Nadira hatte nicht verstanden, was Callanor damit gemeint hatte, ihr Lager in das Dorf zu integrieren. Aber es war schnell klar geworden, als sie mit dem Aufbau anfingen. Sie stellten ihre Zelte so auf, wie die Dorfbewohner es mit ihren Hütten getan hatten. Statt im Kreis um ein Lagerfeuer, bildeten sie enge Gassen zwischen den Zelten und den Hütten des Dorfes.
Während sie ihre Zelte aufbauten, tauchten immer wieder Dorfbewohner auf. Natürlich waren sie neugierig auf die Fremden, die aus einem anderen Land gekommen waren, auf die seltsame Kleidung, die sie trugen (aus der Sicht von Leuten aus Miragar) und die seltsamen Zelte, die sie aufstellen. Aber Niemand wage es, die Fremden anzusprechen. Vielleicht wussten sie auch einfach nicht, was sie fragen sollten.
Sie stellten ihre Zelte am Rand des Dorfes auf. Wie ihnen das Schutz bieten sollte, war Nadira nicht klar, aber sie vertraute darauf, dass Callanor wusste, was er tat.
Als sie mit dem Aufbau fertig waren, tauchte ein Dorfbewohner auf, blieb in der Nähe von Nadira stehen und starrte sie an. Nadira achtete nicht weiter darauf, da immer wieder Dorfbewohner auftauchten und sie beobachteten. Deshalb kümmerte sie sich erst um ihren Schlafplatz.
Als sie kurz darauf wieder aus dem Zelt herauskroch, stand der Dorfbewohner immer noch an derselben Stelle. Als Nadira ihn (oder sie?) näher begutachtete, bekam sie das Gefühl, dass es derselbe war, der sie zum Ältesten gebracht hat. Aber sie konnte nicht genau sagen, woher sie das wusste.
Wieso stand er nur da und starrte sie an? Hatte das eine bestimmte Bedeutung? War es einfach nur die Art der Bewohner von Miragar? Oder die Art dieser Person? Nein, sie hatte es schon zu oft gesehen. Es war sicher kein Verhalten dieser einen Person. Nadira ging auf den Dorfbewohner zu und sah ihn fragend an.
„Der Älteste würde jetzt gerne die Geschenke sehen", sagte er plötzlich. Er kann ja doch reden , dachte Nadira. An der Stimme erkannte sie nun auch, dass es sich um einen Mann handelte.
„Darüber musst du mit Callanor reden", sagte Nadira. „Der Mann, der mit dem Ältesten verhandelt hat."
„Aber bist nicht du die hohe Dame?"
„Ja. Aber ich habe die Verhandlungen nicht geführt." Nadira überlegte, ob sie ihn einfach wegschicken sollte. „Komm, wir gehen zu Callanor."
„Callanor", rief Nadira. „Er kommt, um die Geschenke abzuholen."
Callanor sah den Dorfbewohner einen Augenblick an. Konnte er diese Menschen unterscheiden? Offensichtlich ja. Auch wenn Nadira nicht klar war, woran genau. Vielleicht war es einfach eine Sache der Erfahrung.
„Wir sind noch nicht ganz soweit. Wir sind eben erst mit dem Aufbau fertig geworden", sagte Callanor. „Richte dem Ältesten bitte aus, dass ich ihm die Felle persönlich vorbeibringen werde, sobald ich hier fertig bin. Ich muss die Arbeit noch überwachen."
Der Dorfbewohner verneigte sich. „Außerdem hat der Älteste mir aufgetragen, euch zu einem gemeinsamen Essen einzuladen. Und er würde sich freuen, wenn er Spezialitäten aus eurem Land kosten dürfte."
„Wir nehmen die Einladung gerne an. Wir haben aber keine Spezialitäten dabei. Der Weg ist zu weit und unser Essen verdirbt schneller, als das der Menschen von Miragar." Callanor zögerte kurz. „Aber ich werde sehen, was sich machen lässt. Vielleicht haben wir noch Gewürze oder andere Dinge, die in Miragar selten sind."
Das schien den Boten zufriedenzustellen. Er verneigte sich und verschwand wieder.
„Ich muss Aurel fragen, ob sie noch Gewürze hat", sagte Callanor.
„Hat sie bestimmt", sagte Nadira. „Wenn sie nicht schon alles verbraucht hat."
