»Sieht man es?«
»Nur wer dich kennt. Bei mir warst du noch flach wie Norddeutschland, bedauerlicherweise!«, dabei grinse ich sie wenig despektierlich an.
»Du hast keinen Wert darauf gelegt und mir sogar Komplimente deswegen gemacht. Hast ja jetzt einen Kerl zuhause, der hat ja auch obenrum nichts. Findest du offensichtlich besser!«, kontert sie spontan und spricht weiter:
»Ja, wir können im „The George“ ( ein Luxushotel in St. Georg ) frühstücken. Ich lass mich gerne einladen von dir! Danke! Aber zieht euch erst einmal an. So wie ihr ausseht, gehe ich nicht mit!«
»Hast dich nicht geändert, Maria«, bemerkt Roland treffend, während ich die gleichen Gedanken in mir führe.
»Warum sollte ich? Dafür wurde ich immer allerseits geliebt!«, unterstreicht sie selbstbewusst.
Und genau das lassen wir mal so ohne Widerrede im Raum langsam verklingen, obgleich? Gab es damals nicht einen Trennungsgrund? (gehen meine Gedanken!)
Der Weg zum Hotel ist nicht weit. Nur ein paar Fußminuten entfernt liegt das neue Gebäude. Und weil das Wetter mitspielt, gibt es auch keine Einwände von Maria, dorthin zu gehen. Vor dem Haus steht Candy. Die süße 16-Jährige. Als sie uns sieht, wirft sie uns einen Kussmund zu und stiftet zumindest damit bei Maria Verwirrung. Maria, in der Mitte von uns platziert, zieht erst meinen und dann Rolands Arm zu sich heran. Schon platzt sie heraus: »Nette Gemeinschaft bildet ihr! Der eine von euch ist schwul, der andere pädophil. Ich denke, ich sollte besser auf euch aufpassen, Jungs!«, und sie wirft ihren ganzen sprühenden Charme und ihre Borniertheit gegenüber Candy in ihr Lächeln.
»Weißt du, Maria, es ist eine Menge seit deinem Weggang passiert.«
»Konnte ich gerade beobachten!«, antwortet sie angriffslustig.
»Nicht so, wie du es meinst. Wenn ich für mich spreche, Roland lass bitte außen vor, bin ich mit meiner Situation mehr als zufrieden. Deine Verrücktheit war auf der einen Seite belustigend, auf der anderen auch sehr anstrengend. Scheint so, dass wir uns jetzt richtig positioniert haben.«
»Hab ich gerade mitbekommen: Schwul und pädophil!«, wiederholt sie frech fraulich.
Darüber haben wir das Hotel erreicht. Direkt an der Straße gelegen und für Menschen, die sich beim Genuss mit alkoholischen Getränken überschätzen, liegt das Hotel nur wenige Meter vom Krankenhaus entfernt wohlplatziert. Obgleich für den Neubau ein Gründerzeitgebäude weichen musste, nur die Fassade zur Alster hin blieb erhalten, gehört das Hotel zu den beliebtesten in Hamburg und ist für seinen „Schwulen, Hippen, Schrägen“-Stil mit der Bar DaCaio weit über die Landesgrenzen bekannt. Fünf Sterne gibt es obendrauf. Natürlich ist auch augenblicklich dort gerade viel los.
Dennoch: An diesem Ort gibt es Zeit zuhauf. Andere würden dazu dekadent sagen. Aber in einem Viertel, in der Maler, Schauspieler, Schreiberlinge und Freiberufler wohnen und arbeiten, zumeist Singles oder gleichgeschlechtliche Paare, scheint Zeit nicht zu existieren. Überhaupt verhält es sich dort mit der Zeit irgendwie seltsam. Es gibt sie und es gibt sie auch nicht. Stets ist sie an etwas gebunden: Handlungen! Faulenzen ist eine Handlung. Ist es nicht herrlich, nach Stunden der Ungezwungenheit vom Nebenmann mitzubekommen: „Ach, es ist schon Nachmittag geworden. Hab ich mich wieder verquatscht! Nun muss ich aber eilen!“
Ich gestehe, ich gehe sehr gern ins „The George“, auch um Leute zu beobachten. Und wenn ich mit meiner fahrenden Maria auftauche und sie provokant vor die Tür platziere, sind mir Blicke gewiss. Ach, ich liebe es, Blicke zu erheischen! Ich liebe es, dekadent zu sein ( für den Augenblick!) . Roland verhält sich dagegen eher wie Sperrgut. Ist eben ein Bulle. Über die schicke Maria brauche ich kein Wort verlieren. Sie liebt(e) stets den Mittelpunkt, mit neuem Busen oder alter Flachheit! Auch jetzt wieder! Sofort hat sie irgendjemanden entdeckt oder verhält es diesmal anders herum? Und sie winkt der Person zu. Im nächsten Moment ist sie uns bereits für eine unbestimmte Zeit entschwebt.
