1 ...6 7 8 10 11 12 ...15 Unter »Original_Media/Incident_No_1« fand ich Dutzende von Videos. Ich klickte auf das oberste. Das klare, aber wenig flüssige Video einer Sicherheitskamera erschien. Das musste den Selbstmord der ersten Gruppe zeigen, damals in Japan. Fujishiro hieß das Kaff, es war, soweit ich mich erinnern konnte, ein Vorort von Tokyo. Ich stellte es mir als richtig öde Schlafstadt vor, aber vielleicht traf das auch nicht zu. Das Video zeigte natürlich nur den Bahnsteig. Er sah sauber aus, geradezu wie geleckt. Die Kamera nahm nur ein paar Bilder pro Sekunde auf, dadurch wirkten die Bewegungen seltsam abgehackt. Die Menschen standen ordentlich in Zweierreihen an einer Markierung an. Würde der Zug etwa genau an der Markierung anhalten? Das wäre praktisch, warum schafft die Deutsche Bahn das eigentlich nicht?
Aber, nein, dieser Zug würde nicht anhalten, das wusste ich schon. Ein paar Mädchen in grauen Schuluniformen steckten die Köpfe zusammen, wenige Schritte entfernt alberten Jungs herum, die die männlichen Pendants der Uniform trugen. Ich sollte mir das nicht ansehen, dachte ich. Aber ich konnte nicht wegsehen. Am oberen Bildrand sah man einen Mann, der gerade aus einer Dose Cola oder etwas ähnlichs trank. Bewegung kam in die Menschen, vielleicht näherte sich der Zug, aber das ließ sich von der Perspektive, aus der das Video aufgenommen worden war, nicht erkennen. Doch, jetzt kam ein Zug, er war sehr schnell, vermutlich ein Expresszug, der nur durchfuhr; jedenfalls viel zu schnell, um anzuhalten.
Eines der Mädchen, das auf einem Mäuerchen gehockt hatte, stand plötzlich auf und sprang mit zwei großen Schritten auf die Schienen. Sie musste ein sportliches Mädchen gewesen sein. Beinahe sofort sprangen auch die anderen Jungen und Mädchen hinterher. Sie folgten ihr einfach, als gäbe es kostenlos Eiscreme oder so etwas. Das Video hatte keinen Ton, aber ich glaubte dennoch, das Kreischen der Bremsen des Zugs zu hören und das Geschrei der anderen Wartenden. Dann flogen Körperteile herum und ich hielt das Video an. Ach, du Scheiße, was für eine Sauerei. Scheiße, Scheiße, Scheiße. Wie konnte ein Mensch so viel Energie aufbringen, nur um sein Leben zu beenden? Sollte man, wenn man lebensmüde war, nicht irgendwie schwach und matt wirken? Das war ein Sprung, mit dem sie auf jedem Sportfest geglänzt hätte – aber sie würde nie wieder zu einem Sportfest … Fuck.
Ich bin bestimmt nicht zimperlich, aber es ist eben doch ein Unterschied, ob ich einen Horrorfilm ansehe, oder ob ich weiß, dass sich etwas wirklich zugetragen hat. Um mich abzulenken, wollte ich schnell etwas anderes anschauen. Ich scrollte ein paar Videos nach unten und fand ein untertiteltes Interview mit Satsukis Mutter, die immerzu nur weinte und ihrem Vater, dem die Aufmerksamkeit anscheinend in erster Linie unangenehm war. Beide schienen keine Ahnung zu haben, warum Satsuki sich das Leben genommen hatte. Warum sie so plötzlich die Lust am Leben verloren hatte. Wie es aussah, hatten sie aber nicht wirklich viel über das Mädchen gewusst. Ein entgeisterter Blick auf die Frage, ob Satsuki einen Freund gehabt hätte, dann vorsichtiges Nachfragen und entschiedenes Verneinen. Völliges Entsetzen schließlich, als gefragt wird, ob ihre Tochter vielleicht Drogen genommen hätte. Naja, so sind Eltern eben. Darum waren die Aussagen, dass es »keine Anzeichen« gegeben habe und Satsuki »ein ganz normales Mädchen« gewesen sei, sicher mit Vorsicht zu genießen.
Wesentlich interessanter fand ich ein Gespräch mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester. Sie war Satsuki wie aus dem Gesicht geschnitten und automatisch überlegte ich, wie sich diese Ähnlichkeit nutzen ließe. Nochmal sorry, aber ich kann eben nicht aus meiner Haut. Fünfzehn Jahre in der Werbung gehen nicht spurlos an einem Menschen vorüber. Die Schwester verstand überhaupt nicht, was passiert war und wusste nichts über die Gründe für den Selbstmord ihrer Schwester. Sie rutschte unbehaglich auf dem Stuhl hin und her, während sie sich so tapfer und so völlig erfolglos bemühte, nicht zu weinen, wenn sie von ihrer großen Schwester sprach, dass es selbst mich rührte und ich mir über die Augen wischte. Ich erkannte, dass sie die gleiche Uniform wie ihre Schwester trug. War sie gerade erst aus der Schule gekommen?
