»Na, na!«, wirft Roland ein, nachdem ich nochmals meine Einwände gegen sein Verhalten von damals vorbringe.
»Der Beruf geht „immer“ vor!«, bleibt er hart.
»Lieber Roland!«, entgegne ich ihm, »ich denke, Freundschaft ist wichtiger als jegliche Taten und Täter. Die sollen in ihrer Schuld doch gern etwas länger schmoren, bevor wir sie zur Strecke bringen!«
Aber weiter: Was wir, eigentlich Roland, also bereits geahnt hatten, traf offensichtlich zu. Insulin war durch einen kleinen Trick ohne Rezept zu besorgen. Und was uns gelungen war, sollte dem Ehemann auch gelungen sein, zumindest mit einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit oder mit einer großen Portion Hartnäckigkeit. Als wir wieder aus dem Urlaub zurück und im Dienst waren, begannen wir den potentiellen Täter auf Auslandsreisen zu durchleuchten. Und tatsächlich war er zu Kurzurlauben in Österreich, Slowakei und auch Ungarn gewesen. Um an die Information zu gelangen, hatte Roland ihn dazu nochmals zu sich ins Büro unter dem Vorwand „er müsse noch aus formalen Gründen ein paar Unterschriften leisten, die zuvor leider vergessen worden waren“ gelockt. Dabei verwickelte er ihn geschickt in ein belangloses Urlaubsgespräch wie in etwa: „Ach, letztes Jahr habe ich eine Donaureise auf einem Arosaschiff unternommen und bin von Wien aus über Bratislava bis nach Budapest gefahren….. das war ganz toll ( Bla, Bla ) und so weiter….“. Erstaunlicherweise erzählte unser Mann ganz unbedarft, dass er in Neusiedel am See, Bratislava und auch einen Abstecher mit dem Boot nach Budapest unternommen habe. Na, Klasse! Also hatten wir zumindest mehrere Anhaltspunkte gefunden. Sofort veranlasste Roland einige Kollegen aus den drei Ländern um Amtshilfe, schickte Bilder von dem Mann raus und ließ die Kriminalisten dort die Apotheken abklappern.
»Das war nicht einfach und auch sehr zeitaufwendig!«, wirft Roland ein.
»Das kann ich wohl erinnern. Es hat einige Monate in Anspruch genommen, aber letztlich auch zum Erfolg geführt!«, bestätige ich ihm.
»Sag ich doch: Bauchgefühl, mein Bester!«, und Roland reibt sich zum zweiten Mal kreisförmig mit der Hand über seine kleine Wölbung und grinst mich zufrieden an.
»Jo, das gilt aber für dich! Ich habe solch Gefühl immer nur, wenn ich von meinen Eltern zuvor ausgiebig gefüttert worden bin! Haha!«
Neusiedel am See hieß das Ermittlungs-Zauberwort. Denn dort konnte sich eine Apothekerin an unseren Verdächtigen erinnern, der mit genau dem Trick, den Roland zuvor angewandt hatte, sich Insulin erschlichen hatte. Später kam noch eine weitere Apotheke in Bratislava hinzu. Ein weiteres Indiz in der Kette zu unserem Anfangsverdacht fügte sich hinzu. Daraufhin wurden die Ermittlungen gegen den Verdächtigen wieder verstärkt in Angriff genommen. Als dann auch noch seine Computer-ID in einem so genannten „Insulin-Chat“ ermittelt werden konnte, hatte sich der Indizienkreis fest um ihn geschlossen. Was fehlte, war ein Geständnis beziehungsweise eine zielführende Beweisführung in dem Prozess gegen ihn.
»Leider ist der Staatsanwaltschaft beides nicht gelungen, wie du weißt, Finn.«
»Ja, leider! Der Mann wurde mangels Beweisen freigesprochen!«
»Er hatte einen findigen Anwalt!«
»Und ein fehlendes Motiv für die Tat, sprach für ihn!«, füge ich an. »Ich denke, der Typ war krank und somnophil veranlagt. Roland, du kennst meine Meinung dazu. Der kriegte nur einen hoch, wenn er seine Frau ungestört im Schlaf beobachten beziehungsweise seine sexuellen Phantasien an ihr ausleben konnte. Um ungestört seine Handlungen vorzunehmen, hat er ihr zusätzlich Insulin verabreicht, woran sie letztlich gestorben ist.«
»Ist unbewiesen geblieben!«, fügt Roland betrübt an. »Aber der Typ hat, wie du weißt, vor ein paar Jahren Suizid begangen. Aus welchen Gründen auch immer! Und damit ist die Sache ad acta gelegt worden!«
»Ja, leider! Ich hätte ihn nur zu gern überführt!«
»Wem sagst du es, Finn! Allein schon aus dem Grund, die hässliche Fratze des überführten Mörders zu sehen!«
»Weißt du, Roland! Ist irgendwie schön und grausam zugleich, unter welchen Umständen wir uns damals kennengelernt und darüber eine feste Freundschaft geschlossen haben!«, überkommt es mich emotional.
