Irgendwie hatte ich im Laufe des Vormittags tatsächlich den Weg ins Bett gefunden. Obwohl die Bettwäsche steif war und nicht nur fremd, sondern geradezu steril roch, musste ich zugeben, dass sich die Matratze angenehm weich anfühlte. Sie schien sich meinem Körper anzupassen und ich versank zwischen den Kissen wie in einer tröstlichen Umarmung. Der Schlafentzug der letzten Tage und Wochen machte sich bemerkbar, sodass ich bald alles um mich herum vergaß.
Ich bekam nicht einmal mit, wie sich zur Mittagszeit der Schlüssel im Türschloss drehte. Erst als jemand mit klackernden Absätzen durch das Zimmer lief, wachte ich auf. Vorsichtig spickte ich unter der dicken Decke hervor und sah wie ein Mädchen, das kaum älter als ich sein konnte, ein Tablett mit einem dampfenden Teller auf dem Schreibtisch abstellte. Sie hatte etwas typisch Irisches mit ihrem roten Haar, der blassen Haut und der leichten Spur von Sommersprossen auf ihrer Nase, die sie jedoch mit Make-up zu verbergen versuchte. Auch ihre Haarfarbe war nicht ganz natürlich, dafür war das Rot eine Spur zu dunkel. Sie trug eine weiße Seidenbluse, die sie ordentlich in einen schwarzen Glockenrock gesteckt hatte. Dazu schwarze Pumps mit hohen Absätzen, die bei jedem Schritt ein leises Klacken von sich gaben. Sie strahlte eine kühle Eleganz aus und passte perfekt in das schwarz-weiße Bild der Villa, als gehörte sie selbst zur Einrichtung.
„So eine Sauerei“, murmelte sie naserümpfend, als sie den Blick über das Bett gleiten ließ. Als sich unsere Augen begegneten, zuckte sie für einen kurzen Moment zusammen. „Du bist wach“, stellte sie fest.
Da es nicht länger Sinn machte sich vor ihr zu verstecken, richtete ich mich im Bett auf und sah, was sie mit ihrem Kommentar gemeint hatte. Die weiße Bettwäsche war von schwarzen, grauen und braunen Flecken übersät, die meine schmutzige Kleidung hinterlassen haben musste. Auf dem penibel sauberen Fußboden vor dem Bett lagen meine schlammverkrusteten Schuhe. Doch die Sauerei tat mir nicht im Geringsten leid. Herausfordernd reckte ich ihr mein Kinn entgegen: „Sieht wohl so aus.“
„Dein Bett kannst du aber selbst neu beziehen“, fauchte das fremde Mädchen schnippisch und warf mir einen Packen saubere Bettwäsche zu. Ich entdeckte auf dem Schreibtisch neben dem Tablett mit dem Essen auch einen Stapel Kleidung, natürlich ebenfalls in schwarz und weiß.
„Mir gefällt es eigentlich ganz gut so“, behauptete ich dreist. „Aber sollte es nicht eigentlich dein Job sein als Dienstmädchen?“
Sie erstarrte in ihrer Bewegung und funkelte mich an, als wolle sie mir jeden Moment an den Hals springen und mir die Augen auskratzen. Stattdessen löste sie sich jedoch in Luft auf, um nur den Bruchteil einer Sekunde später direkt vor meinem Bett aufzutauchen. Ihr Gesicht war meinem bedrohlich nahe und sie sagte gedehnt, wobei sie jedes Wort einzeln betonte: „Ich bin kein Dienstmädchen!“
Also eine Schattenwandlerin. Ihre Augen waren von einem warmen Braunton, der gar nicht zu ihrem kühlen Auftreten passte. Sie zog sich von mir zurück und um ihr nicht unterlegen zu sein, schwang ich meine Beine aus dem Bett und stand auf. „Wer bist du dann?“
„Ich bin Faye“, antwortete sie, ohne jedes Lächeln oder auch nur den Versuch mir ihre Hand zu reichen.
„Mein Name…“, setzte ich an, doch sie unterbrach mich unfreundlich: „Ich weiß wer du bist. Charles hat mich beauftragt, in den nächsten Tagen ein Auge auf dich zu haben.“
Mir gefiel nicht wie sie mit mir sprach. Sie kannte mich nicht einmal und schien direkt etwas gegen mich zu haben. „Das wird sicher schwer werden, nachdem sie mich hier eingeschlossen haben.“
Sie ließ ihren Blick durch das geräumige Zimmer wandern und gab ein abfälliges Schnauben von sich. „Es könnte dich schlimmer treffen.“
„Wo ist Rhona?“, wechselte ich das Thema.