Tatsächlich hatte Aurel auf Anhieb eine Idee, was sie zubereiten konnte. Am späten Nachmittag machte sich die Gruppe auf den Weg zum zentralen Platz des Dorfes. Mit dabei hatten sie einen großen Packen Felle und einen Eintopf mit besonderen Gewürzen, die für die Dorfbewohner hoffentlich exotisch waren.
Fast das ganze Dorf schien sich auf dem zentralen Platz versammelt zu haben. Auch der Älteste war jetzt nicht mehr in seiner Hütte, sondern saß mitten auf dem Platz, neben einem Feuer, das sie errichtet hatten.
Als Nadira und die anderen ankamen, machten die Dorfbewohner einen Weg für sie frei, der sie direkt zum Feuer führte. Nadira fühlte sich ein wenig unbehaglich. Es waren sehr viele Menschen hier auf diesem Platz. Deutlich mehr, als dass man sich noch wohlfühlen konnte.
Ein Dorfbewohner trat ihnen entgegen, um die Felle in Empfang zu nehmen. Er brachte sie dem Ältesten, der sie genau in Augenschein nahm. Kurz darauf zauberte sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Er schien mit dem Geschenk zufrieden zu sein. Mit einer Geste lud er sie ein, sich zu ihm zu setzen.
Jedem von ihnen wurde eine hölzerne Schale mit einem grauen Brei und mehreren Streifen von trockenem Fleisch gereicht. Es sah nicht besonders appetitanregend aus. Callanor hatte ihnen schon gesagt, dass sie kein Festmahl erwarten konnten. Die Bewohner des Ödlands hatten nicht viel, und das, was sie hatten, musste vor allem haltbar und nahrhaft sein, nicht aber gut schmecken.
Der Brei war fast geschmacklos. In Alluria würde man ihn zumindest mit Gewürzen schmackhafter machen. Die Menschen in den Ödlanden von Miragar aber kannten kaum Gewürze. Sie waren den reichen Leuten in Resperu vorbehalten. Das Fleisch war zäh und schwer zu kauen, aber es schmeckte, zumindest im Vergleich zu dem Brei, gar nicht so schlecht.
Schließlich war es an der Zeit, dass Aurel ihren Beitrag zu diesem Essen beisteuerte. Sie stellte den Kessel noch einmal auf das Feuer, damit der Eintopf auch schön heiß war, dann erhielt der Älteste die erste Schale.
Und wieder stahl sich ein Lächeln auf sein vom Alter gezeichnetes Gesicht. Er lobte die Köchin lautstark. Nadira hoffte, sie erwarteten nicht, dass jeder Dorfbewohner etwas von dem Eintopf abbekam. Er würde nämlich nicht annähernd reichen.
Aber offenbar wurde das gar nicht erwartet. Tatsächlich sah Nadira nur sehr wenige Leute etwas essen. Mussten die anderen alle hungern? Oder war das hier eine Veranstaltung für die Gäste, und die anderen Dorfbewohner sahen nur zu?
Nadira bemerkte, dass Aurel in einer angeregten Diskussion mit dem Ältesten und einigen anderen Dorfbewohnern verstrickt war, in der sie wohl Rezepte austauschten und über die Vorzüge von verschiedenen Gewürzen sprachen.
Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Nadira hatte es gar nicht bemerkt. Der Unterschied zwischen Tag und Nacht war in Miragar nicht so groß, wie in Alluria. Das Feuer hatte ausgereicht, den Sonnenuntergang zu verschleiern.
Es herrschte ausgelassene Stimmung, wenn diese auch ziemlich ruhig war, wie es wohl die Art des Volkes von Miragar war. Da schnitt plötzlich ein fürchterliches Heulen durch die Stille der Nacht.
Die ausgelassene Stimmung war sofort zu Ende. Nadira lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Noch nie hatte sie so ein Geräusch gehört. Es war ein Schrei voller Pein, voller Hass, er war gleichzeitig ein Schrei des Schmerzes als auch der Aggression, ein unmenschlicher Laut, so unendlich bedrohlich wie der Tod.
„Was war das?", flüsterte Nadira. Sie hatte Angst laut zu sprechen, weil sie befürchtete, das Wesen das diesen Laut ausgestoßen hatte, auf sich aufmerksam zu machen.
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