»Wie war dein Verhältnis zu deiner großen Schwester?«
Sie schien die Frage nicht zu verstehen. »Sie ist meine große Schwester.«
»Mochtest du sie?«
Sie presste die Lippen zusammen und hielt sich die Hand vor dem Mund. Dann nickte sie. Glücklicherweise beharrte der Interviewer nicht auf einer verbalen Antwort und fuhr fort: »Ist dir an Satsuki irgendetwas aufgefallen in letzter Zeit?«
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
Dem Interviewer war die Antwort wohl zu schnell gekommen. »Denk noch einmal darüber nach.« Das Mädchen errötete und sah zu Boden. Ich fand es unverschämt, die Aussage des Mädchens in Zweifel zu ziehen. Sie war doch kein kleines Kind mehr. Gut, sie war auch nicht erwachsen, aber dieses Nachfragen war respektlos.
»Nun?«
Ratlos sah sie an der Kamera vorbei, vielleicht suchte sie Hilfe bei einem für uns unsichtbaren Kameramann.
Nach einer kleinen Ewigkeit fuhr der Interviewer fort. »Sie war also wie immer.«
Sie presste die Lippen so fest zusammen, dass sie ganz weiß waren.
»Hat sie mit dir jemals über Selbstmord gesprochen?«
Keine Antwort. Ich wollte den unbarmherzig Fragenden anschreien, dass er das arme Kind endlich in Ruhe lassen sollte. Doch der hatte wohl eine Liste, die er abarbeiten musste.
»Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dich umzubringen?«
Ein entsetzter Blick. Entschieden schüttelte sie den Kopf.
»Bist du glücklich?«
Ich konnte nicht glauben, dass der Interviewer diese Frage gestellt hatte. Das Mädchen hatte gerade seine Schwester verloren und dann so eine Frage.
Mit leerem Blick sah das Mädchen in die Kamera, eine Träne rann aus ihrem Auge. Schnell, als müsse ihr das peinlich sein, wischte sie sie weg. Dann nickte sie, aber ihre gesamte Körpersprache sagte das genaue Gegenteil. Vielleicht fühlte sie sich zum Glücklichsein verdammt.
Ich spürte den unwiderstehlichen Drang, den Interviewer zu schlagen und das Mädchen in den Arm zu nehmen. Da beides nicht ging, beendete ich den Videoplayer. Als ob ich dadurch das furchtbare Interview ungeschehen machen könnte.
Danach hatte ich wirklich keine Lust mehr auf etwas Trauriges und schaltete den Fernseher ein. Offensichtlich gewährte man uns nicht einmal Zugriff auf das normale Fernsehprogramm, sondern stellte uns zu Unterhaltungszwecken lediglich eine Filmbibliothek zur Verfügung. Hatten sie Angst, dass uns eine Nachrichtensendung aus dem Gleichgewicht bringen könnte? Mir war’s erst einmal egal und so wählte ich Charlie Chaplins »Gold Rush« aus der Bibliothek. Den Streifen hatte ich sowieso schon lange mal wieder sehen wollen. Ich fläzte mich in den Sessel und muss dabei eingeschlafen sein.
Elijah erwachte mit einem dumpfen Gefühl im Kopf. Irgendetwas summte, oder war das nur in seinem Kopf? Er öffnete die Augen, aber es war, als nähme er alles um sich herum durch eine dicke Glasscheibe wahr. Sein erster Blick fiel auf einen weißen Tisch. Da war auch etwas Buntes. Es dauerte eine Weile, bis er erkannte, dass es Blumen waren. Alles war voller Blumen. Als sich sein Blick etwas fokussierte, sah er, dass von manchen Blumensträußen Bänder mit Sprüchen herabhingen.
Wie auf dem Friedhof, dachte er. Langsam konnte er klarer sehen. »Bürgermeister« stand auf einem der Bänder. »Police Department« auf einem anderen. Er las »Für einen Helden«, »Stadt Milwaukee«, irgendwas mit »Senator«, der Rest war nicht zu lesen, und noch einmal: »Einem echten amerikanischen Helden«.
Nach und nach kam die Erinnerung wieder. Das Rennen. Der Wagen. Was war es noch? Ach, ja, ein Ford Tempo. Hellblau. Wie der Himmel.
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