»Und wo wollen Sie … solch eine Person finden?«
Er hatte gleich den Schwachpunkt gefunden, das war ja auch kein Kunststück. Jetzt war es wichtig, sich keine Unsicherheit anmerken zu lassen. Ich sah ihm in die Augen. »Wir suchen. Das ist ja die Idee. Ich kann Sie dabei natürlich gerne unterstützen.« Alte Freelancer-Gewohnheit. Als Freiberufler sollte man stets versuchen, sich einen Folgeauftrag zu sichern, das ist auf jeden Fall einfacher als Neu-Akquise. »Ich denke, wir werden am ehesten in Afrika, Lateinamerika oder Südostasien fündig. Sagt mir mein Gefühl. Schön, nehmen wir den Nahen Osten noch mit dazu, aus historischen Gründen, sozusagen.« Ich zwinkerte ihm zu. Wie sollte ich den Typen ernst nehmen? Er sah ja wirklich aus, als sei er gerade einem Agentenfilm entsprungen, wo er »Villain #3« spielte.
Der Anzugmann schwieg und vermittelte den Eindruck, intensiv nachzudenken. Vielleicht zählte er auch nur still bis zehn, ich glaube nicht, dass er für selbständiges Denken bezahlt wurde. »Ich spreche mit meinen Vorgesetzten.«
»Ich kann denen gerne noch mal die Idee vorstellen.«
»Das wird nicht nötig sein, ich habe gut verstanden.« Na klar hast du das, du Arschloch, schimpfte ich mich selbst. Ich bin so ein Idiot.
Er ließ mich allein und ich überlegte, ob ich im Zimmer warten sollte. Nach ein paar Minuten verlor ich aber die Geduld und machte mich auf zum Speisesaal. Anderson oder einer seiner Agenten würden mich schon finden, so groß war das Hotel nun auch nicht.
Beim Frühstücksbuffet sahen mich einige ziemlich komisch an, was wohl an meiner Nachricht lag. Falls sie sie schon bekommen und gelesen hatten. Und meinem Gesicht zuordnen konnten. Zur Sicherheit versuchte ich, gewinnend zu lächeln, aber das ist mir bestimmt misslungen. Ich stelle mir in solchen Fällen immer vor, dass ich George Clooney bin, aber das bin ich eben nicht. Also bin ich nervös herumgestolpert, habe dünn gelächelt und sah wahrscheinlich aus wie das personifizierte schlechte Gewissen. Verdammte Realität, das ist genau der Grund, weshalb ich Computerspiele liebe. Warum kann ich nicht ein Mal in meinem Leben cool sein, wenn ich es mir wünsche?
Eigentlich wollte ich so schnell wie möglich wieder gehen, aber wenn’s um Frühstück geht, bin ich nicht zu bremsen. Zu Hause frühstücke ich immer nur ein Schüsselchen Schoko-Knusper-Müsli vom Discounter meines Vertrauens und dazu noch einen kalten Kaffee vom Vortag, falls noch etwas in der Kanne ist, das nicht schon seit Tagen herumsteht. Das ist dann schon das höchste der Gefühle. Ich tue das aber nur, weil ich zu faul bin, irgendetwas vorzubereiten. Tatsächlich liebe ich ein ausgiebiges Frühstück. Und hier war ich im Paradies. Es gab einfach alles. Schon der Duft war sensationell.
Nach etlichen mit Schokoladecreme gefüllten Mini-Croissants, unzähligen Latte Macchiatos und, als krönenden Abschluss, noch Baguette mit Spiegeleiern und wunderbar knusprig gebratenem Speck, ging es mir wieder besser. Hoffentlich war niemandem aufgefallen, dass ich mindestens zehn Mal am Buffet war. Als ich gerade überlegte, ob ich mir als, sagen wir: weiteren krönenden Abschluss noch einen Espresso gönnen sollte, oder mir der Vitamine wegen vorher doch einen Obstsalat genehmigen sollte, kam der Linksscheitel und setzte sich zu mir. Ich glaube, es war der gleiche, dem ich meine Idee erklärt hatte, aber ganz sicher war ich mir nicht, weil von der Sorte mehrere herumliefen. Kann sein, dass auch ein paar Rechtsscheitel dabei waren, so genau habe ich nicht hingesehen.
»Es freut mich, dass Ihnen das Frühstück hier schmeckt.«
Ich grinste ihn gelassen an. Wenn das eine Spitze gewesen sein sollte, so war sie wirkungslos abgeprallt an meinem aus Koffein, Zucker und Fett geschmiedeten Schutzpanzer der Zufriedenheit. Ist es nicht immer wieder überraschend, welch große Wirkung Essen auf unsere Stimmung hat? Wenn es mir richtig schlecht geht und ich völlig fertig bin und dann einen Kaffee trinke und etwas Süßes dazu esse, geht es mir augenblicklich wieder besser. In dem Moment will ich mir das natürlich nicht eingestehen, aber es ist so.
