Seefahrt ist Abschiednehmen und Getrenntsein für viele Monate, ist Verzicht, nicht selten zermürbende Entsagung. Das kann man nicht beschreiben – und man kann sich in hundert Jahren nicht daran gewöhnen. Man muss es einfach erlebt haben, wie Zahnschmerzen, die sich ja auch schlecht mit Worten schildern lassen.
Fünfeinhalb Monate war es nun her, dass ich unser damals achtzehn Monate altes Töchterchen Miriam an mich gedrückt und einfach losgeheult hatte. Von meiner geliebten Frau war es das was weiß ich wievielte Mal des Abschiednehmens gewesen. Von unserem Kind war es das zweite Mal, und es war schmerzhafter gewesen als ich vermutet hatte. Ein Kind verändert sich so rasch, dass man einfach verzweifelt sein muss in der Gewissheit, viele Wochen und Monate dieser Entwicklung zu verpassen.
„Was ist das nur für ein Scheiß-Beruf!“ hatte ich damals innerlich gewütet und mich aufgebäumt gegen etwas, was ich schließlich selber verschuldet und eigentlich gar nicht anders gewollt hatte... Mir waren die Worte eines Kapitäns eingefallen, der mich, entsetzt über die Entfremdung von seiner Familie, gefragt hatte: „Funki, was meinst du, wie mich meine Kinder genannt haben, als ich nach Hause kam? – Onkel Papa!“
Nun aber, in Marseille, stand mir ein ganz anderer Abschied bevor, der Abschied von der "Bernhard-S". Sich von einem Schiff zu verabschieden war schon etwas Merkwürdiges. Da hatte man viele Monate lang eine kleine wackelige Welt mit einem zusammengewürfelten Haufen Männern - und manchmal Frauen - geteilt, und in wenigen Minuten lag das alles hinter einem, war diese Welt vergessen, versunken, da man höchstselten dasselbe Schiff, dieselben Kameraden wiedersehen würde. Oft musterten Besatzungsmitglieder ab, ohne dass man ihnen noch die Hände zum Abschied hatte drücken können. Gestern noch war man Kumpel, hatte man Kameraden, zuweilen Freunde. Und dann trennte man sich, sagte einige belanglose, kernige Worte, tauschte mitunter die Adressen aus und wusste, dass man sich ja doch nie schreiben, sich höchstens zufällig mal irgendwo auf der weiten Welt wiedersehen würde. Und wenn überhaupt, dann wahrscheinlich in irgend so ´ner verruchten Spelunke.
Seeleute sind Vagabunden, Männer ohne Bindungen, selbst eheliche Bande sind locker klimpernde goldene Kettchen... Waren wir wirklich so? Waren wir einsame, eigenbrötlerische, vaterlandlose Gesellen, deren Heimat – so trivial und kitschig sich das anhören mag – doch irgendwie die See und ein Schiff war?
Nicht selten schaute man doch wehmütig zurück, schenkte dem Pott einen letzten Blick, hatte bereits all die miesen Vorkommnisse der Vergangenheit vergeben und vergessen, verbrämte sie bereits zu unvergleichlichen Abenteuern, zu wunderschönen Erlebnissen: ach ja, war schon ´ne schöne Zeit, prima Kumpels, herrliches Fahrtgebiet.
Seeleute sind unverbesserliche Optimisten...
Vom Taxi aus schaute ich mir die "Bernhard-S" noch mal an, winkte ein paar Kameraden zu, zum Teil waren schon neue, unbekannte Gesichter zu sehen. Rolf und Klaus und der Zweite Ingenieur waren längst weg. Da stand Otto noch, der olle Frikadellenschmied, und Martin winkte mit ölverschmierten Händen, Martin, der unverbesserliche Zechbruder... Und dort hastete der Chief mürrisch über Deck...
„Zum Bahnhof!“ sagte ich dem wartenden Taxifahrer in meinem verschnittenen Kaschemmen-Französisch.
Zum Bahnhof... Nach Hause... Zu Weib und Kind, zu all den lang entbehrten Dingen, die das Leben schließlich auch noch zu bieten hatte...
Ende Oktober 1981. Zwölf Wochen Urlaub waren wie im Flug vergangen. Und wieder stand ich vor einem Schiff, der "Marlene-S", an der nächtlichen Pier in Vlissingen, bezahlte zwanzig Gulden für das Taxi vom Bahnhof und schleppte mein Gepäck über die Gangway.
