Abends nahm der Junge das Drachenbuch zur Hand, das Emma ihm in Frankreich geschenkt hatte, um darin zu blättern. Neben ihm lag die versteinerte Schuppe, das Geschenk Magors als Erinnerung an Bernsteinauge. Zunächst las Ben etwas über die Technik Nafgaard , die bedeutete, dass der Reiter sich in die Sinne seines Drachen einklinken konnte. Das wollte der Junge unbedingt ausprobieren: mit Augen und Gehör des Drachen wahrnehmen!
Nach diesem Kapitel schlug er zufällig die letzten Seiten auf und stutzte. Da standen neue Sätze, die vorher nicht dagewesen waren! Verblüfft begann er zu lesen:
Ein Reiter sollte nicht zu lang von seinem Drachen getrennt bleiben, das kann sich auf Psyche und Körper negativ auswirken. Der Drache leidet und wird von großer Traurigkeit erfasst, dem Reiter ergeht es ebenso. Zunächst ensteht nur große Sehnsucht, doch später kann es zu körperlichen Symptomen kommen.
Das Sprechen in Gedanken muss stetig trainiert werden, je mehr Training, desto größer die Entfernung, die Reiter und Drache per Gedanken überbrücken können.
»Das ist ja krass! Ich denke, das ist eine Aufforderung an mich«, murmelte Ben und griff nach dem Handy, um Emma ein paar Zeilen wegen des eben Gelesenen zu schreiben: Muss Gedankensprache mit Nijano üben.
Zügig kam die Antwort: Nein, wir gehen jetzt nicht nach Fanrea, um so was zu trainieren!
Mir tut alles weh, ich werde krank ohne meinen Drachen , tippte Ben.
Blödsinn! Du störst, lese gerade!
Ben seufzte. Steht in dem Buch, das du mir geschenkt hast!
Die Antwort war typisch für Emma: Ist klar!
»Mist!«, brummte der Junge. Sie glaubte ihm nicht! Es wäre bestimmt einfacher, Emma von Angesicht zu Angesicht zu überzeugen. Er musste den richtigen Moment abpassen, um ihr genau zu erklären, was mit ihm geschah. Aber das funktionierte nicht gut übers Handy. Trotzdem schoss er ein Foto von dem Text und schickte ihn Emma.
Als Ben das Buch schließen wollte, bildeten sich neue Buchstaben auf den Seiten. Den Atem anhaltend starrte er auf die Zeilen:
Zwei sind verloren,
wer ist zur Rettung auserkoren?
Schwer ist der Weg wie nie,
denn verloren geht Magie.
Kehrt zu euch selbst zurück,
Stück für Stück.
Das Blut die Krone bedroht,
am Ende steht der Tod.
Hass vernebelt die Gedanken,
wird er wanken?
Der Diener zum Führer wird,
von dem, dessen Geist verwirrt.
»Oh, Scheiße! Das bedeutet mit Sicherheit nichts Gutes!«, fluchte Ben. Er versuchte, mit seinen Fingern die Schrift wegzuwischen, doch es gelang nicht. »Nein, nicht noch eine Prophezeiung! Am besten erzähle ich Emma nichts davon, sie macht sich sonst Sorgen.«
Missmutig starrte er auf die Worte. Ihm blieb der Sinn hinter den Zeilen verborgen, deshalb schleuderte der Junge das Drachenbuch unbeherrscht quer durchs Zimmer. Diese blöden Prophezeiungen, die in Rätseln geschrieben waren, mochte er nicht. Vor lauter Unmut rief er das Feuer, ließ Flämmchen auf den Fingerspitzen entstehen, aus denen er schließlich zwei glühende Bälle formte, mit denen er jonglierte. Am liebsten hätte er damit das Buch angezündet. Erst als er Schritte auf der Treppe vernahm, gebot Ben dem Feuer, zu erlöschen.
*
John fiel, bis das Lasso spannte. Es schnürte ihm die Luft ab, mühsam versuchte er, die Füße gegen den Felsen zu stemmen. Er befürchtete, dass der Strick ihn nicht lang hielte. Mit den Händen gelang es ihm, den Zug des Seils zu lockern, sodass sein Oberkörper nicht mehr zerdrückt wurde. Nach einem tiefen Atemzug zog er sich hoch und presste die Füße gegen den Stein. Auf diese Art kletterte er so schnell es ging nach oben.
Über ihm kämpfte Annie um den Freund. Sie hatte geahnt, dass etwas schiefginge, deshalb das Lasso mehrfach gesichert und sich bereitgehalten. Als John stürzte, trieb sie sofort sein Pferd zurück und hielt das Seil stramm. Als die Spannung schließlich nachließ, betete die Indianerin, dass er auf dem kleinen Plateau gelandet, statt abgestürzt war. Sie bewegte sich nicht vom Fleck, sondern hoffte, dass John gerade das Kalb rettete.
