»Es ist schön mit dir, Gyar. Wir sollten so etwas viel öfter machen!«
Wider Erwarten empfand Gyar selbst ein bisschen Freude und rief: »Stimmt, Bruder!« Vielleicht sollte er doch noch einmal über den Mord nachdenken? Nein! Verdammte, sentimentale Gedanken!
Langsam wurde es Bosrak zu blöd. Wann würde Gyar endlich die geplante Tat umsetzen? Was für ein gefühlsduseliges Getue und Gelaber die ganze Zeit! Er hätte den König schon längst einfach hinterrücks abgestochen! Wenn sie noch viel weiterritten, entfernten sie sich zu weit vom Dorf der Eidechsenmenschen. Eben am See verstrich erneut eine der perfekten Gelegenheiten für einen Mord. Risikolos, schnell, ohne Zeugen. Aber nein, stattdessen Austausch dummer, überflüssiger Erinnerungen! Genervt beschloss Bosrak, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
Während des rasanten Galopps wandelte der Rappe des Königs das Erscheinungsbild. Er flimmerte, verlor an Substanz, löste sich einfach auf und wurde zur Ratte, die zur Seite sprang. Der König knallte hart auf den Boden, überschlug sich ein paar Mal und blieb stöhnend liegen. Flimmernd nahm der Nager an Größe zu, bis schließlich Bosraks Körper Gestalt annahm.
Gyar galoppierte zurück zur Unfallstelle, sprang vom Pferd und kniete neben Elotiel nieder, der sich mühsam aufrappelte und die Situation überhaupt nicht verstand. Verwirrt musterte er Bosrak, dann den Bruder, der seinen Dolch zückte. Der König griff ebenfalls zum Dolch, wollte aufspringen, fiel allerdings schmerzverzerrt wieder hin. Eine offene Wunde am Kopf, ein verstauchter Knöchel, mehrere geprellte Rippen, sowie ein gebrochener Arm hinderten ihn daran, sich zu verteidigen. »Tu was, Gyar!«, keuchte Elotiel.
Gyar zögerte. Noch käme er aus der Sache glimpflich heraus, er musste eine endgültige Entscheidung treffen. Genau in diesem Augenblick! Noch wäre die Wahrheit veränderbar – Bosrak oder Elotiel?
»Wer ist das? Gyar, warum zögerst du?« Ächzend rappelte der König sich auf und starrte die beiden abwechselnd an. Bosrak und Gyar standen regungslos da, sahen ausdruckslos zu Elotiel. Langsam dämmerte diesem, dass etwas nicht stimmte. »Nein!«, flüsterte er. »Sag, dass das nicht wahr ist!«
»Doch, es ist wahr! Endlich kriegst du, was du verdient hast!«, schrie Gyar und stach zu. In letzter Sekunde wehrte Elotiel den Stich mit seinem Dolch ab. Der Stoß ging ins Leere.
Elotiel warf sich zur Seite. Gleichzeitig trat er mit dem gesunden Fuß nach Gyar, der nach hinten kippte. Unter Aufbietung sämtlicher Kräfte hechtete Elotiel mit einem Sprung auf den Bruder und griff mit einer Hand an dessen Kehle. Gyar wehrte sich verzweifelt. Die Brüder rollten hin und her. Obwohl verletzt war der König der bessere Kämpfer. Es gelang ihm, Gyar unter sich zu bringen und hielt ihm die Spitze des Dolches an die Kehle. »Gib auf! Dann lass ich dir dein Leben! Dir droht in dem Fall nur die Verbannung. Du bist mein Bruder!«
»Nein!«, röchelte Gyar.
»Warum tust du das? Ich dachte, wir sind auch Freunde! Warum, Gyar?« Elotiels Stimme klang verzweifelt und brüchig.
Länger konnte Bosrak das nicht mitansehen. Ohne länger zu zögern stach er dem König von hinten ins Herz. Blut tropfte aus der Wunde. Ein weiterer Stich folgte.
Elotiel sackte zusammen. Er keuchte. Blut trat aus seinem Mund.
Gyar schubste den Körper seitlich weg. »Sehr stilvoll! Von hinten!«
Elotiel stöhnte und krümmte den Körper vor Schmerz zusammen. »Gyar, warum? Ich habe dir vertraut«, flüsterte er sterbend.
Der Königsbruder richtete sich auf und musterte den Toten abfällig. Jedoch blieb das erhoffte Triumphgefühl aus, denn er hatte es wieder nicht geschafft, den Bruder zu besiegen. Die Tat vollendete Bosrak. Gyar spuckte vor seinem Bruder aus. Oder vor Bosrak? Oder gar vor sich selbst? Müde schloss der Königsbruder für einen Moment die Augen. Nicht einmal der Mord gelang ihm, er blieb einfach ein Verlierer – wie immer. Selbst im Tod war Elotiel der ewige Gewinner. Trotzig gab Gyar sich einen Ruck: Nein, damit war es jetzt vorbei! Er würde kein Verlierer mehr sein, die Zeit der Siege und Macht stand bevor. Entschlossen öffnete Gyar die Augen und bemerkte, dass Bosrak ihn lauernd anstarrte. »Was glotzt du so, du Missgeburt?«, fuhr Gyar ihn an.
