Das gute Schiff verfolgte indessen wacker seine Bahn, und wieder im Sommer war es, als Jack Brown - welchen Namen er jetzt, so lange er zur See fuhr, beibehalten - nach viermonatlicher Fahrt von Bombay aus, den St. Georgs-Kanal hinaufkreuzte. Zum ersten Mal, nach so langer Trennung, erblickte er hier wieder die Küste von Wales, konnte aber natürlich nicht gleich an Land, sondern mußte erst mit dem Schiff, auf dem er sich verdingt, nach dem Ort seiner Bestimmung anlaufen. Erst wenn dort Anker geworfen und die Segel beschlagen waren, blieb es den Matrosen verstattet das Schiff zu verlassen, dessen Capitain dann zum Löschen der Fracht andere Leute nimmt.
Wunderbar war ihm zu Muthe, als er in Liverpool zum ersten Mal wieder an Land trat. Einmal hatte er auch wirklich gar nicht übel Lust wieder, und noch einmal zuguterletzt, in das alte Leben mit beiden Füßen zugleich hineinzuspringen, und seine Kameraden ließen es nicht an Aufforderung dazu fehlen. Aber das Gute, was noch in ihm steckte, siegte doch zuletzt, und wenn er auch, um nicht knickerig zu scheinen, ein paar Nächte mit ihnen durchtrank, behielt er doch noch immer Verstand und Geld genug übrig, um sich neue und anständige Kleider zu kaufen und seine Passage nach Pembroke mit der Eisenbahn zu zahlen.
Mit den alten, abgetragenen Kleidern hatte er denn auch den alten Menschen ausgezogen, und als er in Pembroke anlangte, schlug ihm das Herz nicht wenig in der Brust; wußte er doch nicht, wie er sein eigenes Haus nun wieder¬finden sollte.
„Hol' mich der Deuvel, Jack Drygarn - Junge, wo kommst Du her?" waren übrigens die ersten Worte, die ihn, wie er mit seinem Bündel unter dem Arm aus dem Waggon /114/ stieg, begrüßten. Er drehte sich rasch und erstaunt nach der Stimme um, und sah einen alten Schiffskameraden von sich und seinem Bruder, der ihn mit eingestemmten Armen und großen Augen betrachtete. „War's nicht hübsch in Amerika?"
Woher wußte der schon, daß er in Amerika gewesen war? Daß er Jack genannt wurde, fiel ihm übrigens gar nicht mehr auf, war er es doch die langen Jahre her gewohnt worden. Uebrigens folgte er willig der Aufforderung des Freundes, mit ihm in's nächste Wirthshaus zu gehen und dort ein Glas auf glückliche Rückkehr zu trinken. War ihm doch die eigene Kehle von einer ganz unerklärlichen, ungewohnten Angst wie zugeschnürt, und ein Glas Grog unumgänglich nöthig, dort Luft zu machen.
Zu gleicher Zeit suchte er aber auch etwas Näheres über die Seinen zu Haus zu hören, und hielt das eben gefüllte und schon gehobene Glas allerdings etwas erstaunt vor den Lippen fest, ohne zu trinken, als ihm sein Freund in aller Ruhe erzählte, daß „Bill's Frau" wieder geheirathet habe und das Geschäft vortrefflich gehe.
Bill's Frau? Alle Wetter wer war er denn? Er trank jetzt erst einmal vor allen Dingen sein Glas aus, setzte es nieder und sagte dann, den Kameraden dabei von der Seite ansehend, ob der ihn vielleicht zum Besten habe:
„Wäre nicht übel, Bill's Frau hat wieder geheirathet?"
„Nun ja," lautete die ruhige Antwort des ebenfalls mit seinem Glas Beschäftigten, „wessen Frau denn sonst?"
Jetzt erst fiel es Bill auf, daß ihn der Andere mit Jack angeredet und also jedenfalls für seinen Bruder gehalten hatte. Aber war denn der auch nicht mehr in Pembroke? Ein eigenes wehes Gefühl schoß ihm durch's Herz, über das er sich selber noch keine ordentliche Rechenschaft geben konnte. - Er beschloß, jedenfalls erst selber nach Haus zu gehen und nachzusehen, wie die Sachen ständen, ehe er sich einem Fremden entdeckte. Dieser wollte allerdings etwas Näheres über ihn hören, wo er die ganze Zeit gesteckt, und wie es ihm gegangen sei. Bill ließ sich aber auf nichts Derartiges ein, gab ausweichende Antworten, griff sein Bündel wieder auf, schüttelte ihm die Hand und eilte dann mit raschen /115/ Schritten die wohlbekannten Straßen entlang, dem eigenen Hause zu.
