»Maurer.« Er schüttelte ihr die Hand. »Meinen Vornamen kennen Sie offensichtlich schon.« Er lächelte.
»Ach, ja …«, sie kratzte sich am Hinterkopf, in der Hoffnung, dass ihr möglichst schnell eine schlaue Ausrede einfiel. »Ich war immer schon gut im Namen raten!« Oh mein Gott, dachte Sarah, halt einfach dein Klappe, du machst es nur noch schlimmer!
Seinen Namen hatte sie von einer Bedienung im Nanni’s Kaffeehaus erfahren, welche bei der Bestellung jeweils die Namen ihrer Kunden auf die Take-Away Kaffeebecher schrieb.
»Was ist denn eben vorgefallen?« Daniel riss Sarah aus ihren Gedanken und schaute verwundert auf ihre gerötete Wange, wo noch immer der Rest von Lukas` Spucke klebte. Anschließend deutete er zögernd auf den Kinderstuhl an ihrem Allerwertesten und zog seine Augenbrauen hoch. Den Stuhl hatte sie vor lauter Aufregung völlig vergessen. Sarah versank fast im Boden vor Scham und wischte sich mit dem Ärmel ihres roten Lieblingspullover (ihr Gesicht hatte mittlerweile die gleiche Farbe angenommen) den Rest des Speichels weg. Viel peinlicher kann es gar nicht mehr werden, sagte sich Sarah in Gedanken. Es ist jetzt absolut egal was ich tue oder sage, er wird mich ohnehin hassen.
»Ich hatte eben eine äußerst nette Bekanntschaft mit diesem Jungen.« Sie deutet auf Lukas. »Er hat mich zur Begrüßung an den Haaren gezogen und mir anschließend ins Gesicht gespuckt. Wirklich allerliebst!«, meinte Sarah, zerrte an dem Kinderstuhl und konnte schließlich ihr Hintern davon befreien. Sie stellte den Stuhl vorsichtshalber weit weg von sich und wandte sich dann wieder an Daniel.
»Ich wollte ihn in der KiTa begrüßen und mich mit ihm unterhalten. Offensichtlich versteht der Junge etwas anderes unter Unterhaltung. « Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und setzte eine bitte-nimm-mich-ernst Miene auf. Ihre Selbstachtung ist wieder ein bisschen gestiegen und sie fühlte sich ein wenig sicherer und mutiger.
»Lukas, was ist bloß los?« Daniel kniete sich zu dem Jungen hinunter und schaute ihm tief in die Augen. »Ich bin extra früher aus der Arbeit gekommen, um zu sehen, wie es dir hier geht, und dann muss ich erfahren, dass du bereits am ersten Tag solche Sachen machst. Ich habe deiner Mutter doch versprochen, dass ich dafür Sorge, dass du dich benimmst, und jetzt das hier! Was soll ich denn bloß Mami erzählen?«
Und das war es auch schon wieder mit Sarahs Selbstachtung. Sie kam sich vor wie ein Häufchen Elend. Das ist sein Kind, dachte sie geschockt. Er hat ein Kind, und dann erst noch so ein Balg. Und offensichtlich hat er auch eine Frau. Mein Traummann ist ein verheirateter Mann.
Sarah fiel wieder Fionas Rat mit dem Ehering ein und so schaute sie auf Daniels Hände, konnte jedoch an keinem seiner Finger einen Ring entdecken.
»Und ihr Name war nochmal Frau …?!«, fragte Daniel und schaute Sarah an.
»… Neumann.« Sarah reichte ihm nochmals die Hand. Einerseits aus Anstand, andererseits um genauer zu checken, ob der auch wirklich kein Ehering trug.
»Frau Neumann, es tut mir wirklich leid, was eben mit Lukas vorgefallen ist. Ich hoffe, dass das nicht wieder vorkommen wird. Lukas wird auch ausreichend dafür bestraft.« Er schaute zu Lukas, welcher neben ihm stand und beleidigt eine Schnute zog. Daniel sah wieder zu Sarah.
