Sie traten ein. Harold führte ihn in der kleinen Eingangshalle an verschiedenen Türen vorbei und erklärte, dahinter befänden sich seine Wohnräume, aber er wolle jetzt nach oben, ins Studierzimmer. Von der Halle aus führte eine Wendeltreppe hinauf, die sich um eine merkwürdige Konstruktion herum wand: Traigar entdeckte eine hölzerne Plattform von zwei mal zwei Fuß. Sie bildete den Boden eines mannshohen Käfigs aus zwei gekreuzten, hufeisenförmigen Bügeln, dessen Rundung sich über einen auf der Platte befestigten Sitz wölbte. Daneben stand eine Winde mit einer dicken Walze, umschlungen von einem drei Finger starken Seil. Man konnte sie mit Hilfe eines Rades, dessen acht Speichen durch den Radring hindurch als Handgriffe hervorragten, drehen. Das Seil führte von der Winde nach oben und verschwand im Treppenhaus, lief dort anscheinend über eine Umlenkrolle, denn es kehrte wieder zurück und war am oberen Ende des Käfigs verankert.
Harold läutete eine kleine Glocke, und einen Augenblick später öffnete sich eine der Türen. Ein kräftiger Mann mit Stiernacken und breiten Schultern erschien. Zwei Handbreit größer als Traigar, besaß er eine niedrige Stirn, ein fliehendes Kinn, weiche wulstige Lippen und einen blauschwarzen Stoppelbart. Harold stellte ihn vor:
„Mein Faktotum, Roger. An ihm zeigt sich wieder einmal Wathans Gerechtigkeit: Was er ihm an Körperkraft zuviel geschenkt hat, das hat er durch Mangel an Geisteskraft kompensiert. Nicht wahr, Roger?“
Roger brummte nur und grinste schwachsinnig.
Harold setzte sich auf den Stuhl, und sein Gehilfe drehte das Rad, nachdem er einen Sicherungssplint aus der Achse gezogen hatte. Das Seil straffte sich. Langsam bewegte sich der Aufzugskäfig nach oben. Traigar folgte ihm und stieg die Wendeltreppe hinauf. Als er das obere Stockwerk erreichte, sah er den alten Mann durch ein Loch im Boden auftauchen und weiter emporschweben, bis die Plattform auf dem Niveau des Bretterbodens verharrte. Harold blieb auf seinem leicht hin- und herpendelnden Stuhl sitzen und wartete auf Roger, der eben die Treppe heraufkam. Offenbar hatte er den Sicherungssplint wieder hineingesteckt und so die Walze fixiert. Der schweigsame Diener half Harold beim Aussteigen.
„Treppen sind Gift für meine alten Knochen. Deshalb esse ich auch kaum noch an Lord Gadennyns Tafel. Der Turm besitzt einfach zu viele Stufen. Manchmal lasse ich mich noch von Roger in die Felsenhalle hinaufschleppen. Aber wenn mein Lord mich dringend braucht, kommt er zu mir. Das Alter hat also auch Vorzüge.“
Traigar schaute sich um. Das Studierzimmer war der einzige Raum in dieser Etage. Es beherbergte ein Chaos an Gerätschaften. In der Mitte erhob sich ein mannslanges Fernrohr aus Messing auf einer durch den Boden aufragenden Steinsäule, deren Fundament im Felsen unter dem Wohnturm ruhte, wie Harold ihm erklärte. Das Teleskop schien sein ganzer Stolz zu sein. Um es herum standen drei Tische, bedeckt mit Flaschen, Töpfen voller Pulver und Kräuter, Mörsern zum Mahlen und Zerkleinern, Mischgefäßen und merkwürdigen Apparaten, deren Zweck Traigar nicht erkannte. Die Wand des kreisrunden Raumes bedeckten unzählige Regale, in denen Hunderte, wenn nicht Tausende von Büchern standen, schwere Wälzer mit Ledereinband und breitem Rücken sowie kleinere zwischen Holzdeckel gebundene Bände. Auf dem Boden stapelten sich Dutzende weiterer Bücher, lagen Pergamente und Schriftrollen. Über den Regalen durchbrachen bogenförmige Fensteröffnungen das Mauerwerk und erhellten den Raum. Die Sonne fiel in breiten Lichtbalken ein und ließ den in der Luft schwebenden Staub glitzern. Oberhalb der Fenster wölbte sich das Innere der hohen Kuppel. Diese besaß nach Süden hin eine zehn Fuß breite und zwölf Fuß hohe Öffnung. Davor befanden sich die Läden, die Traigar von außen gesehen hatte. Der Alte folgte seinem Blick:
„Man kann sie mit einer Seilzugvorrichtung auf- und zuschieben.“ Er deutete auf eine Kurbel an der Wand, mit der sich der Mechanismus bedienen ließ. „Die Öffnung gibt den Blick auf einen großen Teil des südlichen Himmels frei. So kann ich mit meinem Fernrohr die Sterne und Planeten studieren. Weißt du, was ein Planet ist, Traigar?“, prüfte ihn der Alte. Der Junge schüttelte den Kopf. „Nun, du hast noch viel, sehr viel zu lernen. Doch zuerst müssen wir uns einmal kennenlernen. Setzen wir uns.“
Sie ließen sich auf zwei Stühlen nieder, und Harold schickte seinen Diener fort, um Tee zu kochen. Als dieser eine dampfend heiße Kanne gebracht und zwei Tassen mit dem würzig duftenden Getränk gefüllt hatte, verschwand er wieder. Der alte Magier wandte sich an den jungen.
