Der höchste Feiertag der Familie ist der 1. Mai. Geschenk des Vaters: Der Sohn darf zum ersten Mal mit demonstrieren. Krönung des Geschenks: ein Paar neue Schuhe. Zu ihrem Festtag sparte Vater sich die große Ausgabe vom Mund ab. Hand in Hand gehen sie. Die Straßen sind lang, der Tag ist heiß, ungewohnt den Füßen das harte Leder. Blasen, Schmerzen, verstohlene Tränen. Der Kleine mag den Großen nicht enttäuschen. Bis der es merkt, sich lächelnd niederbeugt und die Schuhe ausziehen hilft. Die Schuhe über der Schulter, kommt der Sohn mit dem Vater nach Hause, verstaubt, müde, glücklich. Von Vaters Schultern hat er über ein Meer von Köpfen geblickt, in Gesichter, alle ähnlich dem des Vaters. Und weil Vater gut ist, ist das Meer gut, und es macht stark, wenn man darüber hinschaut, wie es wogt und sich in eine Richtung vorwärts bewegt.
Schulentlassung. Auf drei Mark ist die wöchentliche Arbeitskraft eines Lehrlings veranschlagt, vom Lehrherrn und vom Gesetz. Erstes Lehrjahr, viertes Jahr des Kriegs der großen Räuber gegen die großen Räuber. Auf Verordnung werden den Lehrlingen vom Almosenlohn Zwangsspargelder einbehalten, erpresste Kriegsanleihe von den Kleinsten der Kleinen. Der Eisengebadete muckt auf, höhnt vor den Mitgenarrten über das Zerrbild Vaterland, senkt den Keim der Unbotmäßigkeit in ihre Herzen. Der Lehrherr ermahnt, verwarnt. Umsonst. Hinauswurf aus der Schlosserlehre. Wochenlang läuft der Vater um eine neue Lehrstelle. Der Sohn soll ein ordentlicher Schlossergeselle werden; wer sein Fach beherrscht, steht besser seinen Mann im Klassenkampf. Zweite Lehrstelle, mit etwas milderen Bedingungen. Das Jahr achtzehn bricht an. Erdbeben der Oktoberrevolution rollt um die Welt. Warnung für die Herren Deutschlands: die großen Januarstreiks. Der Reifende saugt die Lungen voll von der Luft, in der Funken kommender Entladungen knistern.
Erlebnis der Novembertage. Nieder der Krieg, nieder der Kaiser - Frieden, Freiheit, Brot! Der Geprügelte, der Gehetzte, der Hungernde schreit es heraus mit Tausenden andern Drangsalierten. Er demonstriert, er denkt und fragt. Der Vater ist an seiner Seite. Klasseninstinkt wächst zum Klassenbewusstsein. Verrat sozialdemokratischer Demagogen macht ihn nicht irre, vertieft seinen Klassenhass. Schreien ist nicht viel, handeln ist mehr. Er tritt in Karl Liebknechts Freie Sozialistische Jugend ein. Je stärker die Linke, desto schwieriger der Verrat für die Rechten. "Der Sozialismus marschiert!" schreiben die an die Litfaßsäulen, aber auf den Straßen lassen sie die Generalssöldner gegen die Revolution marschieren. "Freie Bahn dem Tüchtigen!" sagen sie in den Arbeiterversammlungen, doch in der Wirtschaft verschaffen sie den alten Räubern freie Bahn zu neuer Ausbeutung. Hellwach sieht es der Sechzehnjährige, sieht, wie die Gestrigen wiederkommen, wie die alten Demagogen mit neuer Macht die Feuer der Revolution umzingeln, sie zu ersticken und auszutreten versuchen.
Die Reaktion erhebt überall ihr Haupt. Auch im Fortbildungsschulwesen. Noch immer Unterricht außerhalb der Arbeitszeit, noch immer die alten Lehrer des alten Systems mit den alten Methoden. Chauvinistische Bürgerkunde, vaterländische Lieder, monarchistische Geschichtsklitterei. Was hat die Kriegsmacher in die Knie gezwungen? fragen die Genossen der Freien Sozialistischen Jugend. Also Streik gegen die kaisertreuen Pauker, gegen jugendfeindliche Schulmethoden. Das ist die Waffe. Man muss sie aufheben, damit zuschlagen. Der Sechzehnjährige, einziger Jungkommunist in der Klasse, glüht vor Begeisterung, begeistert seine Klassenkameraden. Sie helfen ihm die Flugblätter vor der Schule verteilen, tragen das Wort Streik in alle Klassenzimmer. Es summt und brodelt in den Schulräumen. In der Pause diskutierende Gruppen, Ansammlungen, Zusammenrottungen. "Los, Anton, du musst sprechen!" Er klettert auf einen Sandhaufen, sieht von oben ihre entschlossenen Gesichter. Lehrer Musiol, Monarchist und übelster Pauker, kommt schnaufend.
