"Darum kann man nicht sagen, Eisen schwimmt. Man kann auch nicht sagen, Eisen schwimmt nicht. Man muss sagen, je nach der Form wird es sich im Wasser verhalten." Der Vater legte dem Sohn begütigend die Hand auf die Schulter. "Was du dem Neblich geantwortet hast, war goldrichtig. Aber du musst nicht immerzu widersprechen. Sonst machst du ihn krötig, und dann hast du Schwierigkeiten. Den Neblich krempelst du nicht um, aber ich hoffe, später manchen Kollegen. Denn die leben ein schlechtes Leben und wollen ein besseres haben. Neblich lebt ein Gutes, und das teilt er nicht gern mit unsresgleichen."
Der Wortstreit Arturs mit Neblich war das Vorspiel zu einer härteren Auseinandersetzung. Artur ahnte es noch nicht, als er, scheinbar lesend, aber innerlich erregt, zuhörte, wie der alte Borbach, Vater und Grundewski in Beckers Wohnung wieder einmal aneinandergerieten. "Der Munitionsarbeiterstreik hat sie in Schrecken gejagt", triumphierte Walter Becker.
Dieser Ton gefiel Grundewski nicht. "Na ja, mal lernen auch die Regierungsdickschädel Einsicht."
"Einsicht?" Borbach spie Gift und Galle. "Mal spüren auch die hohen Herrschaften, dass das Volk genug hat von Kohlrübenmarmelade und Gefallenenanzeigen ..."
"... von Unterernährung und Durchhaltegeschrei", stieß Walter Becker nach. "Deshalb haben sie jetzt kleine Zugeständnisse gemacht, wie diese 'Freiheit der Religionsausübung'."
"Nun habt ihr sie und seid auch nicht zufrieden", ereiferte sich Grundewski.
"Sie rechnen damit, dass keiner den Mut hat, seine Blagen vom Religionsunterricht abzumelden", knurrte Borbach.
"Eben", pflichtete Walter Becker bei, "bloß, dass sie sich bei mir verrechnet haben. Meine drei werden abgemeldet. Schade, dass der Eugen kein Schulrabe mehr ist, dann wären es gleich vier."
"Willst du deine Kinder noch mehr schikanieren lassen?", fragte Grundewski. "Wo sie ohnehin schon darunter leiden müssen, dass ihr Vater ein Roter ist."
Vater Becker prahlte ein wenig. "Meine lernen trotz Schikane. So werden sie gleich trainiert für den Klassenkampf."
"Immer deine Phrasen", ärgerte sich Grundewski. "Der Religionsunterricht hat nicht verhindert, dass ich Sozialdemokrat geworden bin. Warum sollte es bei unsern Kindern anders sein?"
Walter Becker erregte sich. "Wozu Kampf und Opfer, wenn wir dann ihre Zugeständnisse nicht ausnützen? Heißt's nicht im Programm der Sozialdemokratie: Religion ist Privatsache? Hat sie der Gegner bis jetzt nicht immer zur Staatssache gemacht? Wenn wir Sozialdemokraten unser eigenes Programm nicht ernst nehmen, was willst du dann von den parteilosen Arbeitern erwarten?"
Grundewski winkte ab. "Du bist kein Sozialdemokrat mehr, bist doch Spartakist."
"Das wird er noch werden", sagte Borbach mit einem Zwinkern zu Walter Becker hin.
Grundewski schlug sich auf die Schenkel, die längst nicht mehr so stramm die Hosen füllten wie vor dem Krieg. "Jawoll, mit deiner und Gottes Hilfe!"
"Und wir beide machen dann aus dir einen", erwiderte Borbach und fuhr fort: "Nicht, um dir zum Munde zu reden, bin ich auch dagegen abzumelden. Entweder man erzieht seine Kinder richtig, oder man ist kein guter Prolet. Und dann sind sie in der Religionsstunde wie Sauerteig."
Borbachs Taktik würde taugen, wenn alle Arbeiterkinder wären wie Artur, dachte Walter Becker. Doch nur die wenigsten haben den Mumm, einem Neblich zuzusetzen, dass der Vater aus besserer Einsicht bremsen muss. Deshalb warf er Borbach Engstirnigkeit vor. "Du sprichst von den Kindern, als wären es erwachsene Proleten."
Artur hatte mäuschenstill zugehört. Der Vater gab ihm einen Wink, und Artur verschwand in die Kammer. Er hörte die Drei noch lange reden, und sie wurden sich nicht einig.
Der Vater blieb bei seiner Auffassung. Am anderen Morgen gab er Artur einen Brief an Rektor Kunz mit, des Inhalts, dass seine Kinder Jenny, Hedwig und Artur hiermit vom Religionsunterricht abgemeldet seien.
