Ein verächtlicher Blick traf Nijano. »So weit gehen meine Gefühle dann doch nicht für dich! Ich denke, ist wohl eher Spaß am Kämpfen und Töten. Pass mir auf die kleine Soraya auf! Nach wie vor finde ich, sie hätte besser zu mir gepasst als zu dir kleinem Kerl.«
Jetzt schoss grenzenlose Wut in Nijanos Bauch. Feuer sammelte sich darin, der Geschmack von Asche und Rauch lag auf der Zunge. Bevor der Sohn richtig aufbrausen konnte, klappte Songragan die gewaltigen Schwingen auf und flog davon. Mit einem Feuerstoß entlud Nijano den Zorn, brüllte und schaute ebenso verletzt wie enttäuscht seinem Vater hinterher. Äußerte Songragan die letzten Worte, weil er sie so meinte oder weil sie besser zum Image passten? Musste er vor sich selbst die einmal gewählte Rolle des Unnahbaren spielen? Songragans Verhalten machte einfach keinen Sinn: Erst rettete er den Sohn, um ihn anschließend zu beleidigen und zu demütigen. Mieser Kerl!
Nijanos Gedanken wirbelten durcheinander, da fiel ihm Melvins Bitte ein, die Erinnerung des Vaters anzuzapfen. Wiederholt hatte er es versucht, doch immer erfolglos. Vielleicht gelänge es ihm jetzt, da jener in der Nähe war? Der junge Drache konzentrierte sich, drang in das Labyrinth der eigenen Erinnerungen ein, gleichzeitig in die Gedankenwelt Songragans. Nijano hoffte, dass dieser sich nicht schützte, da er mit einem solchen Zugriff auf seine Erinnerungen nicht rechnete. Plötzlich tauchten neblige Gedankenfetzen in Nijano auf: Richard, Angriffe auf fremde Drachen, Drachinnen, glitzernde Schätze aus Gold und Diamanten. Dann änderten sich unvermittelt die Bilder: eine Vulkanwelt, karge Schluchten, rauchende Schlote, schwarze Erde, glühende Lava. Ein Tal in einem erloschenen Krater, blühend, fruchtbar, Palmen, Blumen, bebaute Felder. Der Drache fühlte einen Zauber, der über dem Tal lag. Und ein Geheimnis!
*
Während Songragan davonflog, bohrten Fragen in ihm. Was war gerade passiert? Warum hatte er Nijano geholfen? Das konnten unmöglich echte Vatergefühle gewesen sein! Seit Richards Tod konnte Songragan sich selbst nicht mehr verstehen. Nie konnte er große Gefühle für andere entwickeln und plante nicht, das zu ändern. Statt Soraya zu erobern und mit nach Angar zu holen, stand er seinem Sohn zur Seite. Als Songragan erkannte, wen Red Fire da brutal hin und her schüttelte, kochte die Wut in ihm hoch. Er wollte nicht, dass der rote Gigant seinen Sohn zerfetzte. Deshalb griff er in den Kampf ein, ohne lang nachzudenken.
Was sollte er jetzt tun? Den Plan, Soraya zu erobern, gab er auf. Gnädig und großzügig würde er sie dem Nachkommen überlassen. Das bedeutete allerdings, dass er umsonst die Wüste hin und her überquerte. Immerhin konnte er sich selbst beweisen, dass für ihn diese Wüstenüberquerung ein Klacks war! Was nun? Ziellos nahm Songragan Kurs auf die Berge, er musste entscheiden, wie er in Zukunft zu Nijano stehen wollte. Vatergefühle für den Sohn zu entwickeln, erschien ihm undenkbar. Dennoch hatte es ihn über die Wüste hierhin getrieben. Lockte ihn tatsächlich nur Soraya oder steckte mehr dahinter? Etwas, das er sich selbst nicht eingestehen mochte?
Songragan beschäftigte sich so mit seinen verwirrenden Gefühlen, dass er das vorsichtige Eindringen Nijanos in seine Gedanken nicht wahrnahm. Stetig höher schraubte sich der schwarze Drache, nutzte die Thermik, glitt auf dem Wind dahin. Der Drache flog über gewaltige Berge, drang tiefer in die Bergwelt ein. Schnee lag auf den Gipfeln und glitt wie frische Milch an den Hängen herab. Stahlblauer Himmel bildete einen starken Kontrast zum Weiß, das so hell erstrahlte, dass es fast blendete.
Unentdeckt von Songragan beobachtete ein einsamer Drache von einem Berggipfel aus den Flug des schwarzen Giganten. Dieser Drache war so weiß, wie der ihn umgebende Schnee. Je nach Lichteinfall funkelten seine Schuppen wie Eiskristalle. Die massige Gestalt verschmolz mit der Umgebung, der Körper strahlte eine unerträgliche Eiseskälte aus. Aus den Nüstern strich frostiger Atem, der alles um das riesenhafte Wesen herum erstarren ließ. Es war ein Eisdrache, erschaffen aus Winterkälte und Nachtfrost. In den hellen Augen glomm Erbarmungslosigkeit, der Blick verriet Härte und Grausamkeit.