»Das nennt sich offensichtlich Frühstücken und Quatschen zu dritt!«, bemerke ich spöttisch.
»Kenn ich! Aber wir lassen uns nicht davon stören. Darüber sollten wir den Besuch beim Chinesen nicht versäumen?«, erinnert mich Roland an den Termin.
»Hat er gestern nicht nachmittags gesagt?«
»Ja, aber?«
»Dann haben wir noch genug Zeit. Bleib locker! Was denkst du, was der Alte uns erzählen könnte?«
»Keine Ahnung, aber Jim deutete etwas „von früher“ an.«
»Von viel früher«, korrigiere ich meinen Freund, um fortzufahren: »Vor langer Zeit gab es so etwas wie ein Chinesenviertel in Hamburg. Vielleicht ist das gemeint? Aber wir werden es bald erfahren! Nebenbei: Wann musst du eigentlich wieder zurück aufs Revier?«
»Bereits morgen Abend schon! Außer….«
»Was außer?«
»Würden sich neue sachdienliche Erkenntnisse ergeben!«
»So förmlich?«
»Ich meine ja nur….«
»Oder hast du seit kurzem einen Papagei zuhause, den du füttern musst, Roland?«
»Quatsch! An meiner Situation hat sich nichts geändert. Ich wohne allein!«
»Und ruhig dazu, zu ruhig! Ich könnte dir ja Maria für ein paar Tage vorbeischicken! Haha!«
»Bloß nicht! Zu nervig! Wo ist sie eigentlich?«
»Keine Ahnung! Das weiß man bei ihr eigentlich nie, außer du siehst hier irgendwo eine Traube von Leuten stehen! Lass mich zahlen und uns dann langsam zum Chinamann schlendern.«
Kurz darauf stehen wir auf der Straße und laufen zurück. Auf dem Weg klingelt mein Nokia. Ein Blick verrät: Maria!
»Wo seid ihr?«, fragt sie ungestüm, wie es eben ihre liebenswerte Art ist.
»Auf dem Weg zu unserer Verabredung. Ist aber ein Geheimtreffen!«
»Heißt es: Schwul und pädophil?«
»Lass den Quatsch!«
»Und was ist mit meiner Rechnung, Ex?«
»Bezahlt! Bis später, Schatz! Wir haben jetzt zu tun!«
Wenig später bei Jim.
»Großvater kommt gleich. Setzt euch erst einmal hin und trinkt Tee.«
»Sind wir denn zu früh?«, frage ich höflich nach.
Jim setzt sein unergründliches Gesicht auf und antwortet: »Nein! Aber habe ich euch gestern schon erzählt: „ Móu shì zài rén, chéng shì zài tiān ( Dinge zu planen, liegt beim Menschen. Dinge zu vollenden, liegt beim Himmel )“. Großvater ist ein prächtiger Mann von über 90 Jahren, da ist Zeit ohne Bedeutung. Folgt mir ins Hinterzimmer!«
Dort erwarten uns drei Frauen, die uns höflich zunicken, als wir den Raum betreten. Vielleicht erwarten sie uns auch nicht? Ihre Gesichtsausdrücke sind jedenfalls unergründlich und für uns nicht zu deuten. Als wir Platz genommen haben, versuche ich sie anzusprechen. Jedoch keine Reaktion erfolgt, so als würden sie mich nicht verstehen oder verstehen wollen. Für uns Europäer ist es eher schwierig, das Alter dieser Menschen einzuschätzen. Ich denke, es beruht auf „kultureller Gegensätzlichkeit“. Während sie für uns zumeist ausdruckslose Kreisgesichter besitzen, sind wir für sie bedeutungslose Langnasen. Die jüngste ist bestimmt bereits fünfzig Jahre und die älteste befindet sich in einem biblischen, falsch, konfuzianischen Alter.
