»Frau Sarah, wieso darf Samuel an die Wand malen und ich nicht?«, fragte Timo mit großem Unverständnis und riss Sarah aus ihren Gedanken.
»Samuel!« Sarah schoss hoch und eilte zum vierjährigen Jungen, dessen Mutter gerade mal sechzehn war, als sie ihn zur Welt brachte.
»Samuel, was machst du denn da?« Sie nahm ihm den mit Wasserfarbe verschmierten Pinsel aus seinen kleinen Händen. Mit glasigen Augen schaute er Sarah an und meinte: »Zuhause habe ich Mami auch geholfen, die Wände schön zu machen. Mami hat gesagt, dass ich das toll mache. Sie hat gesagt, dass ich später mal ein großer Künstler werde.« Samuel kullerte eine Träne über die Wange, welche schließlich in einer seiner Mundecken verschwand. Sarah schaute die Wand an, welche mit verschieden farbigen Kritzeleien verziert war.
»Samuel, ich verrate dir jetzt ein Geheimnis«, sagte sie tröstend. »Weißt du, die wirklich großen Künstler malen auf Leinwände.« Sie holte einen Stuhl und stellte darauf einen großen Papierblock. »Hier mein Süßer, das ist eine Leinwand für große Künstler.« Über Samuels kleines Gesicht huschte ein fröhliches Lächeln und kurze Zeit später wedelte er mit viel zu viel Farbe am Pinsel über die bald nicht mehr erkennbare weiße Fläche des Papierblocks.
Als Sarah am Abend nach Hause kam, hängte sie ihre Tasche in die Garderobe und schaute sich nach ihrem Kater um. Normalerweise kam er sie jedes Mal an der Wohnungstür begrüßen, wenn sie die Tür öffnete.
»Miez, miez, miez. Tim, wo steckst du?« Als Sarah in die Küche ging, musste sie feststellen, dass ihr dicker Kater wortwörtlich in der Katzenklappe in der Balkontür steckte. Alles was sie von ihrem Kater sah, waren seine gestreckten Hinterläufe und seinen Po. Sarah zog kräftig daran, während Tim wie wild miaute. Als sie den Kater aus seiner misslichen Lage befreit hatte, rannte er schnell ins Wohnzimmer und verkroch sich unter dem roten Sofa.
»Also entweder ist die Katzenklappe zu eng oder du bist zu dick!«, rief Sarah ihm hinterher. »Wobei das Letztere wohl eher zutrifft.« Sie seufzte und entschied sich ihrem Kater heute nur eine halbe Portion zu Fressen zu geben. Als Tim sein Fressen in den Futternapf rieseln hörte, kam er blitzschnell wieder unter dem Sofa hervorgekrochen und schoss in die Küche. Als er jedoch bemerkte, dass der Fressnapf nur halbvoll war, bestrafte der Sarah mit einem verachtenden Blick, als sie ihm über den Rücken streichelte. Sarah war jedoch zu müde für "Diskussionen" und wärmte sich hungrig und erschöpft die Reste vom gestrigen Abendessen in der Mikrowelle auf und setzte sich dann zum Essen vor den Fernseher.
Um ein Uhr in der Früh wachte sie vor dem Fernseher auf und musste entsetzt feststellen, dass auf dem Sender, auf welchem sie sich vorhin einen schnulzigen Spielfilm angeschaut hatte, nun ein schlechtgemachter Sexfilm flimmerte. Sie schaltete den Fernseher aus und schlenderte ins Schlafzimmer. Ihr Schlafzimmer war etwas Besonderes für sie. Es war ihre Entspannungsoase. Die Wand hinter dem kleinen Doppelbett, welches mit etlichen Plüschkissen dekoriert war, war in einem zarten Flieder gestrichen. Vor dem Fenster hingen lange halbtransparente Vorhänge und auf jeder einstmalig freien Fläche befanden sich duftende Kerzen und Fotos von Familie und Freunden. Neben dem Bett saß ein menschengroßer Pink Panther, welchen sie damals von ihrer nun verstorbenen Tante zur Konfirmation geschenkt bekommen hatte. Andere Kinder erhielten zur Konfirmation von ihren Verwandten Geld oder teure Geschenke, Sarah hingegen kriegte einen riesigen Pink Panther. Aber es kam noch besser, denn ihr etwas seniler Großvater schenkte ihr ein Zahnspangenreinigungsgerät. Dabei hatte sie nicht mal eine Zahnspange!
Müde schlüpfte Sarah unter die Bettdecke, streichelte ihrem Pink Panther über den Kopf und löschte das Licht.
Am Morgen wurde Sarah von ihrem Kater geweckt, welcher quer über ihrem Gesicht lag.