»Dr. Anderson möchte mit Ihnen sprechen.« Oha, das ist doch was. Aber eigentlich war es mir ja klar gewesen. Ich konnte nicht anders und antwortete laut, so laut, dass man mich im halben Speisesaal hören musste: »Dann gehen wir doch zu Dr. Anderson. Wir sollten ihn auf keinen Fall warten lassen.«
Der Anzugtyp verdrehte genervt die Augen, aber das war mir sowas von egal. Er hatte ja damit angefangen. Ich genoss meinen kleinen Triumph. Zu meiner Freude sah ich die Blonde vom Vortag und bildete mir ein, dass sie mich anlächelte. Ich war eben doch ein Siegertyp, ein sympathischer Rebell. Vielleicht umwehte mich jetzt endlich ein Hauch George Clooney. Als ich an ihr vorbeiging, versuchte ich, selbstsicher zu lächeln, ohne sie allzu deutlich anzusehen. Ich nahm einen leichten Jasminduft wahr, was erstaunlich ist, weil ich eigentlich ein olfaktorischer Krüppel bin, aber ich hatte mal eine Kollegin, die immer Jasmintee getrunken hat und so etwas prägt sich ein.
Die Kirche am Highway sah aus wie hunderte anderer Kirchen in den USA. Ein weißes Holzgebäude mit einem dunklen Dach und einem kleinen, spitzen Turm. Cullen hatte seinen Wagen vor der Kirche geparkt, direkt unter dem hohen Schild, auf dem in großen Lettern »Welcome« stand. Das »c« hing wenig tiefer und hatte eine andere Farbe als die anderen Buchstaben, vielleicht war das alte heruntergefallen und sie hatten ein neues gekauft.
Cullen fuhr einen Jeep Grand Cherokee, und das nicht nur, weil es ein bequemes Fahrzeug war. Auch wenn es nur ein Mietwagen war, war es ihm wichtig, ein amerikanisches Fabrikat zu fahren. Das war für ihn eine Frage der Glaubwürdigkeit.
Die Klimaanlage lief nicht, dennoch war es im Innern der Kirche angenehm kühl. Obwohl neben seinem Wagen noch zwei andere gestanden hatten, war der Raum leer. Vielleicht nutzten die Besitzer der anderen Autos einfach nur den kostenlosen Parkplatz und waren in einem Geschäft in der Nähe.
Gemächlich schritt Cullen durch die leeren Sitzreihen. Ein schwacher Geruch von Kerzenwachs schwebte in der Luft. Seine regelmäßigen Schritte bildeten das einzige Geräusch neben dem bereits entfernt klingenden Rauschen der Autos auf dem Highway. Tapp, tapp, tapp. Wie ein langsamer Herzschlag.
Er fühlte, wie auch er zur Ruhe kam. Er nahm in der zweiten Sitzreihe Platz. Die Kirche war schmucklos, welch ein Gegensatz zu den barocken Kirchen in Europa, die er im letzten Sommer besichtigt hatte, als er im Rahmen einer Tagung nach München gereist war. Dennoch war in der Alten Welt der Glaube klein, nur wenige nannten sich aus vollem Herzen Christen und auch deren Frömmigkeit war oft seltsam verkopft. Sie nahmen das Wort Gottes nicht ernst und drückten sich vor einem klaren Bekenntnis zu Gott. Egal, Europa war weit weg. Alles war weit weg. Jetzt war nur noch wichtig, dass er bei Gott war.
Er kniete nieder und schloss die Augen. Wartete.
Seine Knie schmerzten bereits, als er Schritte hörte. Highheels. Rot, glänzend, allein das eine Verfehlung an diesem Ort. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wie sie aussahen. Sie ging langsam, aber nicht aus Demut. Ohne hinzusehen, wusste er, wie aufreizend sie ihre Hüften schwang. Sie nahm neben ihm Platz und ihr billiges, blumiges Parfum stieg ihm in die Nase.
»Er kommt nicht«, sagte sie. »Ist wohl gerade woanders beschäftigt.«
Bewegungslos verharrte Cullen im Gebet.
»Vielleicht ist er bei einer hübschen Nonne.« Sie kicherte über ihren Scherz. »Nonnen sind doch die Ehefrauen von Jesus, also muss er sie doch auch mal rannehmen, oder?«
Sie schniefte geräuschvoll. »Andererseits … er ist noch nie zu dir gekommen. Nicht wahr?«
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