"Was wollen Sie da oben, Söhnchen?"
Beklemmende Stille, erwartungsvolle Sekunde. "Zu meinen Schulkameraden sprechen, Vaterken!" Tosender Beifall, Johlen, Pfeifen. Das verknöcherte Herz voller Panik, flüchtet Musiol ins Lehrerzimmer. Beratung des verstörten Kollegiums. Bevor der junge Streikführer zu reden beginnt, schickt er Musiol einen Vertrauten nach. Der dreht zweimal leise den Schlüssel im Türschloss des Lehrerzimmers, bringt ihn triumphierend dem Sprechenden. Dessen flammende Worte reißen auch die Lauen mit, lassen sie den Forderungen der Freien Sozialistischen Jugend zustimmen. Nieder die Lehrlingsdressur und -ausbeutung, hoch die neue Zeit und ihre Arbeiterrevolution! Erlöst quellen sie auf die Straße, jubeln, als der Schlüssel in hohem Bogen ins Wasser des Engelbeckens fliegt, formieren sich zur Demonstration. In den Andreas-Sälen stoßen sie zu den streikenden Lehrlingen anderer Berliner Fortbildungsschulen.
Den Eltern flattern Strafmandate ins Haus. Auf den Scheiterhaufen mit den papiernen Einschüchterungsversuchen! Die Schulreaktion wird kleinlaut, lenkt ein. Wichtige Forderungen werden anerkannt. Die "Rädelsführer" dürfen nicht bestraft werden. Der Junge aus der Kellerwohnung hat das Fegefeuer des Klassenkampfes bestanden. Andere mit ihm. Neueintritte in die Freie Sozialistische Jugend. Die Revolution ist nicht tot, sie organisiert sich. Sie wird noch viele Stationen bis zum Sieg durchlaufen müssen.
Aus Spartakus und anderen linken Gruppen bildet sich in den letzten Tagen des Jahres achtzehn die Kommunistische Partei. Etwas später entwickelt sich ihre Jugendorganisation. Aus der Freien Sozialistischen Jugend geht der Kommunistische Jugendverband hervor. Organisator der Gruppe Südwest ist der Schlosserlehrling Anton. In der Alten Jakobstraße hat die Jugend sich ein Heim ertrotzt. Keine Gardinen, keine Teppiche, keine Sessel - ungehobelte Bänke, rohe Tische, aus Kisten gezimmerte Hocker. Zwei wurmstichige Schränke voller Bücher, herübergerettet aus einem sanft entschlafenen sozialdemokratischen Bildungsverein. Deutsche Klassiker der Poesie und Prosa. Klassiker des Marxismus. Sich die Welt erobern helfen durch das gedruckte Wort. Und bei alledem fröhlich sein, singen, spielen, musizieren. Die Gruppe wächst, erscheint auf Diskussionsabenden der Sozialistischen Arbeiterjugend, des Christlichen Vereins junger Männer, zieht dort die Besten an sich. Unvergessliche Fahrten voller Ausgelassenheit - oder mit zielstrebiger Agitation auf dem Dorf. Es gibt nichts, um das nicht gekämpft werden muss, es gibt nichts, um das nicht mit Elan gekämpft wird: um Herzen und Hirne der arbeitenden Jugend, um das Verständnis der Landbevölkerung, um das Recht auf Versammlung und Redefreiheit, um das Recht auf die Straße zu gehen. Nach allen größeren Veranstaltungen heranpreschende Überfallwagen, blitzende Tschakos, dreschende Gummiknüppel. Fahne vor, Achterreihe, unterfassen! Wenn die erste Reihe steht, steht der Demonstrationszug. Anton ist immer in der ersten Reihe, kennt bald viele Polizeireviere Berlins von innen.
Der Schlosserlehrling lernt aus, der Schlossergeselle ist arbeitslos. Trotzdem sind die Tage nicht lang genug, die Nächte zu kurz. Er stürzt sich auf die Bücher, arbeitet unermüdlich für die Organisation. Er weiß um das Geheimnis des Antäus, wünscht sich stark zu sein wie Herakles und klug wie Odysseus. Dieser Listenreiche scheint unsichtbarer Pate des Arbeiterjungen mit dem verschmitzten Mutterwitz und einem heiteren Gemüt. Tag um Tag im Dienst der Arbeitersache, scheint er alles spielend zu bewältigen, seien es Schwierigkeiten der Organisation, einzelner Jugendfreunde oder die eigenen Sorgen.
