Endlich sprintete ich in den Krankenhauskomplex der Uni ein, ohne Freudenschreie und Beifallsrauschen. Es war ein schäbiger Irrgarten mit je-der Menge Filmkulissen: Pappbaracken, altersschwache Häuser und halb fertige Neubauten. Dann stand ich vor so einem Schuppen ohne Gesicht. Ich sah die vielen Steine, die man da aufeinandergesetzt hatte und hinter denen ich nun verschwinden sollte.
Über der Haustür stand in bröckelnder Goldschrift: PATHOLOGIE. Also so eine verdammte Fabrik, in der Leichen in Teile zerlegt und durch den Schornstein verraucht werden.
Mir war wie bei meinem eigenen Begräbnis. Ich verfluchte die pingeligen Medizinmänner, die mich für die Arbeit auf See als untauglich eingestuft hatten. Nur weil mein Herz nicht ganz nach ihren Vorstellungen schlägt. Dabei bin ich ganz zufrieden mit meiner Pumpe. Ich weiß wenigstens, dass ich eine habe, wenn sie mal sticht.
Wenn es nach mir ginge, wäre ich schon längst auf See. Ich würde in Alexandria, London oder Odessa an Land gehen und endlich tief durchatmen können. Ich brauchte mir nicht immer wieder erzählen zu lassen, wie gut es mir doch ginge, dass ich zufrieden sein könne und sich jeder Mensch seinem Schicksal fügen und den Gegebenheiten anpassen müsse.
Meinen Platz im Leben soll ich finden. Aber man weist mir dauernd einen an, auf dem ich es aushalten soll. Alle müssten das. Doch ich kann es nicht. Sie haben nur Stehplätze außerhalb des Zirkuszeltes für mich, von denen aus man absolut gar nichts mitkriegt und auf Wakan Tanka hoffen muss, dass er es endlich Licht werden lässt. Und wenn du dann wirklich mal einen Sitzplatz erwischst, ist es ein Notsitz, auf dem du mit hunderttausend anderen sitzt und womöglich ein Leben lang festklebst, obwohl du inzwischen mitgekriegt hast, dass du in der falschen Vorstellung sitzt. Es will ja jeder nur mein Bestes, solange es sein Bestes ist.
Ich parkte also mein Rad im Innenhof der Pathologie, in einer langen Rei-he Leichenwagen. Noch einmal sah ich in den Sommerhimmel, der blau war wie das Meer und in dem die Sonne als unerreichbare goldene Insel schwamm. Schon gut, aber in so einem Montagmorgenaugenblick kann auch ein sogenannter Normaler Wahnvorstellungen bekommen.
Ich öffnete vorsichtig die schwere Tür. Es schlug mir ein Duft von Formalin, ein Saft, in dem die Innereien dahingegangener Homo sapiens konserviert werden, entgegen. Mein Magen ist stabil wie eine Blechbüchse, aber jetzt begann er doch, sich von innen nach außen zu wenden.
Ich gab mir einen Tritt, tauchte im Gemäuer unter, lief durch irrsinnig lange Gänge, in denen es nach Kaffee roch, als wäre ich in einer türkischen Mokkastube gelandet. Links und rechts Türen, Namensschildchen von Leuten, die alle ihren Platz im Leben gefunden hatten. Auf den Gängen wimmelte es von Weißkitteln. Sie hatten es furchtbar eilig, als könnten sie ihre Leichen ins Leben zurückrufen. Im Keller, an der Stelle, wo es am dustersten war, fand ich die Technikleute.
Da hockten meine zukünftigen Kollegen um einen Tisch herum. Sieben Mann, der eine telefonierte, der andere stieg aus den langen Unterhosen, der dritte bastelte an einem Radio, das bestimmt schon existiert hatte, bevor es überhaupt erfunden war. Der eine quälte die anderen gerade mit einem Witz. Und die anderen taten auch nichts.
Der Raum war ein Loch. Es war mit zwei großen Blechschränken, aus denen es bedrohlich summte, mit Spinden, Stühlen, Tischen und Werkzeugtaschen verstopft. Nur der Einschlupf war freigelassen. Es roch nach Tod und Teufel, sodass ich mich nach Olgas Fischgestank zu sehnen begann. Ich blieb in der Tür stehen, sagte nur: "Tag, ich bin wohl der Neue."
Nun musste ich stillhalten und mich beglotzen lassen wie eine Bakterie unterm Mikroskop. Dann stand so ein schniefender Walrosstyp auf. Er hatte sich soeben noch mit seinen Greifern an den Zehen rumgepolkt. Er watschelte auf mich zu und hielt mir seine Flosse hin, die ich aus Gründen der Hygiene übersah. Das schien ihn zu grämen, denn er sagte: "Mein Name ist Firat. Dir ist wohl die Hand deines Meisters nicht gut genug, he? Bist wohl ein ganz Feiner? Du musst nicht denken, dass du hier auf dein Abitur pochen kannst."