Eigenen Hause? - Wieder gab es ihm jenen Stich durch's Herz, und er wußte eigentlich selber kaum, weshalb er den Kopf beim Gehen niederbog und das Gesicht mit seinem Strohhut beschattete, daß ihn keiner seiner früheren Bekannten weiter anredete.
So erreichte er endlich den wohlbekannten Platz unten am Hafen, ein kleines, freundliches Häuschen mit der riesigen Firma, die noch immer seinen und seines Bruders Namen bildete. Nur einen Blick warf er aber in den untern Raum, in dem fünf oder sechs matrosenartige Burschen gar emsig an Segeltuch nähten und ein fremder Mann ihnen dabei Anweisung gab, und stieg gleich die wenigen Stufen hinan, die zur Hausthür und der innern Wohnung führten, ergriff den Klopfer und - behielt ihn unschlüssig in der Hand. Nach dem, was ihm der Bekannte vorhin gesagt, wagte er wahrhaftig nicht einmal seine eigenen Räume zu betreten, und beschloß, lieber erst einmal unten hinein in die Segelkammer oder Werkstätte zu gehen und zu sondiren - d. h. wenn er keinen Bekannten darin sah.
Rasch stieg er wieder die kurze Stiege hinunter und fand sich, nach einem flüchtigen, forschenden Blick in den Raum, glücklicher Weise lauter Fremden gegenüber.
„Guten Morgen mitsammen," sagte er, als er hineintrat und sein Bündel dabei in der Hand, seinen Hut auf dem Kopf behielt - „könnt' ich nicht einmal mit Jack Drygarn sprechen?"
„Guten Morgen," sagte der ältere Mann, der hier die Oberaufsicht zu führen schien, „Jack Drygarn sucht Ihr? Ja, der ist nicht mehr in Pembroke."
„Nicht mehr in Pembroke?" rief Bill erstaunt, „aber wo ist er denn, und wem gehört denn hier das Geschäft?"
„Das Geschäft gehört mir," sagte der Fremde, „und Jack Drygarn ist, so viel wir von ihm haben erfahren können, vor etwas über drei Jahren nach Amerika gegangen."
„Nach Amerika?" rief Bill erstaunt. - „Hm, das ist doch wunderbar! Und was ist aus Bill geworden?" /116/
„Ja, das ist eine unglückliche Geschichte/“meinte der Eigenthümer der Werkstätte, mit den Achseln zuckend - „Bill ging hinüber nach Irland, wo Jack hatte Geld einkassiren sollen, um diesen zu suchen, und fiel Nachts, als das Schiff an Waterford beilegen wollte, über Bord."
„Ueber Bord?"
„Ja. Ein Passagier, der in Waterford an Land gesetzt wurde, brachte die Nachricht mit dorthin. Ihr seid wohl ein früherer Schiffskamerad von den Beiden?"
„Beinah' so 'was," sagte Bill, der sich noch immer nicht von seinem Erstaunen erholen konnte, - „und Bill's Frau ?" setzte er dann hinzu, denn was nun kommen mußte, wußte er, wie er fürchtete, schon mehr als zu gut.
„Nun, Bill's Frau," sagte der Mann, indem er sich auf das Fensterbrett setzte und sein rechtes Bein über das linke schlug, „wartete ihr gehöriges Trauerjahr ab, und wie das vorbei war, heirathete sie wieder einen gewissen Henry Burton, und ihr Mann sitzt vor Euch."
„Das ist nicht möglich," rief Bill erschreckt, „Polly hat also wirklich -"
„Nicht möglich?" sagte spöttisch der Mann, „aber, mit Eurer Erlaubniß, doch wahr."
„Mit meiner Erlaubniß?"
„Ja, wenn Ihr nichts dagegen habt," lachte der Segelmacher.
„Hm? - sonderbar," brummte Bill vor sich hin, indem er sich hinter den Ohren kratzte.
„Heh?" sagte da Polly's zweiter Mann, dem bei dem wunderlichen Betragen des Fremden ein eigener Gedanke aufstieg, indem er den Seemann lächelnd anschaute. „Ihr seid wohl gar ein alter Anbeter von Polly, und habt gedacht, sie solle auf Euch warten, bis Ihr zurückkämet und um sie anhieltet?"
Bill sah den Mann überrascht an. Der Gedanke hatte aber doch so viel Komisches, daß er trotz seiner eben nicht heitern Stimmung darüber lachen mußte.
„Beinahe könntet Ihr Recht haben," erwiderte er dann, „und doch nicht so ganz. - Lebt die Schwiegermutter noch?"
„Meine Schwiegermutter? - Ja - gewiß. Kennt Ihr die auch?"
„Ich denke - wenn's Euch recht ist, werd' ich einmal hinausgehen und ihr einen guten Tag sagen."
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