Ich höre, wie die Kinder die Haustür öffnen, flüchte panikartig ins Badezimmer.
Die Welt hat rasendes Tempo aufgenommen – alles geht so schnell, ich kann kaum noch Schritt halten. Keine Zeit, nur kein Stehenbleiben. Termine da, Erledigungen dort, alles muss sofort gemacht werden, nichts aufschieben - noch schneller, noch mehr, noch besser…nur nichts vergessen, weitere Fehler unleistbar…!
Anfang April kommt es dann zu sehr heftigen Auseinandersetzungen mit meiner damaligen Frau. Es wird gestritten, geweint und geschrien. Einiges wird an die Oberfläche gespült… Es gibt Wortgefechte die häufig bis in die späten Nachtstunden hineinreichen. Auch eine Scheidung steht plötzlich im Raum…! Ruhe zu finden, daran ist nicht mehr zu denken.
In den folgenden Tagen und Wochen geschehen Dinge, die sehr persönlich sind und die ich größtenteils für mich behalten möchte. Nur so viel: Es sind keine schönen Dinge… Ich verletze und ich werde verletzt. Es sind Gratwanderungen… Ich enttäusche und ich werde enttäuscht. Ich täusche und lüge und ich werde getäuscht und werde belogen. Meine Theaterbühne besteht aus verschiedenen wackeligen Ebenen, verschiedene Personen, Charaktere spielen in diesem dramatischen Abschnitt meines Lebens die Hauptrollen. Akte werden teils parallel aufgeführt. Es ist eine undurchsichtige, schwer begreifbare Episode in meinem Schauspiel des Lebens! Die Dramaturgie nimmt viele überraschende Wendungen vor. Schwere Entscheidungen liegen vor mir… (Entscheidungen, die ich in meinem Zustand nicht mehr zu treffen in der Lage war!)
Ich weiß, dass ich seit geraumer Zeit extremen Raubbau an meinem Innenleben betreibe, der mich auffrisst wie die biblische Heuschreckenplage – doch so verzweifelt ich auch versuche, mich dagegen zu wehren - ich scheine ihm ausgeliefert zu sein, kann nichts dagegen tun!
Nun erwische ich mich immer öfter bei völlig wirren Taten. Einmal rase ich bei Dunkelheit und Regen mit meinem Opel mit voller Geschwindigkeit über die kurvenreiche, unübersichtliche Landstraße. 150, 160 Sachen! 80iger Beschränkung, Gegenverkehr – egal! Musik auf volle Lautstärke…Bum, Bum, Bum… das Gaspedal auf Anschlag… „Wie wär’s jetzt damit, einfach mal kurz das Licht auszuschalten oder die Augen zu schließen und sie erst wieder zu öffnen, wenn ich ganz langsam bis fünf gezählt habe? Oder eine Vollbremsung?“ Erst allmählich komme ich wieder halbwegs zur Vernunft – ich schäme mich!
Einige Aktionen sind an der Grenze der Legalität, manche komplett sinnlos…dumm! Woher kommt diese Aggression in mir, so kenn ich mich gar nicht!? Warum mach ich das? ...Egal! Mann, bin ich ein Depp! ...Egal!
Zack – ein kräftiger Fußtritt! Der Außenspiegel eines wildfremden Autos fällt einem meiner spontanen Wutanfälle zum Opfer. Ich erschaudere über mich selbst. Mein Gott, was ist nur mit mir los? Bei manchen Dingen stehe ich komplett neben mir, erst im Nachhinein scheint mein Verstand sich einzuschalten – mich zu rügen, zu ermahnen. Ich habe mich ja teilweise gar nicht mehr unter Kontrolle – so etwas entspricht so gar nicht meinem Naturell – habe ich doch Gewalt immer abgelehnt! Meine Wertvorstellungen und Ideale sind nur mehr ein Schatten ihrer selbst! Bin ich noch normal, zurechnungsfähig? Bin ich mit diesem Verhalten überhaupt noch tragbar für diese Welt?
Verdammt, was geschieht denn da? Noch vor ein paar Monaten schien ich ein perfektes Leben führen zu können und plötzlich wendet sich alles gegen mich! Überall um mich herum herrscht Chaos: Im Büro, in unserem Haus und im Garten, im ganzen Weltgeschehen – und vor allem in meinem Kopf!
Einschneidende Veränderungen in meinem Leben zeichnen sich ab. Ich spüre, dass etwas Schlimmes bevorsteht, weiß aber nicht genau, was, wie und wann…
… und warum!!
