Annie lag ganz nah bei John. Er spürte ihren Atem am Hals und wagte nicht, sich zu bewegen. »Wir müssen schlafen«, flüsterte er heiser.
»Ja!«
Stille. Nur das Prasseln der Flammen und der heulende Wind waren zu hören.
Verlegen zuppelte das Mädchen die kratzige Decke zurecht. »Weißt du noch, wie wir als Kinder zusammen im See gebadet und anschließend die Wolken betrachtet haben? Wir überlegten, woher sie kamen und wohin sie fliegen würden.«
John lachte leise. »Stimmt! Oder wir haben stundenlang Figuren geschnitzt.«
»Du hast mir beigebracht, Tierstimmen nachzumachen.«
»Dafür kann ich durch dich Maisfladen backen. Oder nähen und weben!«
»Du warst der beste Lehrmeister fürs Bogenschießen oder wie ich Kaninchen mit einer Schlinge fangen kann«, ergänzte die Indianerin und zögerte kurz. »Du hast mir meinen ersten Kuss gegeben!«
»Nein, du hast mich zuerst geküsst!«, widersprach John.
»Du meinst so?« Sie beugte sich über ihn und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf den Mund. Ein leichter Pfirsichgeruch umgab sie.
Doch der Lakota hielt Annie fest und küsste sie, zärtlich und verlangend zugleich.
Sie erwiderte den Kuss, ihre Lippen spielten mit seinen. Es fühlte sich gut an.
Verwirrt ließ John von ihr ab, drehte sich abrupt weg. »Schlaf schön, White Bird!« Seine Worte klangen gepresst.
»Du auch«, hauchte sie verlegen, schmiegte sich aber trotzdem noch enger an ihn, sodass er jeden ihrer Atemzüge spürte.
Als der Lakota am nächsten Morgen aufwachte, hatte der Sturm nachgelassen. Stille umgab die Hütte. Annie schlief noch. Zärtlich betrachtete John ihr entspanntes Gesicht. Die langen Wimpern lagen auf den Wangen, die vollen Lippen waren leicht geöffnet. Vorsichtig streichelte er das zarte Kinn, um sie zu wecken.
Als sie die Augen aufschlug und John sah, spiegelte ihre Miene das Glücksgefühl im Inneren.
»Guten Morgen, Kleine!«
»Hi, du!«
»Wir sollten direkt aufbrechen, damit sich deine Eltern nicht allzu große Sorgen machen!«
»Okay!«
Auf dem Heimritt bei strahlendem Sonnenschein verhielt John sich schweigsamer als sonst. Er dachte über die vergangene Nacht nach und was hätte passieren können, wenn er nicht so beherrscht gewesen wäre. Sein Herz gehörte Emma, er war sich der Liebe zu ihr so sicher gewesen, es gab nicht den geringsten Zweifel daran, dass er sie liebte. Dennoch … Letzte Nacht hatte er Annie begehrt, selbst jetzt noch brannte der Kuss auf seinen Lippen. Was geschah nur mit ihm? Zerrissenheit quälte ihn! Seit er in Fanrea gestrandet war, fühlte er sich geerdet, er lebte genau dort, wo er hingehörte. Fanrea wurde zur Heimat. Dann trat Emma in sein Leben und wirbelte sämtliche Gefühle durcheinander, zwang ihn dazu, das Leben erneut zu überdenken. Der Gedanke, Fanrea zu verlassen, fiel ihm nicht leicht, aber aus Liebe zu Emma war er bereit dafür.
Nun kam auch noch Annie dazu, und er wusste überhaupt nicht mehr, wohin er gehörte. Wo und wie wollte er leben? Mit wem vor allen Dingen? Das Beste schien ihm, das Reservat zu verlassen, um seine Gedanken neu zu sortieren. Die Nähe zu seiner Jugendfreundin machte ihn schwindelig.
Erleichtert lieferte er die Indianerin bei den Eltern ab, froh, sich den kreisenden Gedanken allein stellen zu können. Er liebte Emma nach wie vor, doch momentan spukte nur Annie in seinem Kopf herum und die gemeinsame Nacht in der Hütte. Konnte er zwei Mädchen lieben? Bedeutete das mit Annie lediglich Begehren? Nein, eindeutig nicht, er empfand viel für sie, immer schon. Als Kind und Jugendliche war sie für ihn einer der wichtigsten Menschen in seinem Leben gewesen, er hatte sie nur all die Jahre aus den Gedanken verdrängt.
