Die Leute am Land haben überhaupt gewöhnlich einen ganz falschen Begriff von dem Leben an Bord eines Schiffes in offener See und bei schwerem Wetter. Nicht selten hört man da sagen, wenn es weht und stürmt: „Oh die armen Menschen auf der See - wie weh und ängstlich ihnen jetzt zu Muthe sein muß - wie sie jetzt in ihrer Angst zu Gott beten und den Mast mit ihren Armen umfassen - krampfhaft, um nicht fortgeweht zu werden!" Weit gefehlt! Auf offener See und mit keiner Küste in Lee, von der sie abarbeiten müssen, um nicht auf den Strand gesetzt zu werden, nur mit dem regelmäßigen Seegang gegen sich und mit dem Winde, wenn der auch beide Backen voll genommen, giebt es kaum eine bessere und gemüthlichere Zeit an Bord eines Schiffes /126/ für den Matrosen, als gerade bei solchem Wetter. Sobald die leichten Segel nur erst einmal festgemacht, die anderen nöthigen dicht gereeft, ebenso alle Luken ordentlich dicht sind, und Alles an Bord, was von überkommenden Seen fortgewaschen werden könnte, wohl und sicher befestigt ist, beginnt für den Matrosen, der sonst über Tag keinen Augenblick unbeschäftigt bleibt, die freie Zeit.
Mit dem breiten „Süd-Wester" auf dem Kopf, in wasserdichten, geölten Jacken und Hosen, sitzen die Leute dann, wer nicht gerade seine Zeit am Steuerruder abzustehen hat, unbelästigt von irgend einem Ruf der Officiere, in Lee vom großen Boot, das ihnen Schutz gegen den Wind giebt, dicht geschaart beisammen, und haben sie nur Tabak zum Kauen, dessen Mangel ihnen allein vielleicht die Laune verderben könnte, so wird erzählt und gelacht, und der Sturm mag indessen wehen nach Herzenslust. Sie können auch nichts dagegen thun, als die Zeit abwarten, in der es einmal zu wehen aufhört; das Schiff liegt indessen dicht am Winde und reitet, wenn nur richtig von dem Steuerruder geführt, schon selber die Wogen.
So hier an Bord der tüchtigen kleinen amerikanischen Brig Susannah, die mit dem scharfen Bug keck gegen die drohenden, bäumenden Wogen anschnitt. So tief sie auch oft in die krystallenen Massen einschlug - wenn sich ein weiter Abgrund vor ihr öffnete, daß es aussah, als ob der nächste anstürmende Berg sie unter seiner Wucht begraben müsse - hob sie sich doch immer wieder kampfgerüstet zur rechten Zeit und schlug mit dem kecken Frauenbild, dessen Namen sie trug und das ihre Gallion zierte, rasch an gegen den auf sie geführten Wurf. Wenn ihr die klare Fluth dann in Strömen von der Stirn troff und die Woge, die ihren Untergang gesucht, sie selber auf den Nacken heben mußte, schaute sie keck und zuversichtlich hinaus über das rollende Heer um sich her, und fuhr dann wieder nieder, wie zum Sprung, der nächsten zu begegnen.
„'s ist doch ein wackeres Seeboot," sagte der Eine der Wache, die sich in Lee vom großen Boot zusammengefunden hatte und zwischen ein paar dort wohlbefestigten und Schutz /127/ nach vor und aft gewährenden Wasserfässern den Sturm eben austoben ließ, „und dicht und drall wie keins. Verdammt will ich sein, wenn noch ein anderes Schiff mit uns hier herumreitet, das bei so schwerem Wetter so wenig Wasser macht. - In zehn Minuten Abends pumpen wir sie frei!"
Es war ein junger Bursche von vielleicht zweiundzwanzig Jahren mit vollem lockigen Haar, das der Süd-Wester kaum decken konnte, und freien offenen Zügen; ein Rhode Island-Mann, wie er denn auch von seinen Kameraden nach dem Staate, dem er angehörte, statt seines eigentlichen Namens James, Rhode Island gerufen wurde.
„Gott sei Dank!" sagte einer seiner Kameraden, ein alter weiter- und sonnverbrannter „Theer" mit schneeweißem Haar, eben solchen Augenbrauen und knochigen zähen Gliedern - „Gott sei Dank, mein Junge, und nicht „verdammt", denn nur wer erst einmal Tage und Nächte lang in solcher See an den Pumpstöcken gelegen und für sein Leben gearbeitet hat, während sich der Tod da drunten heimlich durch alle Poren des Schiffs sog, der weiß, was es für ein Segen ist, ein dichtes, gutes Schiff unter sich und keine Küste in Lee zu haben. Ich werde an die See hier denken und würde ich tausend Jahre alt; denn hier ist mir das Haar in einer Woche so weiß geworden, wie ich's jetzt noch trage. Ja in einer Wache könnt' ich sagen, und gebe Gott, daß ich ihm nicht wieder begegne die paar Jahre, die ich überhaupt noch zu fahren habe."
