A. E. Eiserlo - Fanrea Band 3

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Emma und Ben stellen sich erneut dem Kampf gegen Xaria, die zwei ihrer Geschwister entführt. Doch die Krieger des Lichts sind nicht allein, treue Freunde stehen ihnen zur Seite. Der Weg führt in einen unbekannten Teil Fanreas, der die sechs Jugendlichen an ihre Grenzen bringt. Gleichzeitig verfolgen vier Fanreaner einen feigen Mörder und seinen zwielichtigen Gefährten. Die Jagd zwingt sie über reißende Flüsse und endet in einer dramatischen Seeschlacht. Magie und Spannung, Freundschaft und Liebe begleiten die Jäger – sind sie der Herausforderung gewachsen? Band drei der Fanrea-Serie: Ein Buch für junge Leser und junggebliebene Erwachsene!

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»Ein Sturm kommt auf! Hoffentlich ist es kein Blizzard!«, stellte John besorgt fest. Er ärgerte sich, dass er so unaufmerksam gewesen war.

»Wir schaffen es nicht zurück, bis es losgeht! Hier in der Nähe ist eine alte Hütte, dort können wir Unterschlupf finden.«

»Und das Kalb? Dein Vater verlässt sich auf uns!«

Entrüstet sah das Mädchen ihn an. »Wir müssen uns in Sicherheit bringen! Hast du vergessen, wie schlimm die Eisstürme hier werden können?« Annie schnalzte mit der Zunge. Die Stute verfiel in Trab.

»Du hast recht, lass uns die Hütte aufsuchen!« John passte sein Tempo an.

Schneidender Wind peitschte die Haut der beiden Reiter. Erste kleine Flocken tanzten wirbelnd umeinander, verdichteten sich allmählich zu einem Schneegestöber. Die Freunde blieben eng beieinander, um sich nicht in der schemenhaften Umgebung zu verlieren.

»Hier, fang auf!«, rief der Lakota, während er Annie ein Lasso zuwarf. »Bind es fest, falls der Sturm schlimmer wird! Wir dürfen uns nicht trennen!«

Geschickt fing das Mädchen das Seil und befestigte es am Sattelknopf. »Weiter!«

Dicke Flocken vermischten sich mit harten Eiskristallen, die wie kleine Steine auf die Haut prasselten. Der Wind nahm an Kraft zu und blies ihnen mit Wucht entgegen, sodass Pferde und Reiter die Körper dagegenstemmen mussten. Der Weg verjüngte sich und führte leicht abwärts. Links von ihnen ragte der Berg hoch, rechts gähnte ein Abgrund.

John verlängerte das Lasso, damit die Pferde hintereinandergehen konnten. Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr. Als die Sicht für einen Moment besser wurde, schaute er genauer hin. Schemenhaft erkannte der Lakota das gesuchte Kalb, das rechts unterhalb von ihm auf einen kleinen Felsvorsprung herabgestürzt war. Dieser hatte ihm das Leben gerettet und vor einem Sturz in die Tiefe bewahrt. Zitternd stand das Tier auf dem Plateau dicht am Abgrund, wo es erbärmlich blökte.

»Schau, Annie, das Kalb! Es scheint unverletzt. Ich klettere hinunter und hole es!«

»Nein! Wir reiten weiter, der Sturm wird immer schlimmer!«

Doch John hörte nicht auf sie und sprang vom Pferd. Er steckte seine Handschuhe in die Jackentasche, band ein Lasso um die Taille und befestigte es am Sattelknopf. Dann gab er die Zügel an Annie weiter. »Ich bin gleich zurück.« Bevor sie widersprechen konnte, ging er Richtung Abhang, stemmte sich den Böen entgegen und kletterte die terrassenförmig übereinanderlappenden Felsen ein Stück weit hinunter. Die Hände fast taub vor Kälte, rutschte John mehrmals auf dem mit Eis überfrorenen Stein aus. Es gelang ihm gerade noch, sich zu fangen. Schnee verdeckte einige Eisflächen, sodass er unvorbereitet auf die spiegelglatten Flächen trat. Als er an eine besonders steile Stelle kam, verlor der Lakota den Halt und schlitterte dem Kalb entgegen. Er rutschte an dem Tier vorbei und schoss über die Klippe. Im letzten Moment gelang es ihm, den Ast einer Kiefer zu packen. Sekundenlang baumelte der Junge über dem Abgrund. Er versuchte, sich mit einem Klimmzug hochzuziehen. Da knackte es – der morsche Ast brach ab …

*

Nach der Versöhnung von Soraya und Nijano lief es besser zwischen den beiden. Sie gaben sich große Mühe, nicht zu streiten.

Jaspis und Rosenquarz versuchten, ihre Meinung nicht dauernd kundzutun.

Aber Nijano blieb unruhig. Ihm ging Red Fire nicht aus dem Kopf. Der Jungdrache wusste, dass er den Tod von Bernsteinauge rächen musste, sonst fände er keinen Frieden. Die Gelegenheit zur Vergeltung würde kommen, und er wollte vorbereit sein!