„Um dich richtig auszubilden, muss ich alles über dich wissen: woher du kommst, wer deine Eltern sind, ob sie ebenfalls magische Fähigkeiten besitzen, wer dich unterrichtet hat, in welchem Alter du deine magischen Kräfte entdeckt hast und vieles mehr. Lass uns zuerst mit deinen Eltern beginnen. Leben sie beide noch?“
Traigar hatte zwar die junge Frau nicht gefunden, der er in Shoala begegnet war und die wie er die Gabe der Magie besaß, doch jetzt saß er einem anderen Magier gegenüber, einem, der ihn verstehen würde. Traigar vertraute seinem Gefühl, sich diesem Mann öffnen zu können. Und so erzählte er. Er berichtete von seinem Vater Daedor, einem jungen Gelehrten aus Orinokavo, den der Krieg entwurzelt hatte, von dem Mann, den er auf dem Schlachtfeld tödlich verwundete, von Daedors Abscheu vor dem Krieg, von seiner Gewissensnot, von dem Versprechen, das er seinem sterbenden Feind gab, nämlich sich um dessen Tochter zu kümmern, von dem Fremden, der eines Tages in Stonewall auftauchte und bald eine junge Halbwaise heiratete. Er sprach über seine Mutter, die bei seiner Geburt starb und die er nur aus den Erzählungen seiner Großmutter kannte, von den Alpträumen seines Vaters, die später auch ihn selbst befielen, von seinen ersten Erfahrungen mit der Magie, dem schwierigen Umgang mit ihr, seinem Versuch, sich damit zu verteidigen, von dem Hass, der ihm von den Dorfleuten entgegenschlug, von seiner Verbannung, seiner Zeit im Wanderzirkus bis hin zu den Ereignissen der letzten Tage, die ihn schließlich auf Hauptmann Gother treffen ließen. Harold stellte ihm viele Fragen, über ihn selbst, seine Eltern, Großeltern, Freunde, über die Träume. Manche davon konnte er nicht beantworten. So wusste er nichts über magische Fähigkeiten seiner Eltern. Der alte Magier schüttelte den Kopf und brummte etwas von ‚Vererbung’. Der Tag verstrich. Roger brachte ihnen etwas zu essen. Harolds Neugier war unersättlich. Er ließ den Jungen aus einem der Bücher vorlesen, ihn ein paar Sätze auf ein Pergament schreiben, nickte anerkennend und erklärte, sein Vater sei ein guter Lehrer gewesen – offenbar war er mit Traigars Lese- und Schreibkunst zufrieden. Dann prüfte er seine Geschichts- und Religionskenntnisse und erkundigte sich, ob er außer Koridreanisch noch andere Sprachen beherrsche. Der Junge musste ihn in fast allen Punkten enttäuschen. Außer Lesen, Schreiben und Rechnen hatte ihn sein Vater nur wenig gelehrt. Der alte Magier änderte seine Meinung über Daedor: Er sei doch kein so guter Lehrer gewesen. Zuletzt bat er seinen neuen Schüler, seine Magie vorzuführen, indem er verschiedene Dinge mittels seiner Geisteskräfte bewegte. Traigar ließ zwölf Bücher gleichzeitig durch die Luft fliegen, aber als ihn Harold anwies, ein Weinfässchen, das in der Ecke stand, schweben zu lassen, schaffte er das nicht. Der alte Mann beschwor ihn, sich anzustrengen, aber es gelang Traigar bei aller Konzentration nicht, das Fass nur einen Zoll anzuheben.
„Merkwürdig!“, meinte Harold. „Du hast es doch auch geschafft, Menschen durch die Luft zu schleudern, viel schwerer als dieses Fass. Denk nur an den Schwarzgekleideten, der Gother verfolgte. Vielleicht bist du müde. Wir wollen es morgen noch einmal versuchen.“
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