„Wurdet Ihr leck hier am Cap, Mate?" fragte ein Dritter, der bis jetzt auf einer Nothspiere zusammengekauert gesessen und dem Gespräch der Uebrigen zugehört hatte, ohne viel dreinzureden. „Segne meine Seele, Kamerad, ich wollte auch lieber die ganze Nacht Segel reefen und über Stag gehen, ehe ich nur die Hälfte der Zeit an dem verwünschten Pumpgeschirr hinge; Gott bewahre einen ehrlichen Matrosen vor der Arbeit!"
„Auf welchem Schiff war's, Tommy?" fragte Rhode Island.
„Auf der Buckeye Belle, Jungens," sagte der Alte, sein Priemchen im Munde drehend, „und ein so wackeres Schiff /128/ war's Euch, wie nur je eins Furchen durch Salzwasser gezogen. Vor dem Wind oder bei dem Wind, es blieb sich gleich, sie lief ihre zehn und elf Knoten mit nur halbwegs Brise, und lag Euch mit fünf Strichen im Wind, daß es eine Lust und Freude war. Was uns auch zu windwärts aufkam, mußte nach Lee zu; wir segelten Alles todt und hatten eine Prachtreise schon von Boston nach Rio gemacht, in dreißig Tagen, glaube ich, oder einunddreißig. Von Rio aus wollten wir nachher das Cap doubliren. Bei den Falklands-Inseln aber erwischte uns ein Pampero, der uns vor Top und Takel an den verwünschten Inseln vorbei, über irgend ein verborgenes Riff oder eine heimliche Klippe fortjagte, und wenn wir auch nicht gerade hängen blieben, bekam das Schiff doch einen Knacks und machte Wasser.
„Der Steuermann, ein alter tüchtiger Seemann, wollte nun zwar wieder umkehren und nach Rio einlaufen, um dort zu repariren, denn es war Winterszeit wie jetzt, und mit dem Cap ist manchmal nicht zu spaßen. Der Capitain aber hatte seinen Sinn dick- und starrköpfig darauf gesetzt, die schnellste Reise nach Californien zu machen, und wenn der Leck nicht ärger wurde, konnten wir's auch recht gut, mit ein paar Mal Pumpen den Tag über in den einzelnen Wachen, zwingen. Nicht weit von Staten Island kamen wir in ein schweres Wetter; eine See stand da, wie wir sie hier noch nicht einmal gehabt haben; von Segeleinnehmen war der Alte auch gerade kein Freund, und so jagte uns der Sturm denn auch richtig einmal in einer Nacht bei einem eisigen Schneegestöber, das uns die scharfen Flocken wie Nadeln in's Gesicht trieb, beide Masten über Bord. Durch die Erschütterung natürlich verschlimmerte sich der Leck, und bis wir das Wrack nur frei von Holz und Tauwerk hatten, das drum herumhing, faßte uns die See gerade in der Flanke, wusch die ganze eine Wache über Bord, und Cambüse und Railing so rein vom Deck herunter, als ob im Leben nichts drauf gewesen wäre. Wie wir damals dem Tod entgangen sind, ist mir noch jetzt ein Räthsel; aber auf die eine oder die andere Art hielt Gott seine Hand über uns.
„An dem Stumpf des Vormastes, der vielleicht zehn Fuß /129/ über Deck abgebrochen war, richteten wir einen Nothmast auf und brachten an Leinwand hinauf, was wir eben wagen durften zu führen, bis sich der Sturm gegen Morgen legte. Indessen war uns aber das Schiff halb voll Wasser gelaufen, und nun hieß es an die Pumpen, wenn uns nicht das Deck unter den Füßen weg sinken sollte. Jungens, Jungens, das war eine schwere Zeit, und die See schien zuletzt ordentlich müde zu werden, mit uns zu spielen, während wir selber Tag und Nacht an den Pumpen unsere Glieder kaum mehr regen konnten. Einmal wär's auch beinahe alle gewesen, denn ein paar von den jungen Burschen, die von den Pumpen herauf einen Branntweingeruch in die Nase kriegten, weigerten sich plötzlich weiter zu arbeiten, und sprangen in den Raum hinunter, um die Rumfässer anzuzapfen, von denen wir, wie sie recht gut wußten, ein paar an Bord hatten; aber der Capitain hatte glücklicher Weise das vorhergesehen und ihnen den Boden eingeschlagen. Als wir's nachher mit dem Salzwasser heraufpumpten, hatten sie's gerochen, aber zu trinken war nichts mehr, und die Leute kehrten zu ihrer Arbeit zurück."
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