„Miss Austen, da sind Sie ja! Wie schön, ich freue mich, Sie zu sehen! Ich hoffe, Sie haben gut hergefunden?“ Ich drehe mich um und kann Mr. Rutherford kaum ins Gesicht schauen, weil er mich so schnell in den Arm nimmt um mich zu begrüßen.
„Hallo, Mr. Rutherford. Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich, hier zu sein. Wie geht es Ihnen?“ Wir führen den üblichen Smalltalk, nachdem ich Samuel vorgestellt habe, der eher zurückhaltend ist.
„Was machen Sie denn nun eigentlich beruflich? Haben Sie wieder in die Bank gefunden?“
Ich erzähle ihm, dass ich zwar wieder für eine Bank arbeite, dort allerdings nur am Schreibtisch sitze, was völlig okay für mich ist.
„Oh, dann haben Sie vielleicht in den Nachrichten verfolgen können, dass wir letztes Jahr einen großen Rechtsstreit gewonnen haben? Es ging um einen Betrugsfall, in den wir angeblich verwickelt gewesen sein sollen.“ Ich schaue ihn verdutzt an und schüttle den Kopf.
„Nein, das ist scheinbar an mir vorbeigegangen.“ Betreten weiche ich seinem Blick aus.
„Oh, das macht doch nichts. Wir hatten einen super Anwalt, der uns da rausgebracht hat. Ah, da ist er ja schon. Hallo, kommen Sie ruhig her!“
Er winkt jemanden zu sich, ein junges Pärchen, das sich neben mich stellt. Ich hebe den blick und schaue nach rechts, ehe mein Herzschlag aussetzt. Mr. Rutherford scheint nichts davon zu bemerken und redet unbeirrt weiter.
„Mr. Bold, wie schön, dass Sie es einrichten konnten.“ Vielleicht war es ganz gut, dass ich von den Nachrichten zum Gerichtsverfahren nichts mitbekommen habe. Ich sehe ihn an, und auch er erkennt mich in diesem Augenblick. Nur aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass auch er nicht alleine hier ist. In diesem Moment wünsche ich mir, ich hätte die Einladung abgelehnt, aber nun ist es zu spät.
Timothy
Ich verschlucke mich beinahe, als ich meinen Kopf nach links drehe und die Dame neben mir höflicherweise begrüßen will. Meine Hand bleibt auf halber Strecke in der Luft hängen, als ich sie erkenne.
Elizabeth.
Ich wusste nicht, dass sie auch eingeladen war und hatte nicht erwartet, sie hier zu sehen. Ich hatte ohnehin nicht erwartet, sie überhaupt je wiederzusehen. Als sie damals ging, klang es nach einem endgültigen Abschied. Das Schicksal sollte uns wieder zusammenführen, hatte sie geschrieben. Ich habe gewartet, lange sogar.
Bis ich Jane fand, die mich an diesem Abend begleitet. Und auch Elizabeth ist nicht alleine, wie ich sehen kann. Endlich finde ich meine Sprache wieder und versuche, so locker wie möglich zu klingen, obwohl ich angespannter bin denn je.
„Hallo Elizabeth. Das ist ja eine Überraschung.“ Ich strecke ihr noch immer die Hand hin, und zögerlich nimmt sie meine Geste an. Gott, alleine diese kurze Berührung lässt mich innerlich zusammenzucken und ruft sämtliche Erinnerungen wach.
Erinnerungen, sie waren unser Problem.
„Hallo Tim. Ganz gut, danke.“ Ich bin mir nicht sicher, aber ich könnte schwören, sie ist ebenfalls nervös.
„Oh, Sie kennen sich? Das ist ja schön“, meldet sich Mr. Rutherford zu Wort.
„Ja, wir hatten mal miteinander zu tun.“ Verstohlen werfe ich einen Blick auf Jane, die ziemlich ratlos aussieht. „Jane, darf ich vorstellen: Elizabeth Austen. Elizabeth, das ist Jane Miller.“ Die beiden reichen sich die Hände, und es kommt mir beinahe schon absurd vor, dass wir uns hier alle in einem Raum befinden.
„Das hier ist Samuel Dalton. Samuel, das ist Timothy Bold, der Anwalt der Bank.“ Wir reichen uns ebenfalls die Hände, aber ich glaube, dieser Typ wirkt nicht gerade erfreut, mich zu sehen. Ob er wohl etwas ahnt und eifersüchtig ist? Er macht allgemein einen eher reservierten und griesgrämigen Eindruck auf mich. Wie konnte Elizabeth nur an so jemanden geraten? Ach, wenn doch damals nur alles anders gekommen wäre …
Dieser Samuel kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich kann mich auch täuschen. Ich habe mit so vielen Menschen zu tun, dass ich mir nicht immer alle Gesichter merken kann, aber hätte er mich erkannt, hätte er sicher etwas gesagt.
