Da er seit zehn Jahren als Leichtmatrose fuhr – was einem Auszubildenden im dritten Lehrjahr entsprach -, kam er mit seiner Heuer natürlich nie aus und verschuldete sich von Monat zu Monat immer tiefer. Als wir nach langer Trampfahrt unvermittelt Europa ansteuerten, machte er mit dem Alten einen riskanten Kuhhandel, um von seinen Schulden herunterzukommen. Er kaufte die restlichen 50 Stangen zollfreier Kantinen-Zigaretten auf, um sie in London zu verschieben. Dort aber kam die Schwarze Gang und durchschnüffelte den Dampfer vom Kielschwein bis zur Mastspitze. Seine Eminenz, Oberleichtmatrose Karl, hatte die heiße Ware in der Ladung versteckt. Als sich einer der Zöllner in der fraglichen Luke zu schaffen machte, stand der Leichtmatrose mit einem schweren Schäkel in der Hand neben dem Lukeneinstieg.
„Dem hätte ich den Schäkel mit Schwung auf die Rübe fallen lassen!“, prahlte er später, als die Zollfahnder tatsächlich nur eine Stange Zigaretten im Schornstein gefunden hatten, wofür einer der Reiniger fünf Pfund Strafe – seinerzeit noch runde 50 Mark – berappen musste.
Als in Europa die Drogenszenen allenthalben wie Pilze aus dem Boden schossen, mussten die Zollbeamten langsam umdenken. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da hätte man jedem Zollmops eine Dose Marihuana als Nierentee andrehen können. Doch Rauschgiftschmugglern ging es immer öfter an den Kragen, obwohl in manchen Fahrtgebieten das "Grass" säckeweise spazieren gefahren wurde. Da ich als Funker meistens den Verwaltungskram an Bord erledigte, hatte ich auch stets die Schwarze Gang am Hals. Und die kam beispielsweise in Rotterdam immer während der Mittagspause, wenn man gerade eingelaufen, das Schiff einklariert und die lang vermisste Lebensgefährtin an Bord gekommen war - und man die geheiligte "Viertelstunde" von 1300 bis 1500 Uhr genießen wollte.
Bei einer derartigen unliebsamen Unterbrechung einer kuscheligen Wiedersehensfeier, nachdem ich mit den Herrschaften durch sämtliche Kajüten gezogen war, saß ich anschließend mit den Zöllnern in meiner Kammer, wo sie sich augenzwinkernd an einer meiner beiden Brandy-Buddeln vergingen, durfte ich offiziell doch nur eine zollfreie Flasche haben.
„Hinter derlei Kleinigkeiten sind wir nicht her“, sagten sie und prosteten meiner Frau vergnügt zu. Und sie erzählten von den Freuden und Leiden der Rauschgiftfahndung. Einer, der seine Pfiffigkeit auf die enorme Größe seines Riechkolbens zurückführte, erzählte, wie ihm auf einem Schiff beim Durchsuchen des Mannschaftslogis immer wieder halb im Unterbewusstsein Stiefel aufgefallen waren, die zwischen all dem Arbeitszeug standen. Bis ihm klar wurde, dass sie viel zu neu und unbenutzt aussahen.
„Ich nahm sie auf Verdacht mit“, berichtete er weiter, „und siehe da: im Labor stellte man fest, dass die dicken Profilsohlen aus reinem Haschisch gepresst waren!“
Mitte März 1973 lagen wir im Schiehaven von Rotterdam. Das Schiff, das vor uns an diesem Liegeplatz vertäut gewesen war, hatte unter anderem eine Kiste mit Maschinenteilen gelöscht. Ein angeblicher Fabrikant ging nun zum Lagermeister und überzeugte ihn mit einigen Tausende Gulden davon, dass er die Teile furchtbar dringend benötige und nicht auf die Freigabe durch den Zoll warten könne. Er würde heute Nacht kommen und das Frachtstück abholen.
Der "Schuppen-Viz" nahm das Geld, meldete die Sache jedoch dem Zoll und der Polizei. Es gab dann des Nachts neben unserem Schiff eine dramatische Krimiszene mit Geschrei und Pulverdampf. Die Schüsse gingen glücklicherweise alle daneben, die bösen Buben allerdings in die Falle. Inhalt der Kiste: 2000 Kilogramm Haschisch im damaligen Wert von drei Millionen Gulden.
