Die Zöllner waren stocksauer, klar, aber Walter hatte ja auch niemals daran gedacht, das Kraut zu schmuggeln.
Seeleute und Zöllner lieben sich nicht gerade. Meist kommen sie gut miteinander aus, aber es kann schon lästig sein, sich von den neugierigen Kerlen dauernd in seinen privaten Dingen herumwühlen zu lassen. Oder da kommt, wie es mir einmal in Hongkong geschah, eine übereifrige Schwarze Gang von dreißig Zollschülern an Bord gestapft – und zwar sprichwörtlich zunächst durch irgendwelche verdammte Schmierölreste, um diese dann auf dem hellen Teppichboden meiner Kabine zu verteilen. Black Gang und schwarze Hinterlassenschaften!
Da war es einem ein innerer Reichsparteitag, wenn man den Zollmöpsen ein Schnippchen schlagen konnte. Auf einem Schiff oben in Norwegen wurde der Bootsmann, weil er aus Gutmütigkeit die zweite Buddel eines Janmaaten auf seine Kappe nahm, mit eintausend Mark bestraft. Zur gleichen Zeit verdienten Koch und Steward Tausende am Spritschmuggel, und einige unserer Jungs hatten ihre Freundinnen als Komplizinnen auserkoren. Grinsend marschierten sie am misstrauischen Zöllner des kleinen Fjordhafens vorbei. Als die Pärchen hinter dem ersten Schuppen verschwunden waren, machten die Mädchen die Beine breit, wippten vor und zurück, und mit sattem Klang klöterten die Spritbuddeln gegeneinander, die unter den weiten Röcken wie Glockenschwengel hängend die Zollgrenze passiert hatten.
Ein paar andere Seeleute versteckten an einer schwer erreichbaren Stelle im Schiff, an die man durch Staub und Dreck heran robben musste und eine deutliche Spur hinterließ, eine mit Tee gefüllte Whisky-Flasche und einen freundlichen Gruß an eine nette, aber ziemlich lästige britische Zollbeamtin: „Liebe Doris, gratuliere, du hast die Flasche gefunden!“
In manchen Häfen blieb trinkfesten Teerjacken wahrhaftig nichts anderes übrig, als die Zollbehörde zu hintergehen. So durfte zum Beispiel in ehemals britischen Kolonien, wie Tansania oder Kenia, der Seemann nur acht Flaschen Bier deklarieren. Damit sollte er dann vier Tage lang auskommen, bis der Zoll abermals acht Flaschen für weitere vier Tage freigab. „Verfluchter Limy-Style!“ grollte da der Seemann.
Als ich Ende 1966 zwei Monate lang auf dem URAG-Schlepper "Rotesand" in Mombasa, Kenia, lag, brach für die Männer eine Welt zusammen. „Bei der Hitze zwei Flaschen Bier pro Tag!“, stöhnten sie, und starrten verdrossen zur malerischen Kokospalmenküste hinüber. Weil wir aber auf dem kleinen Fahrzeug – der Schlepper war etwas über 30 Meter lang und mit 15 Mann besetzt – für die vielen Bierkisten keine abschließbare Last zur Verfügung hatten, kam uns der rettende Gedanke: Schön genussvoll den Gerstensaft schlürfen, dann aber die Wegwerfflaschen wieder fein säuberlich in den Karton stecken, und den Karton ordentlich unter die vollen Bierkisten stauen!
Alle vier Tage erschien der Zollbeamte, damals noch ein Inder in echt britischen Schlotter-Shorts, zählte die Bierkisten und genehmigte uns das Quantum für die nächsten vier Tage: acht Flaschen mal 15 Mann Besatzung, also 120 Flaschen dividiert durch 24 – machte genau fünf Kisten, wie praktisch!
Das ging natürlich nur so lange gut, bis die letzte Flasche zischend kernigen Piratendurst gelöscht hatte. Danach kam zwar der eifrige Zöllner immer noch alle vier Tage, doch was er zählte, waren längst leergesoffene Bierboxen, und die jeweils freigegebenen fünf Kartons wurden von den Schleppermatrosen mit Leichenbittermiene nach oben getragen. Vorsichtig natürlich, damit die leeren Flaschen nicht so verräterisch hohl klingelten.
Gefährlich und verhasst waren V-Leute, die von der Zollfahndung an Bord geschickt wurden. Diese Mistkerle überredeten dann den einen oder anderen Seemann scheißfreundlich, ihre Stange Zigaretten und ihre Flasche Schnaps zu verkaufen, also das Quantum, das sie offiziell zum eigenen Verbrauch besitzen durften.
Besonders erbitterte es einen, wenn die Vertreter puritanischer und bigotter Staatssysteme, seien sie islamisch-revolutionärer, militärdiktatorischer oder rassistischer Prägung, weltanschauliche und moralische Zensur übten. Da wurden dann dem einen oder anderen ein paar Sexhefte zum Verhängnis. Oder das banale Titelbild einer längst nicht mehr aktuellen Illustrierten machte den Besitzer zum Vertreiber unzüchtiger Schriften. Einem Ingenieur durchschnüffelte einmal die selbstherrliche südafrikanische Schwarze Gang – wie pikant, diese Bezeichnung im damaligen Rassistenstaat! – sogar die Brieftasche und fand ein paar neckische FKK-Fotos seiner Frau. Und schon war er dran wegen illegalen Besitzes von ach so böser, schweinischer, systemzersetzender Pornographie!
Während die "Marlene-S" durch den engen Kanal Richtung Ellesmere tuckerte, suchte die "Black Gang" eifrig, aber ohne Erfolg. In Ellesmere warnte man uns vor Gangstern, die in den englischen Häfen um Liverpool und Manchester Schiffskajüten und Kapitänstresore knackten.
Wir lagen ganze sieben Stunden im Hafen.
Containerfahrt...
Kapitän Edeling wurde abgelöst. Er war bestimmt kein schlechter Kerl, ein von schrulligen Storys überquellender quirliger Typ, der sich vielleicht zu sehr mit der Maloche als Lebensinhalt identifizierte. Ich bin nicht klug aus ihm geworden, oder er nicht aus mir. Wie das Leben aber so spielt, sollten wir uns zwei Jahre später in einem viel ferneren Fahrtgebiet zwischen Ostasien und Neuseeland endlich besser kennen lernen. Damals jedenfalls weinte ihm kaum einer eine Träne nach. Seinem Ablöser, Kapitän Kirchbach, eilte indessen auch nicht der beste Ruf voraus...
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