Der Empirismusbeziehungsweise die empirische Wissenschaft, auf der auch die differentielle Psychologie beruht, welche eng mit der Persönlichkeitspsychologie verbunden ist, entspricht schließlich dem Gedanken, dass Erfahrungallein und damit auch der verbundene Lernprozessdie einzige Quelleder Erkenntnissei, was wieder unterstreicht, dass man im Bereich der Verhaltens- und Persönlichkeitspsychologie nicht einfach so mit einem Lehrbuch oder einem Handbuch arbeiten kann, sondern man vielmehr durch die Praxis lernt und versteht, bis das „ Lesen eines Menschen “ irgendwann nichts weiter als ein unterbewusster Vorgang ist, der ganz von allein vonstattengeht. Der Gedanke von der Überzeugung von Beobachtungen für den Erkenntnisgewinn ist nicht nur in der Psychologie stark vertreten und wird mittlerweile als Hauptpraxisangesehen, sondern er entstammt vor allem dem Gedanken der Philosophie, von der fast alle Wissenschaften überhaupt erst abstammen. Grundlage jeder Wissenschaft ist schließlich die Methodologie, die Methodenlehre. So basieren physische und chemische Erkenntnisse auf den jeweiligen aufschlussreichen Beobachtungen der durchgeführten Experimente, welche eine These belegen und unterstreichen oder widerlegen sollen. In der Psychologie, die genauso als eine Wissenschaft angesehen wird, auch wenn sie deutlich mehr der nicht materiellen Ebene der Gedankenund Emotionenentspringt, ist dies ähnlich. So werden durch Selbst-oder auch Fremdbeobachtungen Einschätzungengegeben, die dann umgesetzt werden können. Empirischbedeutet dementsprechend nichts weiter, als Erkenntnisseund Verfahrenmit Erfahrungzu prüfen.
Mit dem Begriff “ Differentielle Psychologie ” wird am häufigsten der Zusammenhang mit dem Bereich der Persönlichkeitspsychologiegenannt.
Zwar ist die Persönlichkeiteines Menschen von der Geburt an von den Eltern und Erziehungsberechtigten geprägt, die diesem Kind, egal, ob nun Junge oder Mädchen, das vermitteln, was ihnen selbst beigebracht worden ist, und sie dementsprechend oftmals ihre Kinder nach ihrem Abbild formen, so ist jedes Kind doch vollkommen einzigartigund diese Einzigartigkeit wird sich im späteren Erwachsenenleben stark ausweiten und verbreiten. Manchmal entstehen dabei massive Unterschiedezu den eigentlichen Eltern, obwohl diese ihr Kind selbst aufgezogen haben und sie sich dementsprechend eigentlich gleichen müssten; meist zumindest. Diese Unterschiede entstehen oft durch äußere Reize; diese können positiv, allerdings meist auch negativsein. Während es bei dem Prinzip der klassischen Konditionierung darum geht, eine angeboreneStörung beispielsweise zu beheben, wie ein angeborenes Lerndefizit, welches das Aufwachsen eines Kindes entscheidend prägt, arbeitet die Reiz-Reaktions-Psychologie mit späterauftretenden, meist nichtangeborenen Reaktionen und Situationen, wie dem Zusammenzucken der Muskeln vor Angst, wenn eine Person gegenüber einer anderen ängstlichen Person die Stimme oder die Hand erhebt, weil eben genau diese Person mit so etwas bereits negativ in der Vergangenheit zu kämpfen hatte.
Das Prinzip der klassischen Konditionierung, also dass durch Lernen und Verstehen einer meist angeborenen Reaktion und dem dazugehörigen Verhalten eine neue Reaktion und ein neues Verhalten gegeben werden kann, wurde bereits 1904 von dem russischen Physiologen Iwan P. Pawlow entdeckt, aber erst mit dem Behaviorismus gewann die Persönlichkeitspsychologie an Popularität.
Besagter Behaviorismus (englisch; Behavior = Verhalten) wurde 1913 das erste Mal von John B. Watson begründet. Die sogenannte Reiz-Reaktions-Psychologiebeschäftigt sich mit der objektiven Erfassung und Messung des menschlichen Verhaltens in bestimmten Situationen.