Meine Gedanken, Gefühle, Sorgen, Ängste finden keine Linie, kein Ziel und keinen Hafen mehr, in dem ich die Rettungsanker auswerfen kann. Sie beginnen sich zu wälzen, brachliegend am dreckig-schlammigen Grund der Seele, ziehen sich in die Länge, schlängeln dahin und formieren sich zum Kreise. Jeder neue Tag bringt eine immens hohe Sprosse, die Zukunft wird zur instabilen Leiter, die ins schier Unendliche ansteigt. Ein Ende der Leiter ist nicht mehr zu erblicken. Es wird immer düsterer. Zukunftsleiter und Angstkreis formieren sich zu einer Einheit. In meinem Kopf steht es nun, starr, die Säulen einzementiert: Das Hamsterrad – manifestiert aus Problemen und den Angstzuständen... Die Zukunftsängste sind zur Materie geworden – ich laufe und laufe und laufe… in meinem eigenen Hamsterrad der Angst.
Regelmäßiger, tiefer, entspannender Schlaf ist mir zum Fremdwort geworden. Ich komme gar nicht mehr in eine Tiefschlafphase – kann mich auch an keine Träume erinnern.
Ich beschließe meinen Hausarzt in meinen Gemütszustand einzuweihen. Am Dienstag nach Ostern will ich Arthur, meinen Hausarzt, gleichzeitig ein guter persönlicher Bekannter von mir konsultieren. Er befindet sich aber noch im Urlaub (in Ägypten, die Lage hat sich dort mittlerweile wieder entspannt…!) und so fahre ich zu seiner Vertretung in den Nachbarort. Hoffentlich treffe ich keine Bekannte, hoffentlich redet mich keiner an. Ich sitze im Warteraum und zittere. Ob man mir meine innere Angst anmerkt? Sehr aufgeregt erzähle ich dem Arzt von meinen Ängsten und meiner Schlaflosigkeit, über die genauen Ursachen möchte ich aber nicht mit ihm sprechen. Er beschwichtigt, verschreibt mir ein paar Pillen und drückt mir eine Krankenstandsbescheinigung in die Hand - für den Rest der Woche solle ich zuhause bleiben. Die Tabletten würden allerdings erst in zwei bis drei Wochen ihre Wirkung zeigen. Es müsse sich erst ein gewisser Spiegel im Gehirn aufbauen. Am Ende des Gesprächs fragt er mich: „Es sind aber schon Probleme, für die es eine Lösung gibt, Herr Pammer, oder?“ „Ja, ähm…sicher…!“ lautet meine kurze Antwort und ich verlasse mit gesenktem Kopf die Ordination. Sicher bin ich mir bei Gott nicht mehr!
Ich komme heim vom Arzt, niemand zuhause, die Kinder im Kindergarten bzw. Schule, meine Frau in der Arbeit. Es ist 10 Uhr Vormittag – Stille! Alles so gespenstisch ruhig. Ich blicke mich um… das Haus, es erscheint mir so riesig… mein Zuhause, mein Stolz der letzten Jahre… es scheint keinen Wert mehr zu besitzen, empfinde es nun als Hypothek, als selbst gezüchtete Belastung! Ich gehe auf die Terrasse - die Umgebung, so weit weg, ungreifbar. Ich schalte den Fernseher ein, es laufen alte Sketche mit Anke Engelke… eigentlich genau meine Art von Humor, über den ich lachen kann. Lustig? Irgendwann, irgendwo ist mir in den letzten Wochen mein Humor entwischt… meine Lust und meine Freude, meine positiven Energiequellen sind ihm gefolgt, ohne dass ich es bemerkt hätte. Vor mir liegt die Packung Antidepressiva… kleine, unscheinbare Pillen. Können sie mir bei der Suche nach meinen verloren gegangenen Antriebsfedern helfen?
Wenige Tage nach dem Osterfest ist mir also klar: Ich leide an einer Depression! Jetzt steht es fest! Anfänglich habe ich meine ersten Symptome gar nicht richtig wahrgenommen. Dann dachte ich mir, dies sei alles nur eine vorübergehende Gemütsstörung. Auch als sich allmählich alles verschlimmerte, dachte ich noch nicht an eine Krankheit. Doch nun ist es tatsächlich soweit – und diese Erkenntnis ist verdammt hart und tut so immens weh! Verdammt - ich will nicht!!
Meine Hände beginnen immer öfter zu zittern und ich fühle mich kraftlos. Immer wieder dieser Druck im Brustkorb. Schlafen wird zur Tortur. Häufig fahre ich, kurz bevor ich tatsächlich einzuschlafen scheine, wie vom Blitz getroffen hoch – es ist wie ein heftiger Stromschlag. Ähnlich wie wenn man träumt, man gehe über eine Brücke, die plötzlich unter einem zusammenstürzt. Oder man falle im Traum ins Bodenlose… Kochend heiße Lava strömt durch die Adern.
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