Täglich übte Nijano waghalsige Flugmanöver, trainierte Kraft sowie Ausdauer. Manchmal flog er stundenlang über die Berge, wo er verschiedene Flügelschläge ausprobierte, um den Körper mit dessen Grenzen besser kennenzulernen. Der Drache lernte, die Aufwinde zu nutzen, mit den Fallwinden umzugehen und lang auf der Stelle zu schweben, wenn der entsprechende Wind ihn unterstützte. Es gab Orte am Berg, die den Flug begünstigten, da dort die Luft glatt und aufsteigend war. Mit diesen Bedingungen lernte Nijano umzugehen und sie zu nutzen. Teilweise erwarteten ihn aber auch gefährliche Windbereiche, in denen die Luft abfallend oder turbulent reagierte. Hier wurde er brutal nach unten geschleudert, es gelang ihm nur mit Mühe, nicht vor eine Felswand zu prallen. Einmal geriet er unter den Wind, sodass er hart von der Luftströmung zu Boden geschleudert wurde.

Zwischen den Bergen entdeckte der Drache zufällig eine weitere spannende Stelle, wo der Wind wilde Kapriolen vollführte. Permanent wechselte dieser die Richtung und traf Nijano ebenso überraschend wie unberechenbar. Hier half keine Erfahrung weiter, sondern nur der pure Wille. Bis zur völligen Erschöpfung übte der Sturkopf an diesem speziellen Ort. Die Erfahrungen, die er an der Steilwand machte, waren oft sehr schmerzhaft, aber auch lehrreich.

Mehr als einmal sehnte Nijano sich danach, Bernsteinauge als Lehrerin an seiner Seite zu haben. Manchmal kramte er in deren Erinnerungen, um mehr über Red Fire und seine Art zu kämpfen zu erfahren.

Obwohl Nijano stetig weiterwuchs, wusste er, dass er Red Fire an Stärke, ebenso an Kampferfahrung unterlegen sein würde. Also musste der junge Drache diesen Mangel anders wettmachen: mit Schläue, List, Gewandtheit und Taktik. Durch die Verbindung zu Melvin fand ein Wissensaustausch statt, sodass Nijano einiges über strategische Kriegsführung erlernen konnte. In diesem Punkt war der Jungdrache dem wilden Red Fire überlegen, der nur aus Muskeln, übersteigertem Ego und Kampfeslust bestand. Diesen Vorteil musste Nijano ausspielen, um gegen den aggressiven Muskelberg eine Chance zu erhalten.

Mehr als einmal geriet der Jungdrache in Versuchung, Soraya von seinem Flugtraining zu erzählen, aber er befürchtete, dass sie deswegen mit ihm schimpfte. Deshalb unterließ er es lieber. Mit seinem Reiter Melvin hätte er darüber sprechen und gemeinsam die Flugmanöver üben können, doch der war nicht da.

Die Sehnsucht nach seinem Reiter wuchs stetig. Manchmal fühlte der Drache körperliche Qual, weil er jenen so lang nicht gesehen hatte. Der Schmerz bohrte sich tief ins Herz hinein, raubte den Atem und ließ erst Minuten später wieder nach. In solch einsamen Momenten brüllte der Gigant die Seelenpein hinaus, schrie die Felsen an, die ihn umgaben und versengte die Umgebung vor zügelloser Wut.

All dies verschwieg er Soraya, damit sie ihn nicht für einen Schwächling hielte. Allein der Gedanke daran brachte Nijano aus dem Gleichgewicht. Bewundern sollte sie ihn!

Bestimmt konnte seine Freundin nicht verstehen, was in seinem Inneren brodelte. Es reichte, dass sie ihm nicht zutraute, sich gegen einen der älteren Drachen zur Wehr zu setzen, weder gegen Songragan noch gegen Red Fire. Das ärgerte den Grüngeschuppten ziemlich, stachelte ihn aber auch gleichzeitig an, besser zu werden.

*

Ben ertrug es ebenfalls nicht länger ohne seinen Drachen. Er wurde von der Sehnsucht getrieben, mit ihm über die Berge Fanreas zu gleiten, die Aufwinde zu nutzen und sich immer höher zu schrauben. Das Gefühl der grenzenlosen Freiheit, das ihn dabei stets ergriff, hatte ihn süchtig gemacht. Eins zu sein mit dem gigantischen Wesen und wie ein König die Lüfte zu beherrschen, das brauchte er wie die Luft zum Atmen. Die Verbindung zueinander war intensiv, es bereitete Ben ebenfalls körperliche Schmerzen, so lang von Nijano getrennt zu sein. Traurigkeit legte sich auf das Herz des Jungen.

In manchen Nächten träumte er von glänzenden Schuppen im Sonnenlicht, spürte Feueratem auf der Haut. Hitze, die ihn nicht versengte, sondern sanft streichelte. Der Geruch von Rauch und Asche stieg in seine Nase, warmer Atem aus weichen Nüstern streifte die Stirn. Drachenherz, Vulkanglut, Mitternachtsflug, Sternenlicht.

Immer öfter brannte tagsüber Bens Mal auf der Schulter, kaum noch konnte er die Qual ertragen. Manchmal überfielen ihn stechende Kopfschmerzen, während dabei der Name des geflügelten Giganten durch seine Gedanken geisterte. Die Schmerzen hielten noch nicht lang an, allerdings steigerte die Dauer sich von Mal zu Mal.

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