Abbildung 4: Reiz-Reaktion
Vom Behaviorismus, der später zur eigentlichen Verhaltenspsychologie wurde, kam der Gedanke, dass die Psyche eines Menschen und damit auch dessen Reaktionen und Verhalten allein durch die Umweltdieser Person beeinflusst werden. Das hat vor allem mit Erinnerungenzu tun. Das Reiz-Reaktions-System erklärt sich so, dass durch einen bestimmten Reiz eine darauffolgende bestimmte Reaktion folgt. Es findet ein Lernprozessstatt. Beispielsweise lernen Tiere, vor allem Hunde, durch ein Belohnungssystem, welche Übung, welches Verhalten richtig und falsch ist. Ein Reiz, sei es, die morgendliche Zeitung zum Besitzer zu bringen, wird durch eine Belohnung als ein positiverReiz angesehen, welcher erinnertund abgespeichertwird, und genau durch diese Erinnerung folgt eine positiveReaktion, nämlich, dass der Hund seine Aufgabe erfüllt und die Zeitung zum Besitzer bringt, weil er nun jedes Mal eine Belohnung erwartet. Es wurde also auf einen bestimmten Reiz hin eine andere Reaktion gelernt, die es vorher nicht gab oder nur in veränderter Form. Dieser Lernprozessist allerdings nichtimmer positiv. Negativfunktioniert es genauso. Jemand, der beispielsweise Angstvor Spritzen und Injektionen hat, hat meist mit negativen Erinnerungenzu kämpfen, die in einem negativen Reizresultieren. Daraus entsteht eine negative Reaktion; die Angst vor Spritzen. Ein solcher negativer Reiz kann durch viele Situationen begründet werden, dabei muss diese Erinnerung nicht einmal wirklich existent sein. Es muss nicht unbedingt ein Vorfall bei der letzten Standardinjektion beim Hausarzt sein, sondern ein solcher Reiz kann auch aus Filmen heraus entstehen, wenn es in einem Horrorfilm beispielsweise um eine Tortur durch Spritzen ging. Selbst Träume, die unterbewusste Gedanken verarbeiten, können als negative Reize wahrgenommen werden, egal, ob es in diesen Träumen um etwas geht, was wirklich schon einmal passiert ist oder ob ein fiktionaler Gedanke verarbeitet wird. So oder so ist ein Reiz entstanden und in diesem Moment hat der Verstand den Reiz bereits als negativ aufgenommen und abgespeichert – und etwas Negatives zu verarbeiten, ist meist deutlich schwieriger, als neue, positive Reize zuzulassen oder überhaupt erst wahrzunehmen.
Darauf beruht das System der Persönlichkeitspsychologie. Schwierige Persönlichkeiten entstehen meist durch äußere Einflüsse. Das können die Eltern sein, die ihr Kind auf eine gewisse Art geprägt haben und in der Erziehung etwas falsch gemacht haben, was in unserer heutigen Zeit deutlich häufiger vorkommt, als es der Fall sein sollte oder aber es kann sich dabei um schwere Schicksalsschlägehandeln, wie traumatische Erfahrungen, die Angststörungen, Aggressionen, Narzissmus und auch die Fähigkeit, sich nicht von materiellen Dingen trennen zu können, hervorrufen.
Die differentielle Psychologie beschäftigt sich also mit dem Verhalteneines Menschen, wie es auch bei der Verhaltenspsychologie der Fall ist und analysiert aus den Erkenntnissen dessen Persönlichkeit, um psychisch erkrankten Menschen oder Personen, die durch schwere Zeiten gegangen sind, zu helfen und sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Alles in allem hängt die Persönlichkeitspsychologie stark mit der Verhaltenspsychologie zusammen und sie wird teilweise sogar als derselbe Themenbereich angesehen, allerdings ist die differentielle Psychologie meist komplexer und damit ein Folgeschrittder eigentlichen Verhaltenspsychologie.
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