"No insults please!"
"Sprich ein ordentliches Deutsch mit mir. Wir sind jetzt alle wieder Deutsche. Oder bist du etwa gar kein Deutscher? Na, das würde passen. Das wäre dir zuzutrauen, he. Man hat uns ja schon von amtlicher Stelle vor dem Früchtchen gewarnt."
"Scheißmontag", unterbrach ich ihn. "Polkst du immer erst an deinen Zinken rum, eh du jemandem Tag sagst?"
Die anderen grinsten. Mir stand schon alles bis oben hin, obwohl es doch noch gar nicht richtig angefangen hatte.
" Du? ", sagte Firat und schüttelte bedeutsam das Haupt. "Für dich bin ich Sie . Damit wir uns gleich richtig verstehen: Du bist der Lehrling. Ich bin der Meister ."
Ich knallte die Hacken zusammen, was leider verpuffte, weil ich nur Sandalen und keine verdammten Kommissstiefel anhatte.
Ich riss die rechte Hand zur Denkerstirn und rief: "Habe verstanden!"
Den Walrosstyp kannte ich. In der Verblödungsanstalt hatten wir so einen Lehrer. Der konnte es nicht verkraften, wenn jemand etwas mehr wusste als er. Dieser Firat würde so lange nicht aufgeben, sein Maul an mir zu wetzen, bis ich nur noch lachte, wenn er einen Witz riss.
Firat säuselte mich weiter an: "Bisher scheint sich keiner um dich gerissen zu haben. Wir sind hier eine eingearbeitete Truppe. Wer nicht auf dem Arbeitsamt Schlange stehen will, muss ranklotzen. Hast du eigentlich einen Schimmer, was du hier lernen sollst?"
"Sie werden es mir bestimmt gleich sagen, Sir."
"Also", begann Firat mich zu belehren. "Wir sind hier für alles verantwortlich, was mit Schwachstrom zu tun hat. Und was alles hat mit Schwach-strom zu tun?"
Ich tippte mit dem Zeigefinger an meinen Denkapparat, in dem die grauen Zellchen den Aufstand probten. Die anderen feixten wieder. Aber Firat ließ sich nicht beirren wie alle, die meinen, es besser zu wissen und andere damit quälen. Er erklärte, dass Schwachstrom für Telefone, Faxgeräte, elektrische Uhren und den Notruf gebraucht werde. Und die Geräte müssten sie tadellos in Ordnung halten.
Firat sah mich an, als müsste ich ihm für seine Mitteilung aus Dankbarkeit die Hand küssen.
"Ist okay", erwiderte ich lahm. Ich wusste nicht, was mich hätte in Begeisterung versetzen sollen.
Firat klappte erst einmal sein Walrossmaul zu, nickte zufrieden und beschielte mich aber weiterhin misstrauisch. Ich konnte damals noch nicht wissen, dass der Mann immer so guckt.
Plötzlich zog mich so ein von Geburt an Zerknitterter auf einen Stuhl. Er sagte, als stände ihm für jedes Wort eine Ewigkeit zur Verfügung: "Setz dich erst mal. Mutzelkopp. Ich bin Kauer. Du bist mein neuer Kollege. Egon hat sich vor einer Woche davongemacht. Direkt aus dem Fenster seiner Wohnung. Fünfzehnter Stock. Todsicher."
Kauer war nicht viel älter als dreißig. Das sagte er mir gleich, denn ich hätte es nicht geglaubt. Er hatte tatsächlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem indianischen Schrumpfkopf. Nur seine Mutter hätte genau sagen können, wie viele Sommer er schon gesehen hat.
Kauer machte mich nicht neugierig. Er passte zu diesem Montag, von dem ich sowieso nichts erwartet hatte. Kauer war so einer, der die Ruhe auf Lebenszeit gepachtet und für jedes Wehwehchen auch gleich die passende Medizin bereitliegen hatte. Und wenn ihm doch mal was passiert, ist er dagegen versichert.
Nun hatte der Typ mir auch noch so einen verdammten Namen verpasst – Mutzelkopp . Ich sagte, ich heiße Bruno Jäger. Aber er war stocktaub auf bei-den Ohren. Er erklärte mir lang und breit, wie meine Arbeit verläuft: also früh erst mal eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn zur Stelle sein, rein in den blauen Strampler, dann den Anweisungen von Meister Firat lauschen, und nun ran ans Werk: Kabel verlegen, Störungen beseitigen, damit die Patienten die Schwestern mit dem Notruf auf Trab halten und die Chefs wieder mit ihren Bumsdamen telefonieren können und das ganze Gesäusel nicht außer Gang kommt. Das ist ziemlich frei übersetzt, aber es stimmt genau.
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