Auf einem Zossen entdeckte unser Elektriker auf See sechs große Säcke voll Marihuana im Schornstein. Die Schornsteine auf Schiffen sind fast immer begehbar, da sie die eigentlichen Auspuffrohre der Maschinen großzügig umkleiden und ein Stück Schiffs-Design darstellen. Jedenfalls war keinem an Bord die Pascherei nachzuweisen. Nicht auszudenken, was mit dem Dampfer passiert wäre, hätte man die Konterbande im Hafen gefunden! So flog der Stoff kurzerhand über die Kante.
Oft werden Schiffe allerdings auch von den Zollmöpsen gelinkt. So konnte es beispielsweise in Abidjan, an der Elfenbeinküste, passieren, dass die Schwarze Gang zielstrebig auf ein Versteck zuging und Marihuana sicherstellte, angebliche Schmuggelware, die ein Komplize der Zöllner vorher versteckt hatte. Die deftige Zollstrafe verschaffte den korrupten Uniformträgern eine lukrative Nebeneinnahme.
Ebenfalls in Abidjan passierte es mal dem Ersten Steward, dass er beim Zählen der Kantinenwaren in dem engen Schapp eine Lage von zehn Kisten Whisky übersah. Ein böser Fehler, den man nur einmal macht. Aber ein menschliches Versagen, wie es jedem einmal unterläuft. Für die Zollmöpse allerdings war das ein gefundenes Fressen! Zunächst wurde der Whisky – bester "Black Label" – kassiert. Dann avisierte man dem Steward eine Zollstrafe von 20.000 Mark. Der arme Kerl heulte wie ein Schlosshund. Letztendlich aber wurde der goldbraune Schottentrank zurückgebracht und man "ermäßigte" die Zollstrafe gnädig auf 11.000 Mark, eine immer noch mörderische Summe für einen Steward, der nun wirklich nichts mit Schmuggel im Sinn gehabt hatte, was es nämlich auch gegeben haben soll.
Einige Monate lang fuhr ich mit einer Clique lebenslustiger Seelords, die gerne mal einen Joint durchzogen. Meist saßen wir bei Walter, einem Matrosen, kifften den harzigen, beißenden, funkensprühenden Cannabis-Stoff und hörten über seine Quadro-Anlage die fetzigen Salsa-Rhythmen von Santana, heißen Soul, oder die Wahnsinnsmusik von Könnern wie John McLaughlin, Janis Joplin und Chick Corea. Damals waren diese Vierkanal-Musikanlagen groß in Mode.
Es herrschte jener Zeitgeist, da man dem Rauschgiftproblem gegenüber noch lässig-liberale Toleranz aufbrachte, ganz im Sinne verblühender Blumenkinderromantik. Grass, Shit, Banghi, mehr war ja auch nicht. Heroin war noch ein nahezu exotisches Problem, an Bord eines Schiffes sowieso undenkbar. Man schmückte sich mit dem pikanten Ruch, dem aufmüpfigen Schick, auch mal ´n Joint gekifft zu haben, "in" zu sein. Ein dämliches Verhalten, sicherlich. Aber kraftmeierisches Reinkippen der etablierten Droge Alkohol ist nicht weniger kindisch und fragwürdig!
Als überzeugter Nichtraucher fühlte ich mich vor Suchtgefahren weitgehend gefeit, und gelegentliches Mitmachen und Mitalbern bei einer Tüte "Grass", lauter Musik und kichernden Mädchen war ja noch kein Frontalangriff auf meinen widerborstigen Charakter. Schließlich hatte meine Neugierde auch schon "Mairungi", eine Droge der ostafrikanischen Steppenvölker, die sexbesessen machen soll, ohne großartige Wirkung überstanden.
Walter und einige andere Janmaaten hatten schon ein wenig den Hang zum bedingungslosen Weitermachen und gelegentlichen Ausflippen, ach, es war ja so verdammt schick seinerzeit. Idiotisch, das sehe ich inzwischen ein. Und doch hatte ich es einfach aufregend gefunden, 1967 am Strand von Yukatan einen ersten Zug aus einer Marihuanatüte machen zu dürfen. Ich will mich aber jetzt nicht mit Argumenten entschuldigen, die auf so gern ignorierte Einstiegsdrogen hinweisen, ich will vielmehr erzählen, wie niederländische Zollfahnder mit Haschhunden unseren Dampfer durchkämmten. Eines der Tiere hechelte zielsicher auf Walters Kammer zu und gab vor seiner Schreibtischschublade Laut. Walter indes lachte nur, zog die Schublade auf und sagte: „Da hättest du früher kommen müssen, Fiffi! Die Schublade war mal randvoll mit Mary Jane. Haben wir alles auf See längst rein gepfiffen, hahaha!“
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