»Wollen Sie sich eine Strafe für ihn ausdenken? Schließlich, waren es ja Sie, die von ihm attackiert wurde.«
Na super, jetzt darf ich auch noch die böse Tante spielen, dachte Sarah.
»Ich denke es ist genug Strafe für ihn, wenn er weiterhin hier in die KiTa kommen muss«, witzelte Sarah und lächelte gequält. Und für mich ist es genauso eine Strafe, mahnte sie sich im Stillen selbst.
»Nun gut, wenn Sie sich das unbedingt antun wollen«, witzelte Daniel zurück. »Dann bringe ich ihn morgen wieder hierher.«
»Morgen werden wir sicher eine Menge Spaß haben. Wir wollen mit den Kindern einen Zoobesuch unternehmen.« Na ja, einen Versuch hat der Junge wahrscheinlich noch verdient, dachte Sarah lahm, und wenn ich dadurch seinen Vater wieder sehen konnte, machte das die ganze Sache fast wieder wett.
»Sehr schön. Also, dann bis morgen. Und nochmals Entschuldigung wegen dem unangenehmen Zwischenfall«, sagte Daniel. »Lukas, sag’ der netten Frau Neumann auf Wiedersehen.«
Lukas sah zu Boden und bekam nur ein missmutiges »Tschüss« zustande. Als Daniel ihn dann an der Hand nahm und mit ihm davonlief, drehte sich der Junge nochmals um und streckte Sarah seine vom Kaubonbon blau gefärbte Zunge raus.
»Na, das kann ja heiter werden«, murmelte Sarah vor sich hin und schaute den beiden nach. Dann ging sie zurück zu den anderen Kindern in der Tagesstätte und wappnete sich gedanklich bereits für den morgigen Tag.
Punkt Dreizehn Uhr stand Sarah vor dem Zoo. Die Kinder wurden von Eric gebracht. Immer zwei Kinder hielten sich gegenseitig an den Händen, damit Eric sie besser unter Kontrolle hatte und auf einen Blick sehen konnte, ob alle anwesend waren.
»Zwei, vier, sechs, … Lukas, hör auf Tanja in den Arm zu zwicken!« Eric ging zu Lukas und kniete sich vor ihm auf den Boden.
»Lukas, wenn du das noch einmal tust, werde ich dir dein Schokoladeneis wieder wegnehmen müssen! Und das möchtest du doch nicht, oder?!«
Lukas schaute zuerst auf sein Eis, dann zu Eric und anschließend wieder auf sein Eis. Dann entschied er sich Tanja ein weiteres Mal in den Oberarm zu kneifen. Tanja fing an zu weinen und ließ vor lauter Empörung ihr eigenes Eis fallen. Eric zögerte keine Sekunde, nahm Lukas Eis und hielt es Tanja hin.
»Das hast du jetzt davon!«, sagte er zu Lukas und wandte sich anschließend an Tanja.
»Hier, Tanja, du kannst Lukas` Eis haben.« Doch Tanja wusste nichts Besseres, als das fast vollständig geschmolzene Schokoladeneis zu nehmen und es Lukas ins Gesicht zu drücken.
»Tanja!«, rief Eric empört.
Sarah musste innerlich lachen. Geschieht dir ganz recht, Lukas, dachte sie im Stillen.
»Eric, ich mach das schon, geh du jetzt zu deinem Termin«, sagte Sarah zum erschöpft aussehenden Eric.
»Hmm«, grummelte Eric, der gerade versuchte dem schreienden Lukas das Eis mit einem Taschentuch aus dem Gesicht zu wischen. »Na gut, aber ich komme noch rasch mit dir rein und schauen nach den Kids während du mit Lukas und Tanja in den Waschraum gehen kannst«, meinte Eric dann.
»Kommt Kinder, jetzt gehen wir Tiere schauen«, sagte Sarah und schleuste die bereits ungeduldig gewordenen Kinder durch den engen Zooeingang.
