Gyar steckte den abgeschnittenen Finger ein, packte den toten Elotiel und band ihn auf dem Pferderücken fest. Als die Gliedmaßen des Leichnams herunterbaumelten, tobten unterschiedliche Gefühle im Elf. Es würgte ihn, mehrmals schluckte er angestrengt. Das Herz begann zu rasen, der Atem ging schwer. Die Versuchung, dem Bruder die Haare zu streicheln, ließ Gyars Hände zittern. Gleichzeitig unterdrückte er die aufsteigenden Tränen. Verärgert schallt er sich einen Idioten. »Los, nach Hause!«, stieß er mit gepresster Stimme hervor und schwang sich aufs Pferd.
Gemeinsam trabten die ungleichen Verbündeten zurück zum Königsschloss. Jeder der beiden verstrickt in die eigene konfuse Gedankenwelt.
Als John am nächsten Tag nicht erschien, biss Annie die Zähne zusammen und blieb zu Hause. Doch am darauffolgenden Tag hielt sie dort nichts mehr, sie fuhr zu Telling Bear, um John zu sehen.
Telling Bear empfing sie mit den Worten: »Er ist weg, hat dir aber eine Nachricht und seine selbst geschnitzte Flöte dagelassen.« Er reichte Annie einen Brief, die ihn bestürzt entgegennahm und öffnete. Mit zittrigen Händen begann sie zu lesen, während sie die Tränen kaum zurückhalten konnte.
Meine liebe Annie,
wenn du diesen Brief liest, sitze ich schon im Flugzeug. Ich weiß, ich tue dir damit sehr weh, und du wirst mir nicht verzeihen. Und das zu Recht! Als ich ins Res zurückgekehrt bin, wollte ich mich sortieren, meine Gedanken und Gefühle ordnen, aber jetzt bin ich noch verwirrter als zuvor. Du hast mir den Kopf verdreht!
Annie, du bist eine wunderschöne, verführerische Lakota, die mein Begehren weckt. Du hast ein großes Herz, dein Lachen verzaubert mich und die Tiefe deiner Gedanken berührt mich. Wenn mein Herz frei wäre, dann würde es das größte Glück für mich bedeuten, mit dir zusammen zu sein.
Aber ein Mädchen wartet auf mich. Sie heißt Emma, ist jung, lebt auf der Erde und nicht in Fanrea. Eigentlich passt sie nicht zu mir. Trotzdem: Ich liebe sie!
Es tut mir alles so leid. Ich wollte dich nicht verletzen und erst recht nicht dein Herz brechen.
Als Erinnerung an mich habe ich dir meine Bärenflöte dagelassen. Wenn du sie spielst, werde ich dich fühlen.
In Liebe, dein John
Schluchzend zerknüllte Annie den Brief und warf ihn zu Boden.
Telling Bear hob ihn auf und strich ihn auf dem Küchentisch wieder glatt. Erst einmal ließ der Lakota sie eine Weile weinen, dann sagte er leise: »Das ist ein großer Schmerz für dich, aber auch er wird vergehen. Annie, er konnte nicht bleiben. John fühlt Zerrissenheit zwischen dir und diesem anderen Mädchen. Er ist zu anständig, um mit beiden etwas zu haben. Mit seiner Entscheidung hat er sich sehr gequält, und ich habe ihn ziehen lassen. Er muss seinen eigenen Weg gehen!«
»Meinst du, er kommt zurück?«
»Hm! Ich glaube nicht, aber sicher bin ich mir nicht. Es kommt darauf an, wie es sich mit diesem anderen Mädchen entwickelt.«
»Ich werde auf ihn warten!«, stieß Annie trotzig hervor.