„Dann lass ich Sie mal alleine. Sie haben sich sicherlich viel zu erzählen. Fühlen Sie sich wie Zuhause und lassen Sie es sich gutgehen.“ Mit diesen Worten verschwindet Mr. Rutherford zu seinen nächsten Gästen. Betreten stehen wir da und schweigen uns an. Ich fühle mich seltsam, steht doch meine Freundin neben mir, obwohl es das Schicksal ausnahmsweise mal gut mit mir meint und ich ausgerechnet hier und jetzt Elizabeth begegne. Meine Gedanken kreisen wild umher und ich bemerke kaum, wie Jane versucht, meine Aufmerksamkeit zu erregen.
„Oder hast du etwa keinen Hunger?“ Verwirrt schaue ich sie an, nicke dann jedoch eifrig.
„Doch, doch. Einige Häppchen, natürlich. Wollt ihr auch was?“, wende ich mich an Elizabeth und ihren seltsamen Begleiter.
„Ja, gerne. Komm, Sam, wir holen uns auch eine Kleinigkeit.“ Sie nimmt ihn an der Hand und zieht ihn mit sich, und ich tue es ihr gleich und nehme Jane bei der Hand. Zu viert steuern wir das riesige Büffet an. Ich habe Mühe, meinen Blick von Elizabeth abzuwenden. Wenn ich sie so betrachte fällt mir auf, dass sie noch genauso aussieht, wie in der Zeit vor ihrer Amnesie, als wir noch glücklich zusammen waren. Schick, edel gekleidet, die Haare in der Reihe und ein freundliches Lächeln im Gesicht. Trotzdem kann ich die Unsicherheit in ihren Augen erkennen. Es muss sie viel Überwindung gekostet haben, hierherzukommen. Ich weiß nicht, wie es derzeit um ihren Zustand steht, aber ich bin mir sicher, dass sie hier an vieles erinnert wird, Positives sowie Negatives. Ich kann nur hoffen, dass meine Person zu den positiven Dingen gehört und dass sie diese Erinnerungen nicht unterdrückt.
Eigentlich sollte ich nicht so denken. Unsere Zeit war schön, wenn auch turbulent, und sie ist vorbei. Wir haben beide neue Partner und scheinen glücklich zu sein. Auch wenn ich immer gehofft hatte, dass wir wieder zusammenfinden, habe ich mich auf Jane eingelassen, und ich mag sie wirklich sehr. Ich habe sie bei Gericht kennengelernt, sie ist Urkundsbeamtin beim Central Court und ist mir vor einem halben Jahr bei einer Verhandlung positiv aufgefallen. Nach mehreren Sitzungstagen haben wir uns zum Abendessen verabredet und sind seitdem zusammen. Wir verbringen möglichst viel Zeit miteinander, und mit der Zeit habe ich gelernt, diese Zeit mit ihr zu genießen und meine Gefühle für Liz, wie ich sie immer gerne genannt habe, in den Hintergrund zu drängen und mich damit abzufinden, dass ich sie endgültig hinter mir lassen muss.
Aber nun, da sie hier neben mir steht, weiß ich nicht, was ich denken oder fühlen soll. War es nicht so gewesen, dass sie in ihrem letzten Brief an mich selbst schrieb, dass das Schicksal uns wieder zusammenführen würde? Nun, scheinbar hat es das, aber auf eine andere Art und Weise, wie ich gehofft hatte. Scheinbar haben wir beide unsere Chance verpasst. Also versuche ich, das zu nehmen, das ich kriegen kann.
„Und, wie geht es dir? Was machst du denn jetzt?“
„Ich arbeite wieder bei einer Bank im Büro und kümmere mich um die Schreibarbeit. Was du machst, brauche ich dich wohl nicht zu fragen.“ Liz lacht, und sofort schmelze ich dahin. Wenigstens ihr Lachen hat sie bei dem Anschlag nicht verloren, es ist noch immer das Lachen, das ich von ihr kenne und das ich bis heute tief in meinem Herzen trage. Samuel beobachtet uns von der Seite und wirkt nicht sonderlich begeistert über unsere lockere Unterhaltung. Jane hingegen hat sich dem Essen gewidmet, das wir gemeinsam an einem der Stehtische zu uns nehmen.
„Werdet ihr heute hier übernachten?“, richtet Liz die Frage an Jane und mich als Paar.
„Nein, wir fahren wieder nach Hause. Aber ihr werdet doch sicher hierbleiben über Nacht, oder?“ Liz schüttelt den Kopf.
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