Oh, ihr Erinnerungen an die unbekümmerten Streiche! Ob Knubbel noch daran denkt, wie sie im Kopfsprung vom Geländer der Waisenbrücke in die Spree sprangen, hart an der Gefahr vorbei, sich das Rückgrat zu brechen, nur um den Haufen zeternder Zuschauer aufzuregen? Wie sie beide auf dem dünnen Eis der Spree tanzten, zum Gaudium der Freunde und zum Ärger der Polizisten, bis Knubbel einbrach, von Anton ans Ufer gezerrt und dann ins Kino gelotst wurde, damit er dort trockne und die Eltern nichts merkten? Oder die stillen Sonnenstunden auf dem flachen Dach ihrer Mietskaserne, wo sie eifrig das Kommunistische Manifest studierten. Wie viel Sommerabende der Gruppe im Köllnischen Park, mit Liedern, Musik und Hunderten Zuhörern, denen der Unermüdliche stets eine politische Rede aus dem Stegreif obendrauf gibt, bis ein Warnpfiff die nahende Polizei angekündigt. Herrlich, im Lunapark die überschüssige Kraft am Haut-den-Lukas auszutoben, kreischend die Wasserrutschbahn hinabzuscbießen, im bayerischen Bierzelt zu jodeln und zu schuhplatteln, wie er es auf der Walze gelernt hat. Oder die Winterabende auf dem Weihnachtsmarkt. Reizen Raritätenkabinett und Zerrspiegel nicht, Allotria zu treiben? Wo ein leerer Stand ist, stellt sich der Spaßvogel hinter den Ladentisch, bringt wie ein Ausrufer in witzigen Sätzen die Politik der Partei an den Mann. Sein lachendes Publikum bedauert es nur, wenn dem Pseudoausrufer die Puste ausgeht. Ja, so war es, und es ist gut, dass es so war. Lachend kämpft es sich besser, und die Jugend mag jene Grämlichen nicht, die ihre Last sichtbar vor sich hertragen mit der Miene des Märtyrers. Das Leben ist Kampf, das des erwachten Proletariers Klassenkampf. Lebt man ihn vor, überzeugt man; lebt man ihn heiter vor, reißt man mit. Wie kann einer traurig sein, wenn er weiß, dass die Arbeiter siegen! Niemand kämpft, wenn er nicht an den Sieg glaubt, am allerwenigsten die Jugend. Wer ihr das rechte Verhältnis bietet zwischen Lehre und Tat, der ist ihrer Taten sicher, der ist ihrer Treue auch in Niederlagen gewiss. Ja, sie haben manche Schlappe in jenen Tagen eingesteckt, aber gegen jeden Misserfolg stand auch ein Sieg. Nie wird der Besitzer der Oranien-Lichtspiele die Aktion der Arbeiterjugend gegen einen antisowjetischen Film vergessen, die Antons Gruppe organisiert hat. Es wimmelt an diesem Abend in der Flimmerbude von farbenfrohen Mädchenkleidern, von Windjacken und Manchesterhosen und - von Uniformen. Die Polizei hat Wind bekommen. Die Sipos stehen mit heruntergelassenem Sturmriemen vor dem Eingang, am Durchlass und in den Kinogängen. Reklame, Kulturfilm, Wochenschau. Harmlos beginnt das Machwerk, plötzlich kommen die Krallen aus den Sammetpfötchen, unverhohlene Tendenz gegen die Sowjetunion, gegen alles Fortschrittliche. Die ersten Protestrufe, Warnungspfiffe der Polizisten, Gummiknüppelklatschen. Im Kino wird es hell. Die Polizei drischt, eingekeilte Besucher protestieren, Tschakos poltern zu Boden, die Jugend ruft in Sprechchören, die Jugend singt! Auf der Straße Fortsetzung. Jugendliche werden auf die Flitzer gestoßen. Der Haupttrupp marschiert, mehrmals auseinandergeschlagen, mit Gesang über den Oranienplatz; zum Heim in der Alten Jakobstraße. Manch einer hat von den Gummiknüppelhieben Striemen auf Schultern und Rücken, aber alle haben blitzende Augen: "So müssen wir es immer machen!"
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