Wider Erwarten kam kein Widerspruch. Stattdessen wischte sich der König müde über die Augen und seufzte. »Du hast recht! Ich brauche wirklich eine Pause. Wir werden ein paar Tage in die Wälder verschwinden! Ich muss nur schnell Faina informieren.«
»Ich kümmere mich schon mal um unsere Pferde. Beeil dich!«
Auf dem Weg zu Faina dachte der König darüber nach, wie sehr sich das Verhältnis zu seinem Bruder immer mehr verbesserte. So ein gemeinsamer Ausflug über mehrere Tage würde die Beziehung zueinander noch mehr festigen. Es würde auch die Gelegenheit bieten, den Bruder weiter in die Regierungsgeschäfte einzubinden, ihn darüber zu informieren, wie der Status zu den jeweiligen Verbündeten war. Gut gelaunt erzählte Elotiel Faina vom Ausflug mit Gyar und hoffte auf deren Zustimmung.
Allerdings klang die Königin alles andere als begeistert: »Nur ihr beide wollt ausreiten und über Nacht bleiben? Du weißt, dass dir jemand nach dem Leben trachtet. Die Gefahr ist noch nicht vorbei!«
»Faina, sei nicht überängstlich. Wir sind zu zweit, beide hervorragende Kämpfer. Du behandelst mich, als wäre ich ein alter Greis. Außerdem kann ich mich nicht für den Rest meines Lebens im Schloss vor einem unsichtbaren Feind verstecken!«
»Ich sehe die Verantwortung, die du gegenüber deinem Volk, dem Prinzen und mir hast. Bitte geh nicht! Du rennst einer Idee hinterher, die dir dein Bruder in den Kopf gesetzt hat.« Mit flehenden Augen sah Faina den König an, während sie ihm den Sohn entgegenhielt. »Schau ihn an! Soll er etwa ohne Vater aufwachsen?«
Nachdenklich strich Elotiel dem Prinzen übers Haar und zögerte. Die Königin sprach vernünftig, aber er freute sich sehr über Gyars Geschenk, zudem verspürte er große Lust auf ein wenig Abwechslung. Manchmal fiel ihm das Regieren schwer, da es ihn von den flüsternden Bäumen und Geheimnissen des Waldes fernhielt. Dann erdrückten ihn die Mauern geradezu. Er sehnte sich danach, auf weichem Moos zu schlafen, dabei dem Ruf der Eulen in der Nacht zu lauschen. Wie sollte er das Faina erklären? Sie wirkte zufrieden und hatte nicht das Bedürfnis, das Schloss zu verlassen.
Aber Faina verstand ihn mehr, als er ahnte, und las in seinem Gesicht. Ihre Liebe zu Elotiel war tief; sie empfand nur Glücksgefühle, wenn er es ebenfalls tat. Seufzend schmiegte sie sich an ihn. »Mein Geliebter, ich weiß, was dir dieser Ausflug bedeutet und möchte dich nicht davon abhalten. Dann nehmt bitte mehrere Bogenschützen mit! Reitet auf keinen Fall nur zu zweit!«
Das gefiel Elotiel natürlich nicht, er stimmte Faina zuliebe trotzdem zu. Zum Abschied küsste er sie und flüsterte ihr Zärtlichkeiten ins Ohr, sodass sie kicherte. Zuletzt schmuste er kurz mit seinem Sohn. Voller Vorfreude verließ er das königliche Gemach.
Wie besprochen war Bosrak in der Gestalt des Pferdes pünktlich erschienen. Er befand sich in verdrießlicher Stimmung.
Voller Elan traf Gyar die Vorbereitungen. Er sattelte die Pferde, rollte zwei Decken zusammen und füllte Wasser in Ledersäcke. »Bosrak, es ist soweit, der Tod von Elotiel steht endlich bevor«, flüsterte Gyar.
»Wird auch langsam Zeit! Ich will endlich aus dieser Haut raus. Dieses nette Getue hier, einfach grässlich!« Ungeduldig scharrte Bosrak mit den Hufen.
Als Elotiel erschien, erzählte er Gyar von seinem Versprechen gegenüber Faina, Begleitschutz mitzunehmen.
Das verärgerte den Königsbruder. »Vertraust du mir nicht? Nein, nur du und ich, wie früher! Zu zweit sind wir unschlagbar, die anderen stören nur. Wir verraten Faina nichts!«
Unwohlsein breitete sich in Elotiels Herz aus, er mochte Faina nicht anlügen. Das tat er nie. »Doch! Es ist ihr wichtig! Komm Gyar, lass es nicht daran scheitern! Ich bin der König und sollte unter Schutz stehen.«
»Wir reiten nur in den Wald, wir ziehen nicht in den Krieg! Die kristallisierten Elfen sind befreit. Von Worak wissen wir nicht einmal, ob er noch lebt.« Genervt schaute Gyar zu Boden, schob mit einem Fuß Erde hin und her, veränderte kurzentschlossen die Taktik. »Dann lassen wir es einfach bleiben. Mein Bruder ist auf seine alten Tage feige geworden. Ihn regiert die Angst vor dem Tod! Ich werde ohne dich reiten!« Mit einem Sprung schwang er sich aufs Pferd.