Aus Gewohnheit duckte Bosrak sich, richtete allerdings sogleich den Körper wieder auf und straffte die Schultern. Mit Erstaunen bemerkte Gyar diese Reaktion. Etwas in den verschlagenen Augen gefiel dem Elf ganz und gar nicht.
Ein Geräusch ließ beide aufhorchen. Drei Eidechsenmänner traten hinter einem Busch hervor und näherten sich ihnen wachsam mit gezückten Waffen.
Einer, er schien der Anführer zu sein, sprach sie an: »Wir haben den feigen Mord beobachtet! Ihr werdet zur Rechenschaft gezogen! Du gehörst zu den Elfen.« Er deutete mit den Fingern auf Gyar. »Und du …« Sein Blick glitt voller Abscheu zu Bosrak. »Keine Ahnung, wer du bist. Jedenfalls bist du ein unehrenhafter Kämpfer! Ein Feigling!«
Mit einer schnellen Bewegung erhob Gyar das Schwert, hieb damit auf den Sprecher ein. Aber der hatte damit gerechnet und trieb den Königsbruder zurück. Der täuschte an, stieß zu, doch der Eidechsenmann ahnte auch diese Finte voraus, wehrte ab, bedrängte nun seinerseits Gyar. Der konnte gerade noch einen Schlag des Eidechsenmannes parieren. Schnell führte Gyar nun das Schwert über den eigenen Kopf hinweg und wollte von oben auf den Gegner einschlagen, aber das Schwert glitt an dessen Waffe ab. Der Kampf wurde schneller und heftiger. Gyar kam in Bedrängnis. Das Eidechsenvolk war für seine großartigen Kämpfer bekannt. So ging es hin und her, keiner der beiden gewann die Oberhand.
Die Begleiter des kämpfenden Eidechsenmannes hielten sich ehrenhaft zurück, auch Bosrak wartete ab. Langsam dauerte es ihm zu lang, von Ehre und Anstand hielt er sowieso nichts. Seine Umrisse begannen erneut zu flimmern, erweiterten sich und binnen Sekunden verwandelte Bosrak den Körper in einen hünenhaften Troll. Es packte die beiden Eidechsenmänner, die nicht auf ihn achteten, und knallte deren Schädel aneinander. Es krachte laut, Blut floss aus den Köpfen. Die Leiber der Eidechsenmänner erschlafften. Achtlos ließ der Gestaltwandler die Körper fallen.
Der Anführer wurde durch diese feige Handlung für einen Moment abgelenkt. Diese Unaufmerksamkeit nutzte Gyar und stach zu. Er traf den Eidechsenmann in die Seite. Dieser fiel stöhnend zu Boden. Er presste eine Hand an die blutende Stelle und erhielt zwei weitere Stöße in den Bauch. Grinsend verpasste Gyar dem Eidechsenmann einen Tritt und murmelte: »Der hat es hinter sich!« Dann betrachtete er kopfschüttelnd Bosrak. »Stilvoll bist du wirklich nicht!«
Bosrak schrumpfte zu normaler Gestalt. Mit grimmigem Gesichtsausdruck blaffte er: »Ich will nicht stilvoll sein, das ist was für Lackaffen wie dich! Schnapp dir den König und lass uns zum Schloss reiten! Ich will mein Ziel erreichen!« Wobei er nicht wusste, welches Ziel.
Verblüfft starrte Gyar seinen Verbündeten an. Wie redete er mit ihm? Langsam trat Bosrak zu selbstbewusst auf. Gyar bückte sich und griff nach einer Hand des sterbenden Gegners. Angewidert betrachtete der Königsbruder die bräunliche Echsenhaut. »Hässliche Wesen! Ist nicht schade drum!«, murmelte er so leise, dass Bosrak ihn nicht verstand. Mit einem schnellen Schnitt trennte der Elf einen Finger ab. »Den nehmen wir mit – als Beweis! Die drei Kerle kamen wie bestellt. Jetzt haben wir ein Alibi und unseren Krieg. Perfekt!«
Zustimmend nickte Bosrak und wechselte die Gestalt zum Pferd. Ein zufriedenes Gefühl stellte sich in ihm ein. Eben hatte er selbst die Dinge in die Hand genommen, um endlich zum Abschluss zu kommen. Er war nun kein Diener mehr, spürte stattdessen, wie Magie in ihm wuchs. Manchmal fühlte er, wie sie im Inneren brodelte, sich aufbaute, ja, fast schon schmerzte, weil sie freigelassen werden wollte. Ihm fehlten Übung sowie Umgang damit, niemand leitete ihn an, diese Energie zu nutzen und zu lenken. Wie immer blieb er mit seinen Fragen allein, aber auch das hinderte Bosrak nicht daran, seinen Weg zu finden.
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