Als schließlich alle im Zoo waren und Sarah die Kleinen zum Löwenkäfig gebracht hatte, wo Eric mit ihnen die mächtigen Löwen bestaunte, nahm sie Tanja und Lukas an den Händen und marschierte mit ihnen zur Toilette. Lukas bestand darauf sich selbst zu waschen, was sich jedoch als Reinfall herausstellte, denn danach waren seine Kleider klitschnass, sein Gesicht jedoch immer noch mit Eis bekleckert. Lukas befand sein Werk jedoch als vollendet und rannte voller Überzeugung, dass er wieder blitzblank war, aus dem Waschraum.
»Lukas, warte, du bist doch noch gar nicht sauber!«, rief ihm Sarah hinterher, die gerade damit beschäftigt war, Tanjas klebrige Hände zu waschen.
Einen Augenblick später standen Sarah und Tanja wieder bei den anderen Kindern beim Löwenkäfig.
»Ich muss nun wirklich los«, meinte Eric mit einem Blick auf seine Armbanduhr. »Ich wünsche dir viel Vergnügen !«, er zwinkerte Sarah zu und eilte dann aus dem Zoo.
Sarah schaute sich um.
»Moment mal, wo ist Lukas?!«
Nach einer Dreiviertelstunde intensiver Suche nach Lukas kapitulierte Sarah. Sie hatte die Kinder dreimal im Schnelldurchlauf durch den ganzen Zoo gejagt. Die Kinder schauten die Tierchen an und Sarah hielt Ausschau nach Lukas. Dabei kamen sie auch bei den Gorillas im Affenhaus vorbei, was sich leider zu einem Desaster entwickelte. Die Affen waren dabei die Bananen, welche ihnen der Zoowärter gerade gegeben hatte, zu zerquetschen, drauf zu hauen und anschließend den ekligen Bananenbrei zu fressen. Florian nahm kurzerhand seine Banane, die die Kinder zum Lunch erhalten hatten, legte sie sorgfältig auf den Boden und sprang dann mit einem Tarzan-Geschrei auf die Frucht, so dass die Banane aus ihrer Schale katapultiert wurde und im ganzen Affenhaus herumspritzte. Leider saß in unmittelbarer Nähe eine ältere Dame, welche dank Florians Aktion schließlich von oben bis unten mit Bananenmus bekleckert war. Florian schaute dem Spektakel mit großen Augen zu, doch als er die alte Frau sah, wie sie wütend herumwetterte, macht er sich schnell aus dem Staub. Sarah musste die Frau beruhigen und entschuldigte sich abermals. Nach einem langen Vortrag von der Bananenfrau darüber, dass man den Kindern schon in der Spielgruppe Moral und Anstand beibringen sollte, entschuldigte sich Sarah noch weitere fünf Mal und ging dann wieder nach draußen, um nach Florian zu schauen. Dieser erzählte den anderen Kindern aufgeregt, was gerade geschehen war. Sarah hatte jedoch keine Zeit Florian eine Standpauke zu halten, sie musste jetzt zuerst Lukas finden. Doch als alle bei dem See mit den Schwänen vorbeikamen, war bereits das nächste Unglück vorprogrammiert. Nina wollte unbedingt einen Schwan füttern, da sie jedoch gerade keine Brotstückchen hatte, versuchte sie es mit einem kleinen Kieselstein. Der Schwan war natürlich nicht dumm und bemerkte rasch, dass er hinters Licht geführt wurde. Mit großen Flügelschlägen kam er aus dem Wasser gestürmt, fauchte Nina an und zwickte ihr in den Finger, woraufhin Nina fürchterlich anfing zu weinen. Sarah versuchte sie zu trösten, indem sie ihr ein rotes Pflaster mit Erdbeergeschmack auf den angepickten Finger klebte (eigentlich war nichts zu sehen, aber das Pflaster schien eine beruhigende Wirkung auf Nina zu haben). Auf jeden Fall war Nina wieder glücklich, doch das Glück sollte nicht von langer Dauer sein. Denn offensichtlich gefiel auch dem Schwan der Geschmack des Pflasters und schwuppdiwupp steckte Ninas Hand wieder im Schnabel des Tieres. Erneut ging die Heulerei los und Sarah war mit den Nerven am Ende.
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