»Was ist, wenn er nicht zurückkommt? Lebe dein Leben, vergeude es nicht mit Warten!«
»Ich will aber keinen anderen, ich will ihn!«, schluchzte Annie. »So schnell gebe ich nicht auf! Ich werde nicht warten, sondern ihn suchen! Diese Emma will ich kennenlernen! John soll sich zwischen uns entscheiden, statt vor mir davonzulaufen. Das ist feige!«
Telling Bear zog die Augenbrauen hoch und hielt den Atem an. »Das meinst du jetzt nicht ernst, oder?«
»Oh doch! Todernst!« Annie ballte kampfbereit die Fäuste. »Ich will, dass John eine Entscheidung mit dem Herzen trifft und mir die Wahrheit ins Gesicht sagt. Und zwar, wenn Emma danebensteht. Wo ist er?«
Das raubte sogar Telling Bear die Ruhe. Er wusste, nichts und niemand würde Annie von diesem Entschluss abbringen. Nervös erhob er sich. »Ich weiß nicht, ich denke, bei Emma. Aber wie lange? Keine Ahnung. Wo willst du ihn suchen?«
»Ich weiß es noch nicht. Im Moment bin ich zu aufgewühlt, um klar denken zu können. Ich werde ihn finden, egal, wo er ist! Und du kannst mir bestimmt dabei helfen!« Sie kämpfte erneut mit den Tränen. »Das tust du, oder?«
*
Grübelnd starrte John aus dem schmalen Fenster des Flugzeugs. Sein Leben bestand aus einem einzigen Gefühlschaos. Wie gut, dass sein Onkel verfrüht nach Hause gekommen war! Ansonsten hätte John sich nicht länger beherrschen können und wäre schwach geworden. Dadurch hätte er Emma betrogen und Annies Herz komplett gebrochen. Wieso nur reizte Annie ihn so sehr, dass er wegen ihr fast gegen seine Prinzipien verstieß? Treue und Ehrlichkeit verkörperten für ihn wichtige Säulen der Liebe. Aber glücklicherweise blieb ihm die absolute Katastrophe erspart. Scheinbar plante das Schicksal einen anderen Weg mit ihm, als ein Leben im Reservat gemeinsam mit Annie. Die Schwitzhüttenzeremonie mit seinem Onkel führte wieder zu mehr Klarheit in Johns Gedanken, das verdankte er Telling Bear.
John zweifelte nicht daran, dass Annie ihm überall hin folgte, selbst nach Fanrea. Emma lehnte genau das ab. Bisher stand für ihn selbst seit langem fest, dass er in Fanrea bliebe und verspürte große Sehnsucht nach dieser Welt. Doch durch Emma nahm sein Leben eine Wendung, die sämtliche Pläne über den Haufen warf.
So vieles veränderte sich nach dem Erscheinen von Emma und Ben, alle fanden ihren Platz: Agatha lebte in Frankreich auf dem Schloss und widmete sich dem Weinbau. Der Katzenjunge Nijano steckte nun in Richards Körper, hieß Samuel und wirkte glücklich, endlich in der Menschenwelt leben zu können. Nala reiste als Zauberlehrling mit Magor durchs Universum. Nur er selbst wurde von seinem Herz zerrissen, wusste nicht mehr, wohin er gehörte.
Inständig hoffte John, dass Emma sich über seinen unangemeldeten Besuch freute und somit die getroffene Entscheidung die richtige war: für Emma – gegen Annie. Schließlich hatte Emma versucht, ihn anzurufen und ihm eine liebevolle Nachricht geschrieben. Also schien alles in Ordnung. Trotzdem quälten ihn unangenehme Gefühle und Vorahnungen.
*
Nijano und Soraya stritten – wieder einmal. Es ging darum, dass er über die weite Gonorawüste fliegen wollte, um das blühende Tal in dem erloschenen Vulkankrater zu suchen, das Nijano in Songragans Erinnerungen entdeckt hatte.
»Ich werde fliegen! Du wirst mich nicht davon abbringen!«, brüllte Nijano ein weiteres Mal.
Die Drachin gab es auf, er würde sich nicht umstimmen lassen. Er war genauso ein Sturkopf wie sie selbst. Sie seufzte laut und murrte: »Gut! Dann flieg ich eben mit.«
Ein frohes Flackern glomm in Nijanos Blick. »Ja, mach das! Begleite mich!«
Soraya stupste Nijano mit der Nase an. »Wir gehören zusammen und schaffen es gemeinsam!«
»Worauf warten wir noch?«
»Auf nichts! Wir fliegen jetzt zum See und suchen Teck. Ich hoffe, er ist noch in der Nähe.«
»Bestimmt, da hat er viele Nüsse verbuddelt«, vermutete Nijano. »Am See saufen wir uns auch direkt den Bauch voll bis kurz vorm Platzen. Danach geht’s über die Gonorawüste!«
Bestätigend nickte Soraya. Als sie in die Luft abhob, folgte Nijano ihr frohen Herzens. Nach kurzer Zeit gelangten die beiden zum Ziel. Sie kreisten eine Runde über dem See, der wie ein blauer Spiegel unter ihnen lag. Danach setzten sie zur Landung an, um zu trinken. Voller Freude entdeckten sie tatsächlich Teck, der am Ufer nach versteckten Nusrinonüssen buddelte und erschrocken zur Seite hüpfte.
»Was für eine Plage, fast wäre es gewesen eine Karambolage!« Beleidigt rümpfte der kleine Kerl die Nase.
»Ach, komm schon Teck! Hast du wieder vergessen, wo deine Nüsse versteckt sind?« Soraya pustete ihm liebevoll ins Gesicht.
Verlegen schaute das Eichhörnchen zu Boden. »Äh, öh, ja, das ist wahr.«
Читать дальше