Als ein Schneehase neugierig an ihm vorbeihoppelte, hauchte der Eisdrache den kleinen Kerl an. Arktische Kälte streifte den Hasen, umhüllte das seidene Fell und sorgte dafür, dass seine Bewegungen matt wurden. Ein zweiter Hauch bewirkte, dass der Körper gefror. Mit einem zufriedenen Schnaufen beobachtete der weiße Gigant den Prozeß, danach verfolgte der Eisdrache weiter den Flug von Songragan. Schließlich streckte das Eiswesen sich aus. Den massigen Schädel legte es auf die Vorderbeine und wartete. Es besaß Zeit genug. Noch war nicht alles vorbereitet. Aber bald! Bis dahin würde es sich die Langeweile mit ein paar Spielchen vertreiben. Ein wenig Angst und Schrecken zu verbreiten, konnte amüsant sein. Ein hinterhältiger Ausdruck stahl sich in den Blick.
*
Im Reservat gelang es John, die nächsten Tage Abstand zu Annie zu halten. Aber es fiel ihm schwer, sachlich über Saatgut und Pferde zu reden, wenn er eigentlich an ihre Lippen und Küsse dachte. Um sich abzulenken, wollte er abends einen Brief an Emma schreiben. Ganz klassisch, auf Briefpapier, keine Email. Die leere Seite lag vor ihm, doch er kam nicht über das Datum hinaus. John starrte das Blatt Papier an und kam sich verlogen vor, Meine geliebte Emma zu schreiben, wenn er an Annie dachte. Was war nur mit ihm los? Irgendwann gab John auf, zerknüllte den Brief und warf ihn in den Papierkorb. Er versuchte, an Fanrea zu denken oder an Soraya, seine Drachin. Im Herzen fühlte er die Sehnsucht nach ihr, aber in seinem Kopf geisterte nur der Name Annie herum. Es gelang ihm nicht, ihn zu vertreiben. John seufzte. Warum sprach Emma nicht endlich von Liebe und bat ihn zu kommen?
Den nächsten Abend verbrachte Telling Bear nicht Zuhause, sondern war zu einer Versammlung gefahren. Annie erschien unangemeldet, und John beschlich das unbestimmte Gefühl, dass eine Katastrophe auf ihn zurollte. Unterm Arm trug die Indianerin einen Korb, prall gefüllt mit Gemüse und Süßkartoffeln. Sie wollte für John einen Auflauf kochen.
Beide standen in der Küche und schnibbelten Möhren, wie zufällig streiften sich immer wieder ihre Hände und Arme. Hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, die Jugendfreundin in die Arme zu ziehen und seiner Sehnsucht nach Emma, fühlte John sich mies. Was geschah mit ihm? Gedanken, Körper und Herz bestanden aus Sprengstoff, ein Funke genügte, um ein loderndes Feuer zu entzünden, das nicht mehr von ihm kontrollierbar wäre.
Während des Essens lachten sie viel, Annie alberte herum und erzählte Anekdoten von früher. Schließlich dachte John nicht mehr an Emma, sondern kramte ebenfalls in seinen Erinnerungen: »Weißt du noch, wie ich mein erstes Kaninchen mit Pfeil und Bogen erlegt hab?«
»Klar! An dem Tag hast du mich vor der Klapperschlange gerettet! Du warst mein Held! Wie so oft!«
»An meinem Geburtstag, stimmt! Mann, was hab ich da eine Angst ausgestanden um dich!
»Puh, das war total knapp damals! Wenn du nicht so klug gehandelt hättest, wäre ich wahrscheinlich gestorben. Nur wegen diesem blöden Ritual, dass du ein Kaninchen schießen solltest. Eine meiner verrückten Ideen!«
»Stimmt! Dann tat das tote Kaninchen dir leid!«
Annie kicherte. »Ich fühlte mich schuldig, weil es nicht mehr atmete, wollte dir das aber nicht zeigen.«
»Stimmt! Cool wolltest du sein!«
»Ich wollte dir so gern imponieren und hab uns deswegen oft in dumme Situationen gebracht.«
John grinste: »Du und deine Coolness! Nur ja keine Furcht zeigen oder zu viele Gefühle!«
»Du bist selbst so! Keine Angst haben, schön lässig bleiben!«
Ihre Blicke trafen sich. John hielt die Luft an. Verdammt, sah sie süß aus, wenn sie lächelte! Atemlos stieß er die Luft aus und stand auf. »Ich spüle den Kram hier eben weg.«
Читать дальше