Inzwischen stand dieser tatsächlich bei dem verängtigten Tier und verschnaufte ein paar Sekunden. Auf die steif gefroren Hände blies er warmen Atem.
Das Kalb blökte jämmerlich und zitterte. Unbeweglich verharrend blickte es dem Menschen entgegen.
Vorsichtig näherte John sich, rutschte aus, stürzte. Eine spiegelglatte Eisfläche überzog den Felsen. Der Wind heulte, Schneekristalle peitschten schmerzhaft auf der Haut. Ächzend kam der Junge wieder hoch, setzte bedächtig einen Fuß vor den anderen, während er beruhigend auf das Tier einredete. Es starrte ihn nur an, wich nicht zurück, sondern schien zu spüren, dass John ihm helfen wollte. Schließlich gelang es ihm, es hochzuheben und über die Schultern zu legen. Es zappelte kaum, als er mit ihm den Aufstieg begann. Er gab ein Signal nach oben zu Annie, indem er mehrfach am Seil ruckte. Sie schien ihn zu verstehen, das Lasso wurde strammgezogen.
Schon beim zweiten Schritt brach der bröckelige Felsen unter dem Gewicht ab, fast wäre dem Jungen das Kalb von den Schultern gerutscht. Er zwang sich zur Ruhe. Da er das Element Erde beherrschte, konnte er den Stein erfühlen. Also verband er sich mit dem Felsen, ertastete in Gedanken, wo dieser, verborgen unter Eis und Schnee, stabil genug war, um ihn mit seiner Last zu tragen. Unterstützt durch Magie und Annies Hilfe kletterte John den Felsen hoch. Als er oben ankam, spürte er vor Kälte kaum noch die Hände.
Das Mädchen rannte mit den Pferden auf ihn zu, hob sogleich das Tier von seinen Schultern. »Du bist verrückt! Wie konntest du dich nur so in Gefahr bringen?« Doch insgeheim platzte sie vor Stolz auf ihn und bewunderte den Mut.
Der Lakota zog die Handschuhe wieder an, legte das Kalb vor seinen Sattel und bestieg dann selbst das Pferd. »Komm weiter zur Hütte, Annie. Danke für deine Hilfe! Du wusstest genau, was zu tun war. Auf dich ist Verlass!«
Das Kompliment freute Annie, sodass sie über’s ganze Gesicht strahlte. Sie trieb die Stute an und ritt voraus.
Der Sturm nahm an Intensität noch zu, die Temperatur fiel weiter. Wie Geschosse bombardierten kalte Kristalle die Haut. Deshalb gingen die beiden Indianer auf ihren Pferden in Deckung, indem sie sich an den Hals der Tiere pressten. Es gelang nicht mehr, sich zu verständigen, so laut heulte der Wind. Die Sicht wurde immer geringer. Der Lakota glaubte nicht mehr daran, dass Annie den Weg fände. Der schmale Pfad führte weiter bergab. Es wurde zu gefährlich, auf den Pferden zu bleiben, besser war es, sie am Zügel zu führen.
Der Sturm brüllte und zerrte an der Kleidung. Die Pferde stapften mit gesenktem Kopf durch den hohen Schnee, während sie sich gegen den Wind stemmten. An einigen Stellen erschwerten Verwehungen oder spiegelglatte Eisflächen das Vorwärtskommen. Entschlossen kämpften die Freunde gegen die Naturgewalten an, verloren jegliches Zeitgefühl. Scharfe Eiskristalle peitschten in die Augen. Die Kälte biss schmerzhaft in die Haut. Mühsam eroberten die zwei Teenager jeden weiteren Schritt.
»Weißt du noch, wo die Hütte ist?«, schrie John gegen den tosenden Sturm an.
»Ich glaube, ja!«, rief das Mädchen zurück. »Wir haben es gleich geschafft!«
Vor ihnen lag eine weite, weiße Fläche, es gab kaum Orientierungspunkte und auch keinen Pfad mehr. Weiter, immer weiter. Die Andeutung eines Waldrandes huscht durch ihr Blickfeld. Endlich hob Annie mühsam den Arm und zeigte nach vorn. Da war sie, die Holzhütte! Kaum hatten sie diese gesichtet, verschwand sie auch schon im Schneegestöber. Der Junge strengte sich an, die Richtung zu halten. Viel zu leicht konnte man bei solch einem Unwetter dicht am Ziel vorbeilaufen.
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