Freundlich wird uns Tee gereicht. So sitzen wir und schauen ein wenig gelangweilt in die stumme Runde. Trotz der Ruhe scheint von den Damen „alles“ wahrgenommen zu werden. Geht der Tee bei uns zuneige, wird sofort nachgeschenkt. Kochend heißer dampfender Tee. Zungenverbrennertee! Roland und ich sitzen schweigend, schließlich wollen wir die herrliche Stille nicht unterbrechen. Keiner von uns traut sich, auf die Uhr zu schauen. Der sechste Tee wird serviert. Langsam aber stetig kriecht der Schatten der Sonne über die Wand. Was Roland denkt, weiß ich nicht. Er sieht teilnahmslos dem eher beschaulichen Treiben zu. Oder schläft er etwa mit geöffneten Augen? Die Wandtapete besitzt ein typisches asiatisches Vogelmotiv, welches mit dezenten goldfarbigen Längsstreifen unterlegt ist. Gerade überlege ich mir, ob wohl zwei oder eher doch drei Streifen eine Sonnenstunde bedeuten, wenn sich wie augenblicklich ihr Schatten darüber quält. Der siebte Becher Tee! Wieder mit einer freundlichen Geste gereicht. So langsam denke ich an Maria und ihre Pennälerblase. Sofort unterdrücke ich die Gedanken, denn aufstehen ist ja unhöflich. Doch: Will man hier unsere europäischen Blasen testen? Der achte Becher Tee! Rolands Gesicht ist noch ausdrucksloser geworden, vermutlich steht ihm der Tee bereits an der Kante der Unterlippe. Da von uns keiner eine Bewegung macht, kann man nicht einmal das Gegluckste des chinesischen Leibgetränks im Magen vernehmen. Bloß nicht bewegen, die Blase! Marias Pennälerblase! Das ist nicht komisch!! Gerade wieder wird Tee nachgefüllt: der Neunte! Gibt es nicht eine weltberühmte Sinfonie von Beethoven mit Text von Schiller? Schon stimme ich an: „ Freude schöner Götterfunken , Tochter aus Elysium, Wir betreten feuertrunken…, äh „teetrunken“…“. Der zehnte Becher Tee! Sofort sind Melodie und Text aus dem Kopf. Hat Beethoven auch eine „Zehnte“ komponiert? Nein, ist mir nicht bekannt. Roland neben mir ist langsam rätselhaft bleich geworden. Unterkante Lippe oder bereits darüber hinweg? Bloß jetzt nicht den Mund öffnen, sonst schwappt der Tee hinaus! Jetzt wird’s bei mir langsam eng mit der Blase und ich fange an, leicht unruhig zu werden. Der elfte Becher Tee wird gerade sehr freundlich mit einem aufschlussreichen Grinsen serviert. Ist das echt gemeint oder doch ein Auslachen, weil noch nie zwei Leute so viel Tee, ohne pinkeln zu müssen, getrunken haben? Selbstverständlich grinsen wir freundlich zurück, schließlich wollen wir uns keiner Blöße hingeben. Ein Becher hat bei mir noch Platz, dann platze ich oder besser meine Blase. Der zwölfte Becher………….. und es geht bedächtig die Tür auf und ein sehr alter Herr, der sich aufrecht zu gehen müht, betritt den Raum. Endlich! Der alte Herr nimmt uns gegenüber Platz und lächelt freundlich nach allen Seiten. Sofort wird Tee nachgereicht. Der dreizehnte! Ich weiß, Mozart hat noch mehr komponiert als Beethoven! Das kann ja heiter werden. Hatte der keine Blase? Naja, seine Werke hat er auch nicht, trotz seines Genies, in wenigen Teestunden geschaffen! Wäre ich Amerikaner würde ich jetzt unter Triskaidekaphobie leiden. So bettel ich nicht um den vierzehnten Becher Tee.
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