Mag die Entscheidung der jungen Kronprätendentin auch unverständlich erscheinen, so zeigt diese Haltung doch einige Überlegung. Sie stand kurz vor Vollendung ihres 18. Lebensjahres am 24. Mai 1837, auf diesen Tag hatte sie sich entschieden vorbereitet. William IV. gab ihr zu Ehren einen Geburtstagsball; er blieb nicht lange, weil er sich krank fühlte. Und er war krank; sein Ende kam schnell: Am 20. Juni 1837 starb William IV., wie ein alter Löwe , schrieb ein junger Deputierter, Disraeli, der seiner Königin einmal viel Gutes erweisen sollte und der übrigen Welt manches schlechte. Noch in der Todesnacht des Königs erschienen wie es das Gesetz vorschrieb, der Erzbischof von Canterbury in Begleitung des Lordkämmerers im Kensington Palast, um die neue Königin einzuholen. Die Herzogin machte noch einen hilflosen Versuch, Zeit zu gewinnen, sie erklärte, dass die Prinzessin noch schlafe, erst geweckt, angekleidet, dass manches vorbereitet werden müsse bei einem so wichtigen Vorgang, wie die Überbringung der Krone des Königreiches. Allein beide gewichtige Herren, an ein altes, unverbrüchliches Zeremoniell gebunden, legten einen so ungeheuerlichen Hochmut in ihre Antwort, dass die Herzogin entmutigt den Weg freigab. Sie sprachen schlicht und überzeugend: Wir wollen nicht zur Kronprinzessin, wir wollen zur Königin!
Das Spiel war aus. Einige Minuten später knieten der Lordkämmerer und der Erzbischof vor ihrer Königin, und küssten ihr die Hand. Und wem angesichts einer solchen Szene nicht die Tränen kommen, der verdient so etwas Schönes nicht. Den ganzen Tag über empfing die junge Königin ihre Minister und die Würdenträger des Reiches, in dem sie doch nichts zu sagen hatte. Am Abend aber handelte sie vollständig in eigener Sache. Sie zog aus, sie schlief die erste Nacht ihres Lebens allein in einem eigenen Zimmer. Ferner wies sie an, dass ihre Mutter, die Herzogin, künftig wie jeder Untertan um Audienz nachzusuchen habe, falls sie einen Wunsch vortragen wolle, oder eine Klage zu führen hätte. Nur der Lehzen erlaubte sie noch die Nähe. Kurzfristig beschloss Victoria ihren Wohnsitz zu wechseln, und nach Buckingham Palast zu ziehen. Ihr neuer Vertrauter hieß Melbourne.
Der hatte dem Tod des regierenden Monarchen William IV. mit einiger Sorge entgegengesehen. Die Vorstellung, dass eine Jugendliche von einem auf den anderen Tag die komplizierten Staatsgeschäfte übernehmen würde, mochten Seiner Lordschaft Missvergnügen genug bereitet haben. Er nahm sich nun also des jungen Dinges an, und Victoria ließ es sich gern gefallen, von einem so erfahrenen Weltmann, um nicht zu sagen, durchtriebenen Fuchs im vorgeschrittenem Alter, einem erfolgreichen Schürzenjäger, einem erfolgreichen Mann, bar jeder Grundsätze im Politischen, an die Hand genommen zu werden. In einem Brief an Onkel Leopold schreibt sie, wie angenehm ihr die Unterhaltung mit Palmerston gewesen sei, die er mit ihr, vielmehr sie mit ihm, führen durfte. Melbourne zählte 58, Victoria 18, was eine höchst interessante und erotische Konstellation war. So endete die Verschwörung der Kensington-Bande gegen die Königin Victoria. Es mag in der Geschichte erfolgreichere Königsmacher gegeben haben, aber lebensgefährlich genug war die Bande immerhin für ein kleines Mädchen, wie Ramsgate bewiesen hatte.
Stockmar, der Weise, eine wahre Klette, die an jedem Stoff haftete, stand allerdings weiter diskret zur Verfügung. Conroy bekam den schnöden Abschied. Er hatte Glück, auch wenn ihm ein Gericht Unterschleife bei der Verwaltung der Finanzen seiner Geliebten hätte nachweisen können; zwei Jahrhunderte zurück hätte ihn die Königin Victoria wahrscheinlich in den Tower bringen, ihm den Prozess machen und wegen Hochverrat köpfen lassen, und der Hinrichtung zugesehen, denn die neue Königin der Engländer war nachtragend und vergaß eher eine Wohltat als einen Tort. Die Zeiten waren humaner, nur nicht besser geworden.