Noch zwei Klassenkameraden Arturs hatten ähnliche Schreiben abgegeben: Die drei Briefe ließ Kunz von einem Schüler der Oberklasse zu Neblich in die Religionsstunde bringen. Er las sie, und scheinbar gelassen legte er die inhaltsschweren Papiere ins Klassenbuch, sah die Drei an und sagte vielsagend: "Soso."
Neblich wusste, wie gern Artur seine Geschichten hörte, deshalb nahm er ihn zuerst aufs Korn. "Möchtest du denn selbst vom Lernen der Lehre Gottes befreit sein?"
Mit belegter Stimme antwortete Artur: "Ja." Um die interessanten Stunden war es ihm leid; aber Vater hatte alles noch einmal mit ihm besprochen.
Den beiden Kameraden Arturs stellte Neblich die gleiche Frage. Artur bangte innerlich: Hoffentlich blamiert uns keiner. Sie antworteten ebenfalls mit ja. "Nun gut, ihr drei stellt euch an die Wand", entschied Neblich. "Ihr habt die Missachtung Gottes selbst erwählt, jetzt mögt ihr sie auskosten."
Eine peinliche Stille war im Klassenzimmer. Keiner der Mitschüler sah zu den Dreien hin. Dann las Neblich mit dramatischem Schwung die Geschichte vom Judas, der Jesum Christum für dreißig Silberlinge verriet. Anschließend entwickelte er ein Frage- und Antwortspiel. Alois witterte Morgenluft. Er ermunterte seine Anhänger, die, mit hämischen Seitenblicken auf die drei Abtrünnigen, Neblich die von ihm suggerierten Antworten lieferten. Einmal ließ sich Artur hinreißen und rief: "Judas hat es für Geld gemacht, aber ich kriege keinen Pfennig für die Abmeldung vom Religionsunterricht!"
"Wir sprechen von Judas", betonte Neblich eisig, "nicht von dir. Ich verbiete dir als Gottlosem, an unserm Gespräch teilzunehmen."
Walter Becker sprach mit den Vätern der beiden Leidensgenossen. In einem gemeinsamen Brief an Kunz schrieben sie, dass ihre Jungen an den Tagen mit Religionsunterricht um diese Stunde später kommen würden, da nirgends in der Verordnung gesagt sei, dass Dissidenten mit Eckestehen bestraft werden dürften. Nach wochenlangem Tauziehen, in welcher Zeit die drei Jungen immer um eine Stunde später kamen, entschied die vorgesetzte Schulbehörde: Nichtteilnahme sei keinesfalls als Recht zum Fernbleiben von der Schule auszulegen, jedoch dürften die Dissidentenkinder nicht für eine Entscheidung ihrer Eltern bestraft werden.
Ein Kompromiss, für Neblich eine Niederlage. Keinen Gottlosen durfte er mehr an die Wand stellen. Dafür benutzte er den Religionsunterricht zu ständigen Sticheleien gegen die drei Einsamen.
Vater und Sohn ließen nicht locker. Sie schrieben eine Liste aller Klassenkameraden Arturs und überlegten bei jedem, welche Chancen beständen, ihn für die Dissidentenschaft zu gewinnen. Manche Eltern, ging es Walter Becker dabei durch den Kopf, fürchten sich wohl nur davor, einen formgerechten Antrag zu schreiben. Man müsse sich maschinengeschriebene verschaffen, unter die sie nur noch ihre Namen zu setzen brauchten.
Am nächsten Tag brachte der Vater zwanzig der praktischen Zettel. Gleich mit dem ersten hatte Artur Erfolg bei Bruno. Der sagte: "Neblichs ganze Religion sei Mumpitz. Wenn er sich danach richten würde, erklärte Bruno lästernd, dann wäre er schon längst verreckt. Er hätte schon überlegt, ob er sich nicht selbst einen Antrag schreiben solle, aber Neblich kenne seine Klaue zu gut. Seine Mutter könne nicht viel mehr als ihren Namen schreiben, da sei so etwas vorgeschriebenes gerade das Richtige. Mit der Drohung, nichts Nahrhaftes mehr heranzuschaffen, ertrotzte er ihre Unterschrift und gab den Zettel ohne Umschlag bei Rektor Kunz ab. Freudestrahlend berichtete er es Artur. Dem war nicht sehr wohl dabei. Bruno hatte nicht aus Gesinnung gehandelt, sondern aus weit weniger edlen Gründen. Was war da zu tun? Vorerst ging es darum, die Zahl der Dissidenten zu verstärken. Es war ein magerer Trost für Artur, dass die meisten "Gotteskinder" keineswegs aus echter frommer Gesinnung beim Religionsunterricht blieben. Das Wort "Nackenschläge" hörte man nicht selten gerade bei den Frauen, deren Männer eingezogen waren.
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