»Blend es aus, wenn es zu viel wird! Steuer selbst, wieviel du zulassen möchtest!«, drang Nijanos Stimme zu Melvin durch.
Melvin konzentrierte sich auf den Hörsinn und fuhr ihn zurück bis auf ein erträgliches Maß.
»Jetzt fühl meinen Körper!«
Melvin wurde zu Nijano. Er spürte die geballte Kraft der Muskeln, das gewaltige, regelmäßig schlagende Herz. Flügel, deren Lederhäute durch Wind glitten, Luftwirbel, die sich darauf bildeten. Die Feuerbrunst im Inneren, die glühte und brodelte. Der Menschenjunge löste sich auf, wurde zu einem Drachen, empfand wie ein Drache. Erinnerungen überspülten den Reiter, Empfindungen flossen durch ihn hindurch. Jahrhundertealte Weisheit überrollte seinen Verstand und drohte, ihn zu zerreißen.
»Beende die Verbindung!«
Melvin reagierte nicht.
»Melvin! Es wird zu viel, du musst dich von mir lösen!«
»Nein!«
»Doch! Es zerreißt dich sonst!«
Nur widerwillig gehorchte der Junge und löste die Vereinigung. Als er wieder er selbst war, erfasste ihn Schwindel. Er empfand Verwirrung. Die Hände zitterten, das Hemd klebte schweißnass am Körper. Müdigkeit überfiel ihn. Die Augen fielen zu. Kraftlosigkeit erfasste den Reiter. Im Kopf wirbelte ein Orkan aus Gedanken, der Melvin vergessen ließ, wer er war.
Nijano bekam Angst um seinen Freund. »Reiß dich zusammen! Du bist Melvin! Trink was! Ich gebe dir Kraft.«
Mit einer fahrigen Bewegung griff der Reiter nach einer Flasche, die im Rucksack steckte und schüttete den Inhalt gierig in den Mund. Kaum hatte er sie weggepackt, flutete ihn Energie, durchströmte sämtliche Poren des Körpers. Nijano spendete ihm die versprochene Kraft, sodass Melvins Lebensgeister erwachten. »Mensch, Nijano, das ist krass! Voll krass!«
»Nafgaard! Es war jetzt endlich an der Zeit, dass wir es trainieren. Je öfter wir das üben, umso einfacher wird es für dich und laugt dich nicht mehr aus.«
»Na hoffentlich! Hab mich gefühlt, wie von dir gefressen und wieder ausgekotzt. Wie hast du mich so schnell fit gekriegt?«
»Macht und Magie wachsen mit dem Alter, es fällt mir immer leichter, Kraft zu schenken oder zu heilen.«
»Nafgaard macht irgendwie süchtig. Ich würde mich am liebsten sofort erneut mit dir verbinden.«
»Übertreib es nicht! Es ist nicht ungefährlich! Du könntest dich selbst dabei verlieren. Wir werden das langsam angehen.«
»Hm!«
Um Melvin auf andere Gedanken zu bringen, schlug der Drache vor: »Lust auf Action?«
Aber der Junge zögerte, war in Gedanken. »Weiß nicht.«
Überraschend machte Nijano mit dem Körper einen Schlenker. »Also, wenn du runterfällst, bist du selbst schuld!«
»Ich halte mich wohl besser fest!«
»Kann man so sagen!«
Melvin krallte die Hände um die Schuppen. »Denk dran, ich habe weder Sattel noch Zügel und bin nirgendwo eingeklinkt!«
»Du kriegst das auch so hin!« Schon ging Nijano in einen senkrechten Sturzflug über, um dann einen Salto anzuschließen.
Adrenalin schoss durch Melvins Körper. Er presste die Schenkel so fest gegen den Drachenkörper, dass es schmerzte. Beim dritten Salto konnte Melvin sich nicht mehr halten und verlor den Kontakt zum Drachen. Der Junge fiel ins Bodenlose.
Erschrocken schrie Maira auf, ihr Herz raste. »Soraya, tu was!« Mit blankem Entsetzen sah sie ihren Freund durch die Luft stürzen.
Da schoss Nijano in wildem Tempo hinter Melvin her, packte ihn mit den Krallen und warf ihn auf seinen Rücken.
»Mensch, das war schon wieder krass!«, brüllte der Junge und lachte lauthals.
»Die beiden spinnen!«, schimpfte das Mädchen, das hinter Nijano mit Soraya herflog.