»Tim!«, kreischte sie und stieß das dicke Tier von sich. »Was soll das?!«
Der Kater miaute jedoch nur kurz, hüpfte vom Bett und trottete dann gemütlich aus dem Zimmer. Sarah wischte sich die Katzenhaare vom Gesicht, schaute auf ihren Wecker und stellte fest, dass sie eine Stunde zu früh dran war. Trotzdem wuchtete sie sich mühsam aus dem Bett und ging in die Küche.
»Du manipulatives, dickes Ding, du! Legst dich aus Protest auf mein Gesicht, damit ich wach werde und dir dein Frühstück serviere«, meinte Sarah kopfschüttelnd zu Tim und kippte Trockenfutter in sein Fressnapf. Tim schlich freudig um Sarahs Beine und schnurrte, in der Hoffnung, dass Sarah diesmal den Fressnapf bis obenhin füllen würde. Sie stellte den vollen Napf auf den Boden und keine Millisekunde später fiel der Kater darüber her.
»Warte nur, Bürschchen. Dich setze ich bald komplett auf Diät. Wenn es so weitergeht, muss ich dich ja demnächst durch die Wohnung rollen, weil du zu fett zum Gehen bist!«, sagte Sarah auffordernd zu Tim, den es aber herzlich wenig interessierte und genüsslich sein Katzenfutter herunterschlang. Sarah verdrehte die Augen und ging zurück ins Schlafzimmer.
Gute drei Stunden später traf sie sich mit ihren zwei engsten Freundinnen in der Stadt. Sarahs Schicht in der Kindertagesstätte begann erst am Nachmittag und so hatte sie am Vormittag Zeit, etwas mit ihren Freundinnen zu unternehmen.
»Hallo, Sarah. Wie geht es dir?« Barbara umarmte ihre Freundin. Doch Sarah kam gar nicht erst zum Antworten, schon klingelte aus Fionas Handtasche in ohrenbetäubendem Lärm ihr Smartphone (Klingelton: Like a virgin von Madonna, unpassender ging es gar nicht).
»Hi, Süße.« Fiona hauchte Sarah schnell drei Küsschen auf die Wangen. »Sorry, da muss ich ran, ist bestimmt wichtig«, meinte Fiona und ging ans Telefon.
»Ja bitte? … Tom! Ist die Lieferung endlich gekommen?!…« Mit einem Wink machte sie den anderen beiden Frauen klar, dass es einen Moment lang dauern würde. Und einen Moment bedeutete bei Fiona immer etwa eine Viertelstunde.
Zwanzig Minuten später (Fiona hatte sich mal wieder selbst übertroffen) verabschiedete sie sich endlich von ihrem Anrufer und meinte biestig: »Sind doch alle nur nutzlose Idioten! Immer muss ich alles selbst in die Hände nehmen.« Sie verdrehte ihre stark geschminkten Augen und stemmte protestvoll ihre schön manikürten Hände in die Hüpften.
Sarah hatte Fiona Haller vor gut fünf Jahren in einem Fitnesskurs kennen gelernt. Fiona war dort um ihren, Zitat: »scheußlich dicken Beinen« Fett abzutrainieren, und Sarah, um ihren »scheußlich dünnen Beinen« Muskeln anzutrainieren. Sarah und Fiona waren eigentlich so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Mit ihrer Größe von 1.76 m, ihrem athletischen Körper, der schwarzen Lockenpracht und den stahlblauen Augen war Fiona eine Erscheinung. Sarah daneben wirkte eher unscheinbar. Sie war mit 1.68 zwar nicht unbedingt klein, aber schien durch ihre eher magere Gestalt, ihren schlaksigen Gang und ihre braunen, schulterlangen Haare beinahe uninteressant. Auch charakterlich waren Sarah und Fiona gänzlich unterschiedlich. Fiona war laut, impulsiv und direkt, Sarah hingegen eher ruhig, zurückhaltend und unsicher. Während Sarah ein schlichtes, unspektakuläres Leben führte und als Kinderbetreuerin arbeitete, betrieb Fiona, nach eigenen Angaben, ein bekanntes Modelabel als selbsternannte Modedesignerin . Eigentlich war sie die Abteilungsleiterin einer Boutique im hiesigen Einkaufszentrum, aber jeder Mensch brauchte halt seine Motivation. Also machte sie es zu ihrem Job alle Angestellten herumzukommandieren und sie zusammenzustauchen, wenn nicht alles so klappte, wie Fiona das gerne gehabt hätte.
Trotz all der Unterschiede verstanden sich Sarah und Fiona, auf eine sich neckende Art, erstaunlich gut und auch ihr gemeinsamer Wunsch nach einem eigenen Kind verband die beiden Freundinnen.
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