„Und bekamt Ihr das Schiff in einen Hafen?" fragte ein Anderer.
„Ich glaube nicht, daß wir's so lange ausgehalten hätten," sagte der Alte leise. „Zwei wurden uns noch während der Arbeit über Bord gewaschen, denn da uns die Schanzkleidung vorn von Bord geschlagen war, kamen die Wellen herüber, wie's ihnen gerade gefiel, und zwei Andere wurden krank, fingen an zu phantasiren und mußten in's Logis gebracht werden. Einer kam wieder herauf und sprang über Bord, der Andere lag ohne Besinnung, bis uns am neunten Tage ein Schiff, eine englische Barke, traf und anlief. Wir hatten auch nichts mehr zu versäumen, denn kaum an Bord des Engländers und noch selbst in Sicht vom Wrack, das jetzt langsam füllte, sank es weg."
„Ach was!" laßt den traurigen Salm, wenn draußen der Sturm ebenfalls an die Planken pocht!" rief der Rhode-Islander da ärgerlich. „Das ist eine Geschichte, die uns alle Tage selber passiren kann, weshalb sich die Wache damit ver-/130/derben. - Wenn Euch das Schiff gesunken wäre, hättet Ihr Euch immer noch mit Schwimmen Tage lang oben halten können, und der Engländer hätte Euch doch gefunden."
„Schwimmen, hier in See?" sagte der Alte kopfschüttelnd ; „ja, wenn Fische und Vögel nicht wären! Wer hier über Bord geht, dem wäre besser, daß er gar nicht schwimmen könnte; er sparte lange Qual und Todesangst."
„Und das sagt Ihr mir?" lachte Rhode Island, „mir, der sich erst auf der vorigen Reise mit Schwimmen gerade am Leben erhalten hat? Bah, Kamerad, das ist der Alteweiberspruch an Bord vieler Schiffe, daß ein Matrose eigentlich nie sollte schwimmen können, um nicht so schwer zu sterben. Ich habe mich aber schon volle vierundzwanzig Stunden über Wasser gehalten, als wir vor New-York mit dem Schiff Nachts zusammenstießen, und bin dann doch noch von einem französischen Schiff aufgelesen worden. - Wo wär' ich jetzt, wenn ich nicht schwimmen könnte, heh?"
„Vielleicht besser aufgehoben," sagte der Alte trocken; „wir sind Alle noch nicht im Hafen!"
„Hahahaha," lachte Rhode Island, „die alte Krähe will weissagen. Aber ich erzähle Euch einen Spaß, Kameraden, den ich an Bord des Franzosen hatte, kaum vier Wochen später, nachdem sie mich aufgefischt, und wenn ich nicht schwimmen konnte und es ihnen vorher bewiesen hätte, wäre es mir damals schlecht gegangen, obgleich ich mit keinem Fuß in's Wasser kam."
„Unsinn, Rhode Island!" riefen ein paar der Kameraden, „Du willst uns wieder eine von Deinen Rhode Island-Geschichten erzählen; aber nur zu; veer away und laß es uns haben, mein Junge, verlange nur nicht, daß wir's glauben."
„Glauben? Der Teufel dank's Euch!" rief der junge Bursche; „was für andere Beweise wollt Ihr, als wie eines Mannes Wort? Ich könnte Euch übrigens die ganze Mannschaft zu Zeugen bringen, wenn ich sie eben hier hätte."
„So komm einmal flott, zum Henker!" rief ein Anderer; „unsere Wache ist bald aus, und wir wollen die Geschichte hören."
„Nun, sie ist einfach genug," sagte Rhode Island. „Na¬/131/türlich wurde ich an Bord von den Franzosen gleich einer Wache zugetheilt, zu der ich von da an, so lange ich an Bord war, gehörte, und wir liefen damals nach Rio hinunter. Unter der Linie nun, bei Windstille und blauem Himmel, ließ unser Alter das Schiff auswendig malen, und ich saß hinten allein auf dem Gerüst am Heck, gerade unter einer offenen Luke, die in die Vorrathskammer führte. Nebenbei muß ich Euch sagen, daß wir nicht einen Tropfen Spirituosen an Bord bekamen, weder Brandy noch Whisky, nicht für Liebe noch für Geld, nur solch verdammt saures Zeug, Claret glaube ich nannten sie's, das sie aus Blechbechern soffen und das mir jedesmal Leibschneiden machte. Aus dem Vorrathsspintge heraus roch es aber unmenschlich gut nach ächtem Cognac, von dem der Alte wohl genug an Bord haben mochte, und mich plagt der Henker, daß ich, wie ich an Deck oben gerade Niemand gehen höre, von der Stelling ab und in die Luke hinein krieche. In dem großen schwarzen Farbeneimer, den ich draußen bei mir hatte, konnte ich recht gut ein paar Flaschen unterbringen, die nachher schon aus dem Weg zu schaffen waren.