„Sie hat zu tun“, entgegnete Faye und ging in Richtung Tür.
„Ich will mit ihr sprechen. Sie ist mir eine Erklärung schuldig.“
„Pech gehabt.“ Sie zuckte nur mit den Schultern, während sich ein schadenfrohes Lächeln über ihre dunkelrot geschminkten Lippen zog. Sie deutete mit dem Kopf auf den Schreibtisch. „Wenn ich du wäre, würde ich die Suppe essen bevor sie kalt ist. Danach kannst du ein Bad nehmen und dich umziehen. Du siehst ehrlich gesagt erbärmlich aus.“
Sie schien jedes herablassende Wort zu genießen. Ich hätte ihr zu gern die dampfende Suppe über den Kopf gekippt, aber mein Hunger war stärker und so biss ich die Zähne aufeinander und wartete darauf, dass diese hochnäsige Ziege wieder das Zimmer verließ. Kaum, dass sie gegangen war, stürzte ich mich auf den Teller und löffelte gierig den Inhalt in mich hinein. Es war Kartoffelsuppe, dazu gab es zwei Scheiben helles Brot und eine Tasse mit Kräutertee. Es war lecker, aber das Brot ließ mich erneut an meine Mutter, nein Susan, denken. Sie backte mindestens einmal im Monat selbst Brot. Danach duftete es bis zu den alten Burgruinen nach dem weichen Teig. Es gab nichts Besseres als eine noch warme Scheibe von ihrem Waldnussbrot mit schmelzender Butter.
Die Dunkelheit lag über Slade’s Castle wie ein dunkler Vorhang, während die winterliche Kälte meine Wangen brennen ließ und in meiner Nase kitzelte. Nur am Horizont war bereits ein heller Lichtstreifen zu erkennen. Ich schloss meinen Mantel etwas fester um mich, als ich mich an die Bushaltestelle stellte und zitternd von einem Fuß auf den anderen trat.
Es war nun etwas mehr als eine Woche her, dass Eliza aus meinem Leben gerissen worden war. Der Arzt hatte mich krankgeschrieben, auch wenn er nicht wusste, was mir tatsächlich fehlte, sodass ich mich in meinem Bett hatte verkriechen können. Dairine hatte mich öfters angerufen und Lucas war sogar einmal vorbeigekommen, um nach mir zu sehen. Er hatte mir einen gelben Blumenstrauß mitgebracht, dabei müsste er doch eigentlich am besten wissen, dass ein paar Blumen mich nicht aufheitern würden. Ihn zu sehen hatte auf der einen Seite wehgetan, aber sich gleichzeitig auch tröstlich angefühlt. Auch wenn er nicht von Eliza sprach, stand in sein Gesicht geschrieben, wie sehr er sie ebenfalls vermisste. Unter seinen Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet, was von zu wenig Schlaf zeugte. Dazu konnte er mich kaum ansehen. Er ließ seinen Blick überall durch das Zimmer wandern und schien sich unwohl zu fühlen. Alles in unserem Haus erinnerte ihn an sie, mich eingeschlossen.
Lucas und sein jüngerer Bruder Toby kamen erst angerannt, als der Schulbus bereits vor der Haltestelle hielt. Ich bat den Fahrer kurz zu warten und deutete auf die beiden rennenden Jungen. Während sich Toby schnell an mir vorbei drängte, um sich einen Platz in der letzten Reihe zu sichern, schenkte mir Lucas ein verlegenes Lächeln und nahm mit mir weiter vorne Platz.
Seitdem ich denken konnte, saßen wir im Bus nebeneinander. Selbst als Eliza noch dagewesen war, hatte sie oft keinen Wert darauf gelegt bei uns zu sitzen, sondern immer wieder ihren Platz gewechselt, wenn sie nicht gerade die Schule schwänzte.
Der Bus setzte sich in Bewegung und Lucas zog aus seiner Tasche ein Buch: Sicher durch die Abschlussprüfung . Ein kurzes Lächeln huschte über meine Mundwinkel. Ausgerechnet er, der alles mit links schaffen würde, schien jede Minute zu büffeln. Gleichzeitig drängte sich mir der Gedanke auf, dass er das Buch vielleicht nur als Vorwand benutzte, damit ich ihn nicht in ein Gespräch verwickelte. Vorsichtig musterte ich sein Gesicht. Die dunklen Ringe waren immer noch da und er machte generell einen unglücklichen Eindruck. Ihm fehlten der Glanz und die Zuversicht, die er sonst ausgestrahlt hatte. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst.
Ungeachtet des aufgeschlagenen Buches, stupste ich ihn leicht an. „Wie geht es dir?“, fragte ich vertraulich, als ich mich näher zu ihm beugte.
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