»Willst du sie nicht mitnehmen?«, fragte sie ihn, als er sich gerade von den kleinen Totems abgewandt hatte.
»Wozu?«, fragte er unsicher.
»Sie sind von deinem Vater...«, antwortete sie, schlicht. »Ich verstehe, wenn du sie mitnehmen möchtest.«
Der junge Häuptling überlegte, gründlich.
»Eine unnötige Last.«, sagte er schließlich. »Selbst wenn ich sie mitnehmen würde, was sollte ich damit tun?«
»Angorath hat beachtliche Magie damit betrieben und-«, sagte Reila, doch sie wurde unterbrochen.
»Wir wissen alle, dass das eine Geschichte ist, Reila. Nicht mehr. Mein Vater war mächtig und hätte diese Dinge auch ohne... ohne diese Dinger gekonnt.«
Auch wenn er es nicht zugab, wusste Reila, dass sie einen Nerv getroffen hatte. Hakhouta war stark und sein Wille war Eisen, doch er hatte auch Gefühle, wie jeder andere. Auch wenn Orcs dies nicht oft zeigten.
»Und selbst wenn... die Geister sprechen nicht mehr zu mir. Ich denke daran kann man nichts ändern.«, sagte er, lächelte Reila zu und er verließ mit seinem Beutel das Zelt.
Reila überlegte einen Moment. Und nachdem ein paar Minuten vergangen waren, nahm sie sich einen zweiten Beutel, und stopfte die drei kleinen Totems mit Tierköpfen darauf, in diesen Beutel. Sie guckte hinein und bemerkte, dass wenn Hakhouta mitbekommen würde, dass sie sie doch mitgenommen hatte, er wahrscheinlich etwas... gereizt darauf reagieren könnte. Also überlegte sie schnell und zückte ihr Messer. Sie ging zu der Wand des Zeltes, wo verschiedene Felle hingen und schnitt ein Stück davon ab.
»Perfekt«, dachte sie und grinste. Eine simple Lösung, aber sie würde reichen, dachte sie, nachdem die das Fell über die Totems in ihrer Tasche ausgebreitet hatte. So würde niemand darauf Acht geben.
Außerhalb des Zeltes erwartete sie Durcheinander und Unordnung, doch als sie ihren Kopf raus aus dem Zelt, ins glühende Sonnenlicht streckte, sah sie den Häuptling vor einer, für Orcs, relativ gut gegliederten Masse stehen.
»Wir gehen langsam!«, brüllte er, und brachte damit auch die letzten tuschelnden Stimmen zum Schweigen. »Wir denken an die Kranken, Jungen und Alten!«, sprach er weiter, »Wir sollten einmal pro Tag an einer Wasserstelle vorbeikommen!«. Er blickte in die Masse, die erwartungsvoll stillstand. Hakhouta hatte das Gefühl, dass die meisten auf mehr Anweisungen warteten. Doch die Wahrheit war, dass er selbst nicht wusste, ob es überhaupt noch mehr gab. »Wir ziehen gen Westen!«, brüllte er und stampfte auf die Orcversammlung zu, direkt auf die Mitte. »Draghol?!«, fragte er laut, und schon kurz darauf, erschien Draghol an seiner Seite.
»Hm?«, schnaufte er. »Na los Leute, bildet eine Gasse!«, schnauzte er, als die beiden zwischen den Orcs hin und her liefen. Und als ob er ein magisches Wort gesagt hätte, spaltete sich die große Gruppe auf, um ihren Häuptling durch zu lassen.
»Du läufst hinter mir.«, sagte Hakhouta zu Draghol.
»Hm.«, Draghol nickte, und fasste seine große Zweihandaxt. Sie gingen noch eine kurze Zeit durch die Menge hindurch, und dem Häuptling wurden viele Sachen zugeflüstert, gerufen und gesagt. Oftmals Danksagungen, viele schienen diesen Gedanken schon eine Weile gehabt zu haben. Den Gedanken an das Verlassen dieses Ortes. Sie sprachen ihm gut zu, und priesen seinen Mut. Im Normalfall, würde er dies hinnehmen. Doch mit jedem Kompliment was er bekam, wurde er noch unsicherer.
Durch die Menge hindurch gestoßen, blickten die beiden Orcs auf das alte Land. Steiniger, orange-gelb farbiger Boden, und eine dünne Schicht Sand darüber so weit das Auge reichte. In weiter Ferne sahen sie ein paar Dünen aus Sand. Große Steine, und kahle, trockene Bäume schmückten den Horizont. Und ohne es wirklich gemerkt zu haben, waren die beiden schon losgelaufen. Und hunderte von Orcs, begannen ihnen zu folgen. Der Clan war losgezogen.