Melbourne blieb über drei Jahre der Vertraute. Es gab nichts oder wenig, das Victoria nicht mit diesem gescheiten und lebenserfahrenen Vasallen besprochen hätte. Erst Albert erlöste sie aus dieser neuen inneren Abhängigkeit. Äußerlich fiel der Premier infolge einer Krise; eigentlich hieß dieser Melbourne William Lamb, entstammte einer reichen Bürgerfamilie und kam erst unter Georg III. zu Adelsrang und Einfluss auf die englische Politik. Obschon Emporkömmling und neureich hatte Melbourne die Gewohnheiten, den Stil eines Aristokraten aus dem 18. Jahrhundert angenommen. Laut einer Statistik aus dem Jahre 1871 schalteten rund 7.400 Lords auf der Hälfte allen englischen Grund und Bodens wie asiatische Despoten, vertrieben ihre Pächter und trieben expansive Wirtschaft; alle Macht den Lords, lautete der Schlachtruf. Acht Adelsfamilien beherrschten den Staat Victorias.
Als das preußische Prinzenpaar, Wilhelm und Augusta, dieses England zum ersten Male besuchte, war die Reform über dem Berg; zu bewundern, wie es Augusta tat, gab es dennoch nichts. Die Queen berief die Pairs in das Oberhaus, regelmäßig um die 400, meist mehr, aber jedes dieser Mitglieder des House of Lords kommandierte eine stattliche Klientel, die auf seinem Grund und Boden entweder als Pächter oder als mehr oder minder freie Bauern wirtschafteten und vollständig von ihm abhingen. Sie tanzten nach seiner Pfeife. Aus diesen wirtschaftlich abhängigen Männern, die man nicht mit gewählten Abgeordneten einer Partei verwechseln darf, setzte sich das Unterhaus zusammen, das House of Commons. Bis zum Beginn der Parlamentsreform 1832 verfügten, laut British Library, ganze 177 Pairs, 87 davon als Angehörige des Hochadels, über die Besetzung von 213 Plätzen im Unterhaus. Überdies besaßen acht der einflussreichsten Adligen noch 50 Plätze in diesem wichtigen Gremium. Von einer Demokratie konnte also kaum die Rede sein, und wäre der Staat Victorias demokratisch gewesen, hätte sich Augusta nicht in den englischen Liberalismus verlieben können, da ihr eigenes Verständnis von freien Bürgern in einem freien Land Adel, vom Gottesgnadentum ableitete und auf ewig privilegiert sehen wollte.
Zum Hochadel gehörte Melbourne auch nach seinem Aufstieg nicht, sein Vermögen wurde immerhin auf 1 Mio. Pfund Sterling taxiert. Und alle Vermögen wurden überhaupt aus der Kapitalisierung der Latifundien erwachsen. Die Familie hatte den begabten jungen Herren auf die beiden Eliteschulen des Landes geschickt, und zwar nacheinander nach Eton und Cambridge. Auf seinem Wege geriet der junge Melbourne an den berühmten Führer der Whigs, James Fox, und lernte bei ihm das Handwerk der englischen Politik. War er ein erfolgreicher politischer Karrierist, so versagte er auf privat-bürgerlichem Felde völlig. Er hatte eine Dame namens Caroline Pansanby geehelicht, diese aber an den begabten Abenteurer Lord Byron verloren. Der Dichter des Manfred, der Kämpfer für die politischen Rechte christlicher Griechen gegen islamische Türken, dem Friedrich Engels nachsagte, dass er zur rechten Zeit abgegangen sei, anders wäre er als Reaktionär zu seinen Vätern versammelt worden, brach die Herzen gelangweilter Ladies serienweise, aber er fiel, ehe sich die engelssche Vorhersage bewahrheiten konnte.
Die Frau des Premiers führte allerdings ein aus dem Rahmen fallendes exzentrisches Leben, das sie 1836 beschloss. Weshalb der berühmte und mit allen Wassern gewaschene Politiker die Bürde dieser skandalösen Ehe auf sich genommen hatte, anstatt sich von Caroline zu trennen, das verstanden nicht einmal die Zeitgenossen. Melbourne musste sich zeitweilig aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, was immer auch darunter zu verstehen ist, wenn nicht bloß der gesellschaftliche Rahmen eines Premiers, um aus der Schusslinie der Skandalpresse zu kommen. Andererseits vermochte die junge Königin, die mit ihrem neuen Lehrer täglich mehrmals zusammenkam, teils um tagespolitische Fragen zu besprechen, teils um sich von dem wesentlich älteren Mann leiten zu lassen, ihre Eifersucht auf die eine oder andere Geliebte des Premiers nicht völlig zu unterdrücken. Und ihr kam manches zu Ohren; eine Dame Branden war im Gespräch, eine andere, namens Norton löste sie ab oder umgekehrt und so fort.
Читать дальше