»Und eine gute dazu«, erwidert Roland.
»Das stimmt, ja! Und eine gute Freundschaft kann nur entstehen, wenn jeder den anderen sehr respektiert, eigentlich sogar mehr als sich selbst. Das aber reicht noch nicht aus: Ein Schuss Intimität gehört immer auch dazu!«, behaupte ich nachdrücklich und ernst.
»Du meinst damit, dass man sich immer offen über „alles und jedes“ austauschen kann!«
»Sogar ein wenig mehr!«
»Bedenke«, fügt Roland an, »wenn man Bulle ist, kann man sich die Fälle oder Täter nicht aussuchen. Die kommen, wie sie kommen, und gehen, wohin wir sie bringen. So läuft das bei uns!«
»Die Freunde genauso wenig! Weißt du, Roland! Und genau deshalb bin ich froh, nicht mehr dabei sein zu müssen«, antworte ich ihm erleichtert.
»Dann lass uns noch ein Bierchen schlürfen und morgen geht es mit dem Chinamann weiter. Ist bereits richtig spät geworden!«
»Eher früh! Na denn: Prost!«
»Jo, Prost und Abfahrt!«
22. Mai 2015.
Mein Blick auf die Uhr verrät: Es ist bereits 12.00. Da meldet sich die Türglocke mit ihrem nervigen Vogelgezwitscher, so als würde jemand darauf eingeschlafen sein oder dem Vogel beim Gesang lauschen wollen. Ich öffne, da wird die Tür bereits unbändig aufgedrückt und an mir vorbei rauscht eine schlanke Person mit wallendem, brünettem Haar.
»Ich muss nötig pinkeln, nun mach schon!«, ruft sie ungestüm aus. Bereits im nächsten Augenblick knallt die Klotür hinter der Ungeduld zu.
»Wer ist das denn?«, fragt Roland irritiert.
»Schätze Maria! Sie hat eine Pennälerblase. Plagte sie früher schon immer. Ständig mussten wir anhalten. Schlimm war es, wenn wir mit dem Auto im Stau standen! Hab ich dir häufiger erzählt!«
»Stimmt! Haha!«
»Ihr seht ja sehr verschlafen aus, Jungs. Habe ich euch etwa gestört?«, fragt Maria spöttisch und eindeutig grinsend.
»Hallo Maria! Nett dich wiederzusehen!«
»Der Bulle aus Frankfurt! Bist du schwul geworden oder wieder an so einem Scheißding dran? Finn ist nicht mehr bei eurem Verein, solltest du eigentlich bereits mitbekommen haben!«
»Komm runter, Ex, ist noch früh am Tag. Bleibst du zum Frühstück? Dann können wir zusammen quatschen. Roland würde sich freuen!«, mische ich mich deeskalierend ein, während Roland zustimmend nickt.
Tatsächlich, wie Jim es tags zuvor beschrieben hat, steht meine Ex mit leicht gespreizten Beinen vor uns. Sie ist jetzt Mitte dreißig und trügerisch scheinen die letzten Jahre an ihr spurlos vorbeigegangen zu sein, aber eben nur scheinbar. Tatsächlich bedarf es mittlerweile einiger zeitaufwendiger Nachhilfe
( was sie natürlich nie zugeben würde) . Bezaubernd und gertenschlank dazu wirkt sie jedenfalls immer noch. Augenblicklich umwindet ein leichtes enganliegendes helles Kleid ihre verführerischen 175 cm ( ohne die hohen Absätze ). An Selbstvertrauen hat es ihr bereits während unserer Ehe nicht ermangelt, scheint aber in den letzten Monaten eher zugenommen zu haben. Und mit ihrer Pose rechtfertigt sie bildhaft ihr Verhalten gegenüber Roland und mir. Nicht mehr jungendlich frisch und noch nicht alt, irgendwo dazwischen angesiedelt, und wie sie meint bestens verführerisch positioniert, was zweifellos auch an ihrer augenblicklichen Verbindung mit einem Schönheits-Doktor liegen könnte.
»Du scheinst obenrum etwas zugelegt zu haben? Naja, dein Freund ist ja auch Chirurg!«, kommentiere ich ihre neue Oberweite.
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