Ich löste denselben Kollegen ab wie seinerzeit auf der "Bernhard-S". Hier, auf der "Marlene-S", hinterließ er mir einen ähnlich unerfreulichen Saustall. Viel ärgerlicher stimmte mich die läppische Begrüßung des Alten, Kapitän Edeling (alle Namen geändert), also auch ein Bekannter von der "Bernhard-S": „Was wollen sie denn hier? Ich dachte, wir fahren wieder ohne Funker!“
M/S 'Marlene-S' (links) passiert M/S 'Bernhard-S'
Die alte Leier: Funker alias Ballast! Wenn die junge Frau des Ersten Offiziers mich nicht in ihre Kajüte gebeten hätte, wäre ich wie ein Trottel vor der Tür des Alten stehen geblieben: bestellt – und nicht abgeholt, irgendwie demütigend. Schon merkwürdig, wie das hier so lief. Da redete man abfällig von Style-Reedereien, aber dort wäre mir dieser arrogante Stumpfsinn erspart geblieben. War ja wirklich toll, dass man sich schließlich um eine Kammer bemühte, wo ich mein Gepäck unterbringen und meinen faulen Arsch zur Ruhe betten durfte! Scheißseefahrt! Scheiß-Job! Scheiße, Scheiße, Scheiße!
Der Abschiedsschmerz von meinen Lieben reichte mir eigentlich. Aber ich gewöhnte mich langsam an den "Wind Of Change", der durch die christliche Seefahrt heulte, die Flaggen renommierter Reedereien zerfetzte und verschwinden ließ, und einer neuen Generation handfester, immer größer werdender Kümo-Onassis voll in die auf Expansion, Erfolg und Profit gebrassten Segel fuhr.
Wir verholten von Vlissingen nach Antwerpen. Das Funksicherheitszeugnis musste erneuert, der Peilempfänger auf der Brücke repariert werden. Im Schiff herrschte die altbekannte Hektik nordeuropäischer Häfen. Am 21. Oktober 1981 gab ich um 1900 Uhr eine TR-Meldung in bestem Funkerkauderwelsch ab: „... qto osa bnd london qru“, was so viel bedeutete wie: „Laufen aus Antwerpen aus Richtung London, habe keinen weiteren Funkverkehr.“
Nach acht Stunden Liegezeit am "Victoria Deepwater Terminal" bei Greenwich, direkt unterm Null-Meridian und in Sichtweite des Tee-Klippers "Cutty Sark", verließen wir London. In Ellesmere bei Liverpool sollten wir weitere Container übernehmen. Die "Marlene-S" hatte Platz für 292 Containereinheiten à 20 Fuß und war an eine britische Linie verchartert, die hauptsächlich das Mittelmeer und den Vorderen Orient bediente.
Blick in die Takelage der 'Cutty Sark' bei Greenwich
Als wir durch die "Eastham-Locks" in den "Manchester-Shipcanal" geschleust wurden, stürmte die "Schwarze Gang" das Schiff. Unter dem Namen "Black Gang" - also Schwarze Gang – versteht man Zollfahnder, schifffahrtsgeschulte Schnüffler auf der Suche nach Schmuggelgut. Die Männer schraubten Verschalungen ab, leuchteten in Winkel und schauten mit Spiegeln, die an langen Stangen befestigt waren, in unerreichbar scheinende Ecken.
Auf meinem ersten Schiff fuhr ein ziemlich rabiater Typ von ewigem Leichtmatrosen, den wir "Seine Eminenz, Oberleichtmatrose Karl" nannten. Er hatte seine Eltern bei den Luftangriffen auf Hamburg verloren und war als Heimkind zur Seefahrt gekommen, wo er mehr oder weniger am Abgrund zur Kriminalität entlang balancierte. Einmal beendete er einen besoffenen Disput mit einem älteren Matrosen auf seine Art: Zunächst ließ er den volltrunkenen Seemann in die Koje torkeln, schlich sich hinter ihm her, zerdepperte eine Spritbuddel auf seinem Kopf, so dass er blutüberströmt in den Scherben lag, schloss die Kammertür ab und warf den Schlüssel über Bord. Hierauf setzte er sich seelenruhig wieder zwischen die zechenden Janmaaten und Heizer.
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