»Halt! Warum ist es dir so wichtig, dass wir allein sind?«
»Du bedeutest mir viel! Aber immer sind unzählige Elfen um dich herum oder Faina. Nie habe ich dich für mich! Wir haben uns auseinandergelebt, weil du ständig mit einem Pulk umherrennst und ich für dich bedeutungslos geworden bin. Ich möchte ungestört mit dir reden, mich gemeinsam mit dir wieder jung fühlen, so wie damals!«
Von Gyars Worten fühlte der König sich in die Enge getrieben. Er seufzte. Vom schlechten Gewissen geplagt, gab er auf. »Also gut! Wir reiten allein!«
Gyar wandte den Kopf, damit Elotiel sein verschlagenes Grinsen nicht wahrnahm.
Der König sprang auf sein neues Pferd, und die Brüder verließen ohne Begleitschutz das Schloss. Am Ende des Tages schlugen sie ein Lager auf, entzündeten ein Feuer und lagen glücklich unterm Sternenhimmel.
»Jetzt sag mal ehrlich, Bruder, gefällt es dir?«, wollte Gyar wissen.
»Es ist wunderbar! Die Luft ist wie Seide, ich höre das Raunen der Blätter und den Schrei des Käuzchens. Die Insekten erzählen mir Geschichten, wie ich sie ewig nicht gehört habe. Alle Probleme sind weit entfernt. Ja, es gefällt mir!« Der König streckte sich auf dem Boden aus.
Die Brüder verbrachten eine wunderbare Nacht unter dem Sternenhimmel miteinander. Als der Morgen anbrach, stiegen die beiden nach einem schnellen Frühstück auf die Pferde. Es war wirklich wie in alten Zeiten, und Gyar genoss fast ein wenig den Ausflug.
Die Gegend veränderte ihr Gesicht. Die Vegetation wurde karger, die Temperatur nahm zu. Mächtige Bäume standen verloren in der Landschaft herum und streckten kahle, knorrige Äste in den stahlblauen Himmel. Am Horizont entdeckten die Brüder eine Staubwolke.
Gyar deutete darauf. »Das sind bestimmt Eidechsenmenschen!«
»Ob sie uns übelnehmen, dass wir uns auf ihrem Territorium befinden?«
»Du bist ein König! Sie werden dir Respekt zollen! Außerdem werden sie uns nicht wahrnehmen, wenn wir uns unauffällig verhalten!«
»Vielleicht sollten wir ihnen einen Höflichkeitsbesuch abstatten?«
»Nein!« Gyar verzog das Gesicht, als hätte er in eine saure Zitrone gebissen. »Ich will mit dir allein sein und keine Regierungsgeschäfte betreiben! Lass uns jetzt die Distel für Faina suchen!«
»Schon gut! War nur eine spontane Idee!« Nachdenklich musterte der König den Bruder. Ein Funken Misstrauen schlich in Elotiels Herz. Warum sollte Gyar auf einmal so sehr daran interessiert sein, ihre Beziehung zueinander zu verbessern? Aber sogleich schimpfte sich der König einen Narren, der keine Freude zuließe und verdrängte sämtliche Bedenken.
In gemächlichem Tempo durchstreiften die Brüder das Areal, die Augen auf den Boden gerichtet. Sie trafen niemandem vom Eidechsenvolk, sahen lediglich einzelne Hinweise darauf, dass dies ihr Reich war: Lagerfeuer, Knochen, Fußspuren, Ritualsteine, verlassene Lehmhütten.
Gegen Nachmittag entdeckte Elotiel endlich eine blaue Distel, die er voller Freude für Faina pflückte. Als die Brüder Hunger verspürten, machten sie Rast an einem See, grillten Silberschnapper und erzählten erneut von ihrer Kindheit.
Gyar wurde hin- und hergerissen zwischen wehmütiger Erinnerung und glühender Eifersucht. Als sie nach dem Essen zurück Richtung Schloss aufbrachen, plagten ihn Zweifel an seinem Plan. Sie trabten durch einen kleinen Wald, der noch ans Land der Eidechsenmenschen grenzte. Als die Bäume sich lichteten, verfielen die Königsbrüder in einen wilden Galopp und flogen über die Steppe, auf der nur vereinzelte Baumgruppen wuchsen.
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