„Die Sache ging auch ganz vortrefflich; gleich in der nächsten Ecke stand eine offene Kiste mit der deutlichen Aufschrift Cognac. Ich hatte aus dieser schon zwei Flaschen in mein Hemd vorn geschoben und noch eine andere Flasche mit Pickles aufgepackt, und war eben wieder im Begriff auf die Stelling draußen zurückzukehren, als ich den Ruf „Mann über Bord" oben an Deck und Stimmen höre, die gerade da, wo ich wieder zu Tage mußte, laut über Bord sprachen. Einen ordentlichen Schlag gab's mir in die Kniekehlen und ich wußte im ersten Augenblick wahrhaftig nicht was ich thun, ob ich mich verstecken oder auf Gnade und Ungnade ergeben solle. Vielleicht zog aber gerade der über Bord Gefallene die Aufmerksamkeit der Mannschaft von mir ab, und ich konnte noch unbemerkt, unvermißt meinen Platz wieder einnehmen.
„Wie ich aber nur den Kopf an die offene Luke brachte, hörte ich auch schon zu meinem Schrecken, daß ich selber mit dem über Bord Gefallenen gemeint sei, und gerade aus höchst /132/ unzeitiger Menschenliebe ein Boot niedergelassen wurde, um mich zu suchen. Hinten auf der Railing aber, am Besanbaum. stand der Capitain mit dem Steuermann und wunderten sich, daß ich so rasch aus Sicht gekommen wäre, wobei sie einem Haifisch die einzige mögliche Schuld beimaßen.
„An ein unbemerkt Wiederherauskommen war gar nicht zu denken, eine Entschuldigung, weshalb ich in die Kammer hineingeklettert sein könne, ließ sich auch nicht erfinden - der wirkliche Grund lag zu klar auf der Hand, und selbst bei dem Ueberlegen verfloß so viel Zeit, daß mir zuletzt gar nichts weiter übrig blieb, als mich versteckt zu halten und abzuwarten, wie das Ganze enden würde.
„Wir liefen indessen bei einer ganz schwachen Südost-Brise, mit allen Segeln gesetzt, etwa drei Meilen die Wache dicht am Winde, und ich konnte deutlich hören, wie an Deck backgebraßt wurde, um das ausgeschickte Boot zu erwarten, das nach etwa einer halben Stunde, natürlich unverrichteter Sache, wieder zurückkehrte. Meine Lage war dadurch nur verschlimmert, und einzelne Pläne, mich krank oder ohnmächtig zu stellen, oder nach vorn durchzubrechen und lieber die Strafe für Einschlafen im Logis auszuhalten, verwarf ich alle theils als unausführbar, theils weil ich damit die ganze Geschichte am Ende nur verschlimmert hätte.
„Jetzt kam das Boot wieder langseit, die Blöcke wurden eingehakt, oben an Deck zog es die Mannschaft unter seine Krahnen. Bei der Bewegung des Schiffes und der Stellung des Steuerruders, das ich von der Luke aus genau beobachten konnte, fand ich aber, daß wir den alten Cours wieder aufgenommen hatten, bis nach etwa einer halben Stunde der Befehl zum Wenden gegeben wurde und die Duchesse, wie das Fahrzeug hieß, über Stag ging 11, um das, was sie in Ost verloren, in West wieder aufzuholen. Hol's der Henker, ich saß indessen auf der Cognackiste und zerbrach mir den /133/ Kopf, wie ich aus der ganz verzweifelten Lage herauskäme und der Strafe entginge, bis mir auf einmal ein kostbarer Gedanke kam, den ich auch, kurz gefaßt, augenblicklich ausführte.
„Die Sonne war indessen dem Untergange nahe, und wie ich vier Glasen 12an Deck schlagen hörte und nun wußte, daß die Leute zum Schaffen 13gingen und nicht gerade über Bord gucken würden, kletterte ich aus meiner Luke heraus, wobei ich die Flaschen natürlich zurücklassen mußte, lief auf dem Leistenbrett mit Hülfe der Rüsteisen bis vorn an den Starbordbug, ließ mich in Lee leise in's Wasser gleiten, schwamm eine fünf oder sechs Strich vom Schiff ab und schrie nun mein „Hallo - hallo the ship!" so laut und lustig in die Welt hinein, daß der Mann am Rad erschreckt mit dem Ruder aufkam, das Schiff glücklich durch den Wind gehen ließ, daß alle Segel gegen die Masten schlugen, und die Duchesse natürlich baumfest auf dem Wasser lag.
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