»Da gebe ich dir recht«, stimmte Soraya zu. »Männer sind schon ziemlich bekloppt!«
Kopfschüttelnd verfolgte das Mädchen die waghalsigen Flugmanöver der beiden Kerle. Um sich abzulenken, betrachtete es schließlich Soraya. Dieses Mal war genug Zeit, den Flug mit allen Sinnen zu erfassen. Damals, bei dem waghalsigen Ritt auf Bernsteinauge, flutete Panik den Kopf, doch den zweiten Flug ihres Lebens empfand Maira ganz anders. Ihr Blick glitt über grüngoldene Schuppen, die in der Sonne glänzten. Zögerlich strichen die Hände darüber, fühlten, wie die Muskeln der Drachin unter ihr arbeiteten. Das Mädchen begann zu ahnen, welche Kraft in ihnen lag. Die mächtigen, fledermausartigen Schwingen bewegten sich im gleichmäßigen Rhythmus auf und ab. Maira staunte, dass diese filigranen Flügel den massigen Körper trugen. Der Kopf erschien riesig und erinnerte an einen Dinosaurierschädel. Es war unfassbar, dass sie auf diesem fantastischen Wesen saß und hoch über Fanrea durch die Luft flog. Ein wenig verstand sie nun Melvins und Johns Faszination.
Als die gewaltigen Wesen auf einem der hohen schneebedeckten Berggipfel landeten, stiegen die Freunde vom Rücken der Drachen. Da fiel Maira wieder das Gespräch mit dem Baum ein. »Wir hatten eben ein rätselhaftes Gespräch mit dem Weltentor-Baum. Er sagte, es bahnt sich etwas an, was mit starker Magie zu tun hat. Wisst ihr etwas darüber?«
Soraya schnaufte. »Ja und nein! Bäume und Vögel flüstern über Magier von weit her, ich selbst habe noch nichts gemerkt.«
»Das kann nicht sein!« Maira schüttelte den Kopf.
Melvin baute sich vor Nijano auf. »Kumpel, denk mal nach, was hat es damit auf sich?«
»Keine Ahnung!« Der Drache pustete seinem Reiter spaßeshalber ins Gesicht.
In diesem Moment krabbelte ein verschlafen aussehender Teck aus der Satteltasche und rieb sich mit seinen Pfoten die Augen. Zunächst verwundert, die beiden Krieger des Lichts zu entdecken, strahlte der pelzige Kerl dann übers ganze putzige Gesicht. »Halli, hallo, da bin ich aber froh! Zwei Kinder aus der Menschenwelt treffen auf Teck, den Held!«
»Teck, wie schön, dich zu sehen!«, lächelte Melvin. Seit dem Flug über die Gonorawüste war ihm das Eichhörnchen ans Herz gewachsen.
»Wo ihr seid, da wartet das Abenteuer, wann muss ich erlegen das nächste Ungeheuer?«
Maira kicherte. »Du hast dich nicht verändert!«
»Warum sollte ich anders sein, hübsches Mädelein? Ändern liegt mir völlig fern, bin doch toll, bis in den Kern!«
Soraya verdrehte die Augen. »Ich möchte noch was zu der Frage eben sagen. Mir ist wohl etwas aufgefallen: Ich habe starke Energien wahrgenommen.«
»Kannst du das genauer erklären?«, hakte Melvin nach.
»Nicht richtig. Irgendwann mal bin ich allein auf der Jagd gewesen und hab mich weit von Zuhause entfernt. Ich flog damals sehr hoch über den Bergen, aber plötzlich war da eine eisige Energie. So kalt, wie ich noch nie etwas zuvor gespürt habe. Es hörte ganz abrupt wieder auf. Ein anderes Mal fühlte ich mich beobachtet, aber da war nichts, außer diesem Gefühl und …, hm, Energie. Ich kann es nicht beschreiben!«
»Schade!« Melvin zuckte mit den Schultern. »Sollen wir der Sache auf den Grund gehen, Maira?«
»Jetzt ganz sicher nicht! Wir wollten eine Runde fliegen, du die Gedankensprache üben und das war’s!«
»Aber wo wir schon mal gerade hier …«
»Nein! Die Drachen können Meldung im Trainingslager machen!«
»Wenn die Lady da sagt nein, wird alles erstickt im Keim!« Teck zuckte mit den Schultern und hob die Pfoten in einer hoffnungslosen Geste. »Doch kein Abenteuer – es ist der Heldin nicht geheuer.«
Maira zog eine Schnute und sah Melvin an. »Ich will eben nicht ständig Stress haben, und mit dir gelangt man unweigerlich in Kämpfe.«
»Okay, okay, ist ja gut!« Melvin legte den Arm um seine Freundin. »Ich bin froh, dass du überhaupt mitgekommen bist.«
Nijano schaltete sich ein: »Ich habe mir mit Soraya überlegt … also es ist mit ihr so abgesprochen, und sie hat zugestimmt …«
»Komm zu Potte, Nijano!«, grinste Melvin.
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