Natürlich wusste Hakhouta genau, wo der Westen lag. Doch in seinem Inneren war es ihm wohler zu Mute, wenn er sich von etwas anleiten lassen konnte. Deswegen lief der junge Häuptling zwar immer etwas abseits, aber immer in Sichtweite der großen Pfotenabdrücke, die Satug vor wenigen Stunden auf dem warmen Stein zurückließ. Kinder und Eltern redeten, und äußerten ihre Sorgen einander. Sie flüsterten zwar, aber Hakhouta überhörte dennoch viel des Getuschels. Die Laune Draghols hatte sich seit dem letzten Gespräch gehalten. Er war motiviert, mehr als er es in den letzten Monaten war. Nun war es für Draghol auch nichts Besonderes. Noch befand sich der Clan im Jagdgebiet der Orcs. Und Draghol, als Leiter der Jagd kannte jeden Stein, jedes Erdloch und jedes Sandkorn in und auswendig. Er jagte hier schon seit vielen Jahren, deswegen hatte der Häuptling auch entschieden, dass er vorne lief. Auch wenn es keiner äußerte, und Hakhouta war nicht einmal sicher ob Draghol es selbst spürte, es gab den einfachen Orcs des Clans ein gutes Gefühl, zu wissen, dass jemand der sich auskannte, vorne zu sehen. Hakhouta hatte auch schon gejagt, für die Verhältnisse eines Häuptlings ziemlich oft sogar. Doch im Endeffekt, wusste Hakhouta nach jeder Jagd, dass diese seine Letzte hätte seien können. Und dieses Risiko wollte er weder für den Clan, noch für Reila tragen. Draghol stopfte sich seine Holzpfeife, in der Hoffnung, dass er am Abend etwas entspannen könne. Gerade noch in der Mitte der Masse, lief Narush mit Ginja. Und da die beiden die einzigen Nicht-Orcs des Clans waren, waren sie auch immer wieder Lieblinge der jungen Orcs. Und das nicht nur, weil sie anders aussahen, nein. Narush hatte immer eine Geschichte zu erzählen, wenn man ihn danach fragte. Zugegeben, nicht alle Eltern der Kinder hießen diese, in manchen Fällen nicht ganz jugendfreie, Geschichten gut.
»Und dann nachts, wenn der Häuptling Tenzhu schlief«, kicherte er. Ginja grinste mit ihm und lachte leise, während die Kinder lauschten. »Sind wir zusammen auf das Dach des Häuptlings geklettert und haben getanzt! Die ganze Nacht! Naja, bis das große Feuer erlosch und... wir nichts mehr sehen konnten natürlich«.
Ginja hatte drei Taschen über ihre Schulter gehängt. Sie waren alle gefüllt mit Holzschüsseln und kleinen Gefäßen, welche die verschiedensten Kräuter darin hatten. Und Narush war auch nicht wenig bepackt. Er hatte auch drei Taschen um sich gehängt, nur waren seine Taschen einzig und allein mit Kräutern gefüllt. Als Heiler und Kräutermischer, hatten die beiden Trolle eigentlich immer zu tun. Und Draghols Jagdgruppe brachte immer neues Kraut mit, bei jeder Jagd. Doch ab jetzt, mussten die beiden wohl selbst darauf achten und mitnehmen, was sie konnten. Da Narush auch nicht der beste Denker war, hatte er sich nicht die Mühe gemacht abzuschätzen wie viel Kraut man für eine solche Reise benötigen würde. Und somit hat er einfach alles mitgenommen, was er hatte. Ginja hingegen nahm nur das Nötigste mit. Das Wertvollste und wichtigste Kraut. Zum Heilen von Wunden, Senkung von Fieber und Lindern von starken Schmerzen. Während einer von Narushs Beuteln voll mit leckerem Tee war.
»Heute Nacht«, sagte Narush, nachdem alle Kinder verschwunden waren. »Werden wir brauen.«
Ginja nickte, zustimmend.
»Hast du Feuersteine eingepackt?«, fragte sie, mit strengem Blick, wie eine Mutter ihr Kind anschauen würde, nachdem es die Feuersteine vier Mal vergessen hatte.
Narush schluckte. Er wusste was für ein Theater es gäbe, wenn er sie vergessen hätte.
Nervös huschten seine Augen hin und her, nur nicht die Augen von Ginja treffend. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn.
»Vielleicht.«, antwortete er, determiniert, doch Ginja deckte den Bluff ohne Schwierigkeiten auf.
»Gut, dass ich sie eingesteckt habe, Schwachkopf.«, sagte sie und rollte die Augen.
Narush atmete auf und wischte sich die Stirn.
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