte in ihm auf. Nie mehr wollte er diese verächtlichen Blicke, Worte oder Gesten über sich ergehen lassen. Jeder, der das tat, würde zu spüren bekommen, wer er war und welche Macht er besaß.
Der Himmel verdunkelte sich. Mächtige Wolken wölbten sich zu turmhohen Gebirgen. Die Landschaft um sie herum wurde in gespenstisches Licht getaucht. Gewittergrummeln erklang zunächst leise, schwoll jedoch binnen Sekunden zu einem unheimlichen Gepolter an. Ein einzelner Blitz durchschnitt die Wolkenlandschaft. Gleichzeitig roch es intensiv nach Pfefferminze und Schwefel.
Gebannt blickte Gyar erst zu den Wolken, danach zu diesem schäbigen Gnom, der selbst von seinem Tun fasziniert zu sein schien. In ihm schlummerten gewaltige Kräfte, die Magie loderte noch im Verborgenen, das konnte der Elf fühlen. Trotzdem umgab Bosrak schon jetzt eine bedrohliche Energie, gewaltig und aggressiv. Vielleicht war der Handel mit dem hässlichen Kerl gar nicht so schlecht? Ihn gegen sich zu haben wäre weitaus gefährlicher. Bis jetzt wurde nichts von ihm verlangt, sondern nur Hilfe angeboten. Diesem Typen konnte er vielleicht später sogar den Mord in die Schuhe schieben. Dann würde dessen Kopf rollen. Mit nachdenklichem Blick stieg Gyar von seinem Schimmel und baute sich vor Bosrak auf. »Wie ist dein Name?«
»Bosrak!«
»Wie sähe deine Hilfe aus?«
Mit einem Schlag zerfledderten die Wolken, das Gewitter zog davon. Wie eine Katze, die der Maus das Leben ließ. Die Sonne schien nun angenehm warm, tauchte den Wald in goldenes Licht.
»Wie willst du deinen Bruder töten? Danach richtet sich meine Hilfe.«
Gyar zögerte. »Egal! Hauptsache tot!«
»Gut! Wir sind uns einig«, willigte Bosrak ein und wunderte sich über seine Aussage. Aus der einen Abhängigkeit entkommen – schon wieder in der nächsten angelangt. Warum? Darüber würde er später nachdenken. Aber dieses Mal bestimmte er, wo es langging! Er war derjenige, der Druck ausüben konnte.
Nachdem Ben Emma das Drachenbuch gezeigt hatte, war es leicht gewesen, sie zu überzeugen. Endlich glaubte sie, dass es ihm körperlich schlecht ging und er unbedingt zu seinem Drachen musste. Für ein paar Stunden würden sie sich nach Fanrea verdrücken. Offiziell verbrachten sie Zeit bei Esther, Henk und Leni. Tatsächlich benutzten sie die alte Eiche, das Tor von Zeit und Raum, um nach Fanrea zu gelangen. Ihre Ankunft hatte Ben per Briefpost durch den Baum angekündigt. Wenn alles reibungslos klappte, empfing Nijano sie am Tor, ansonsten riefe der Reiter ihn per Gedankenkraft.
Ben war voller Vorfreude, zudem total überdreht, Emma eher nicht. Aber sie wollte keine Spielverderberin sein und den Freund auf keinen Fall allein gehen lassen. Dann blieb sie lieber an seiner Seite.
Die einzige Bedingung, die Esther stellte, um bei dem Alibi mitzuspielen: Die Rattenbrüder mussten mit. Deshalb wartete Emma mit Ben, jeder mit einem Rucksack bepackt, vor der Eiche auf die Zwillinge.
Deren Ankunft wurde durch Gegröle und Geschimpfe angekündigt. »Ich bin der weltbeste Spion, ich hab damals Emma gerettet«, prahlte Jidell.
Quidell protestierte: »Nix da, ich hab John gerettet. Ohne mich wäre in Hydraxia alles den Bach runtergegangen, Alter!«
»Unsere Babysitter sind da«, grinste Ben.
»Unüberhörbar!«
Die Ratten schossen um den letzten Baum und purzelten kurz vor den Freunden übereinander.
»Action, Jackson! Was geht ab, Alter?« Jidell stellte sich auf die Hinterbeine und schaute den Jungen an.
»Was ist der eigentliche Plan?«, fragte Quidell. »Was stellen wir an?«
Ben zuckte mit den Schultern. »So, wie Esther es euch erzählt hat.«
»Echt jetzt? Einfach nur nach Fanrea?«
»Echt!«
Jidells Schnurrbarthaare zuckten. »Nur zu ’nem Rundflug und Labern üben nach Fanrea? Eh, voll langweilig, eh!«
»Jep!«, grinste Ben.
Emma konnte sich ebenfalls ein Lächeln nicht verkneifen. »Wie ihr wisst, hat der Krieger schon mal eigenartige Ideen. Ab in die Rucksäcke mit euch!«
Als sie den Baum betraten, nahm das Mädchen Bens Hand und lächelte ihn verschwörerisch an. »Na, dann. Jetzt sind wir wieder Melvin und Maira. Ab zu deinem Drachen!«
Melvin zwinkerte seiner Freundin zu, während er deren Hand drückte. »Let’s go, Kriegerin des Lichts und Bücherwurm!«
Die Reise durch Zeit und Raum hatte für die beiden Freunde den Schrecken verloren, sie wussten, wie diese verlief. Sogar ihre Waffen trugen sie bei der Ankunft.
Liebevoll strich Melvin an der Klinge seines Schwertes entlang, das leicht vibrierte, um ihn zu begrüßen. Fast hätte er sich geschnitten, weshalb er leise durch die Zähne pfiff. »Hi, Kumpel! Schön dich zu sehen! Scharfe Schwerter schneiden sehr. Aber böse Zungen noch viel mehr.* «
Kopfschüttelnd verließ Maira das Tor. »Du bist und bleibst ein Spinner!«
»Wir sind wieder da. Endlich!«, freute sich Melvin, als er aus dem Tor auf die Wiese trat.
»Willkommen!«, dröhnte der Baum ihnen zur Begrüßung entgegen.
In diesem Moment krabbelten die Rattenzwillinge aus den Rucksäcken und stürmten übermütig über die Wiese davon.
»Eh, Alter, cool, endlich daheim!«, schrie Jidell.
Melvin verbeugte sich vor dem hölzernen Wesen. »Na, alter Knabe!«
»Hallo!« Lachend deutete das Mädchen einen Knicks an.
»Du bist erwachsener geworden, junge Dame, Hüterin der Bücher. Du, junger Drachenreiter, muskulöser«, erwiderte der Baum. »Gut, dass ihr Krieger des Lichts mir einen Besuch abstattet! Unerklärliche Dinge geschehen hier. Die Bäume, Vögel und Schmetterlinge berichten mir Seltsames.«
Die Freunde wurden ernst und sahen sich irritiert an.
»Was meinst du damit?«, fragte die Hüterin der Bücher.
Das Rindengesicht verzog sich traurig. »Starke Magie breitet sich aus. Sie ist dunkel.«
Das Mädchen runzelte die Stirn und schaute zum Freund, der sein Schwert fester griff.
»Das brauchst du jetzt nicht, hier ist keine Bedrohung«, beruhigte der Baum. »Gebt trotzdem immer Acht, wenn ihr umherstreift!«
Der Drachenreiter musterte die Umgebung. »Ich werde die Augen offenhalten, Kumpel.«
»Ich möchte mehr darüber wissen. Was sind das für Dinge, die geschehen?«, bohrte die Kriegerin.
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