In Fanrea trabte Gyar auf seinem Pferd durch den Dunkelwald. Der Elf war guter Laune, endlich hatte er einen Plan, wie er den Bruder ermorden und noch zusätzlich als Held gefeiert werden könnte: Er wollte einen Überfall der Eidechsenmenschen vortäuschen. Dieser Eidechsenclan lebte als merkwürdiges Volk – zurückgezogen, ohne Verbündete – in einer unwirtlichen Gegend. Gyar mochte sie nicht. Allein ihr Aussehen widersprach seinem ästhetischen Empfinden, er verabscheute es, sie mit ihren hässlichen Reptilienaugen und hervorschnellenden Zungen anzusehen.
Immer wieder stellte er sich den Ablauf vor: Bei dem fiktiven Überfall würden sein Bruder und er tapfer kämpfen, leider käme der Bruder dabei um. Nach dem Mord würde er sich von blutigen Wunden übersäht nach Hause schleppen, den toten Bruder im Arm, verzweifelt und traurig. Selbstlos tröstete Gyar, obwohl ebenfalls voller Schmerzen, die Witwe des Bruders, wäre Faina eine große Stütze im unendlichen Kummer und könnte dabei unauffällig ihr Herz erobern. Dafür musste er sich noch von seinem Weib Sani befreien – das dürfte allerdings kein Problem darstellen. Es gab genug Mittel und Wege, jemanden zu beseitigen.
Ein gemeines Grinsen umspielte den schönen Mund, die Augen glitzerten verschlagen. Er war stolz auf seinen Plan, der ihm in den engen Mauern des Zimmers nie eingefallen wäre. Erst die Weite des Waldes hatte auch die Gedanken weit gemacht. Jetzt musste er nur noch den Bruder dazu bringen, einen Ausflug mit ihm zu unternehmen.
*
Beflügelt rannte Bosrak durch den Dunkelwald, das Herz gefüllt mit einem unbekannten Gefühl, das er zwar als befremdlich, aber auch als angenehm empfand. Er genoss den Geschmack von Freiheit auf der Zunge. Ja, er lebte jetzt ungebunden, diente niemandem mehr, auch wenn der Preis dafür die Einsamkeit war. Doch er würde lernen, damit klarzukommen, auch mit Yarkona blieb er einsam. Ihre Gesellschaft bedeutete Prügel und Gekeife, Geborgenheit gab sie ihm nicht. Nun konnte er alles tun wie bisher: morden, rauben, quälen – die Handlungen dienten nur seinen eigenen Zwecken.
Plötzlich stoppte er den Lauf und horchte: Pferdegetrappel in der Nähe! Schnell änderte Bosrak die Richtung und folgte dem Geräusch. Ein Elf trabte auf einem Pferd dicht an ihm vorbei. Nachdenklich betrachtete der Gestaltwandler ihn. Der Reiter kam ihm bekannt vor, er hatte ihn mehrmals im Königsschloss beobachtet und belauscht. Der Elf war der sich nach dem Thron verzehrende Bruder des Königs. Der ehemalige Diener zweifelte nicht daran, dass jener hinter dem Attentat steckte, das den König fast das Leben gekostet hätte. Der Giftmordversuch wurde niemals aufgeklärt, aber Bosrak spürte mit Gewissheit, dass Gyar zur bösen Seite gehörte.
Zu welchen dunklen Machenschaften war der Elf bereit? Ergäbe es einen Sinn, den Bruder des Königs zu erpressen? Oder sollte er ihn zu einem Verbündeten machen? Das schien für den Gestaltwandler nun eine Gelegenheit, selbst die Fäden in die Hand zu nehmen. Die Strategie würde sich während eines Gesprächs entwickeln. Bosrak beschloss, sämtliche Entscheidungen spontan zu treffen. Schnell veränderte er die Gestalt zu einem wunderschönen schwarzen Pferd mit wallender Mähne. So konnte er sich dem Elfen nähern, ohne dass dieser seine Waffen zückte.
Gyar sah sich kampfbereit um, als er Hufgetrappel hörte und griff mit einer Hand zum Schwert. Als er ein einzelnes reiterloses Pferd erblickte, ließ er das Schwert stecken und sah dem schönen Tier neugierig entgegen.
Bosrak schloss auf und sprach den Königsbruder an: »Gyar, Bruder des Königs, ich will mit dir reden!«
Verwundert, dass er so plump angesprochen wurde, antwortete er: »Wie kannst du es wagen, einfach so das Wort an mich zu richten?«
»Ich habe dich beobachtet! Damals, im Schloss. Als es dem König aus heiterem Himmel ganz schlecht ging«, sagte das Pferd in süffisantem Ton.
Gyars Gesichtsausdruck nahm einen wachsamen Zug an. Der Elf verlangsamte das Tempo, bis er schließlich zum Stehen kam. Aus zusammengekniffenen Augen betrachtete er den Rappen und stellte fest: »Du bist kein Pferd. Wer bist du und was willst du von mir?«
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